Sein spätes Glück mit der jungen Diane
Reinhold Messner war der Erste, der auf den Gipfeln aller Achttausender stand. In seinem Buch „Sinnbilder“ erzählt er, was seine Erfolge ausmacht und grübelt über Nachhaltigkeit. Mit seiner neuen Frau Diane habe er die späte Liebe gefunden.
Der Berg ruft.“ Reinhold Messner, 78, stand auf 3.500 Gipfeln, etwa 100 davon waren Erstbegehungen. Der bärtige Südtiroler bezwang alle 14 Achttausender. Dem nicht genug, durchquerte er zu Fuß die Antarktis, Grönland der Länge nach, Tibet sowie die Wüsten Gobi und Taklamakan. Mit 78 Jahren tritt er freilich kürzer, hat aber eine neue Liebe gefunden. Gemeinsam mit seiner Frau Diane hat er das Buch „Sinnbilder“ (Argon Balance Verlag, rund 23 Euro) verfasst, in dem die beiden über das Leben philosophieren.

Messner verlor sieben Zehen und drei Fingerkuppen
Das Bergsteigen wurde dem gebürtigen Südtiroler vor der Kulisse der Dolomiten schon in die Wiege gelegt. „Schon mit fünf Jahren bestieg ich mit meinem Vater meinen ersten Dreitausender“, erzählt der am 17. September 1944 in Brixen (Italien) geborene Reinhold Andreas Messner, wie er mit bürgerlichem Namen heißt. Er wuchs in der kleinen Gemeinde Villnöß auf. Gemeinsam mit seinen acht Geschwistern musste er in der elterlichen Kleintier- und späteren Geflügelzucht fleißig anpacken. „Es kostete mich Überwindung, einem Kaninchen das Fell abzuziehen. Als Braten am Sonntag schmeckte sein Fleisch trotzdem.“
Weil er lieber kletterte, als die Schulbank zu drücken, verpatzte er die Matura, holte sie aber nach. Messner studierte einige Semester Vermessungskunde an der Uni von Padua (Italien) und arbeitete später als Mathematik-Lehrer.

Doch eine Karriere als Profi-Bergsteiger war ihm wichtiger. Im Jahr 1970 bezahlte er seinen Wagemut fast mit dem Leben. Gemeinsam mit seinem jüngeren Brüder Günther bezwang er ohne Sauerstoffgerät den 8.125 Meter hohen Nanga Parbat in Pakistan.
Beim Abstieg erlebten die beiden die Hölle. Mehr als 30 Stunden lang hatten sie nichts mehr gegessen oder getrunken, es herrschten minus 40 Grad. Messners Bruder, der hinter ihm unterwegs war, schaffte es nicht mehr nach unten, er wurde höchstwahrscheinlich von einer Lawine begraben.

Reinhold Messner überlebte nur knapp. „Ich stolperte tagelang talwärts, aufgemuntert von Reitern, Helfern und anderen Halluzinationen, die mir entgegenkamen. Sie alle entpuppten sich als Sträucher oder freistehende Felsen.“ Einheimische retteten ihm das Leben, wegen Erfrierungen wurden ihm aber sieben Zehen und drei Fingerkuppen an der rechten Hand amputiert. Die Leiche seines Bruders wurde erst 35 Jahre später gefunden.
Seit den 1980er Jahren engagiert sich Messner für die Umwelt, als parteiloser Kandidat für die Südtiroler Grünen wurde er sogar für fünf Jahre ins Europäische Parlament gewählt. Den Klimawandel sieht er als großes Problem.

„Obwohl die Erderwärmung inzwischen sichtbar und spürbar ist, etwa durch die Gletscherschmelze und vermehrte Unwetter, sind nur wenige von uns bereit, sich beim Konsum einzuschränken.“ Messner ist überzeugt, dass wir durch Verzicht die Klimakrise bewältigen können. „Dieser Verzicht muss aber freiwillig sein, er darf nicht aufgezwungen werden, sonst funktioniert das nicht.“
Auch seine Klettererfolge beruhen auf Verzicht. Als Jugendlicher konnte er sich keine teure und schwere Ausrüstung leisten, auch später sparte er diese bei seinen Touren aus. „Für mich waren die großen Abenteuer ohne Verzicht nicht denkbar, weil sie nicht finanzierbar waren.“

„Mit 75 stand ich auf einmal alleine da“
In seinem Privatleben erlebte er Höhen und Tiefen. Von 1972 bis 1977 war Reinhold Messner mit Ursula Demeter verheiratet. Aus seiner Beziehung mit Nena Holguin stammt Tochter Layla, 41. Im Jahr 2009 heiratete er seine langjährige Freundin, die Wiener Textildesignerin Sabine Stehle, 58. Der Ehe entstammen die drei Kinder Magdalena, 34, Simon, 32, und Anna Juditha, 21. Sohnemann Simon Messner hat von seinem Vater die Faszination für die Berge geerbt, das Verhältnis zur Bergsteiger-Legende sei aber „nie ganz einfach gewesen. „Mein Vater war streng und abwesend“, erzählt Simon Messner.

2017 erlitt Reinhold Messner einen schweren Schicksalsschlag, als ihn seine Frau verließ. „Es war eine der schlimmsten Enttäuschungen meines Lebens. Ich brauchte Monate, um mit der Situation zurechtzukommen. Mit 75 stand ich auf einmal alleine da“, erzählt Messner.
Ein Jahr später gab ihm eine neue Bekanntschaft Hoffnung. Die um 35 Jahre jüngere, aus Luxemburg stammende Diane hatte Messner vor einem seiner Museen mit den Worten, „Wäre ein Erinnerungsfoto recht?“ angesprochen. Schon bald darauf waren sie ein Paar, 2021 gaben sie sich das Jawort.

„Die Beziehung mit Reinhold ist ein Abenteuer“
„Mit Diane fühle ich mich angekommen. Wir teilen die Begeisterung für die Berge, gehen gemeinsam wandern, besteigen auch Gipfel oder bleiben ein paar Tage auf einer versteckten Hütte im Gebirge ganz für uns“, schwärmt er. Diane Messner erzählt, „eine Beziehung mit Reinhold ist ein Abenteuer. Ich liebe ihn für seine offene, natürliche Art zu denken.“ Oft erzählt er ihr von seinen Expeditionen. Das Paar lebt auf Schloss Juval in Südtirol, das früher Messner gehört hat, in einer kleinen Dachwohnung. Dort probieren sie, nachhaltig zu leben.

Zudem haben sie gemeinsam das Unternehmen „Messner Mountain Heritage“ gegründet. „Wir planen eine letzte große Expedition. Mit dieser wollen wir mit Festivals, Vorträgen, Filmen und Diskussionen Menschen das Abenteuer des traditionellen Alpinismus näherbringen.“
Sein hohes Alter verachtet Messner fröhlich. „Ich habe kein Problem mit meinem Alter, ich werde nicht versuchen, mit vorgetäuschter Jugendlichkeit dagegen anzukämpfen.“ Auch mit dem Tod hat er sich angefreundet. „Unser aller Leben ist endlich, weil das Leben zugleich Sterben bedeutet. Die Tibeter sagen, ‚Wer nicht zu sterben gelernt hat, kann nicht leben‘“, philosophiert der 78jährige.