Kleben fürs Klima
Ihre Klebe-Aktionen sorgen für Staus und wütende Autofahrer. Für die Klima-Aktivisten sind sie Notwehr.
Es dauert, bis die Polizei die angeklebten Klima-Aktivisten von der Straße löst. In Graz war in der vergangenen Woche die Sitzblockade erst nach einer Stunde beendet. Hunderte Autofahrer standen im Frühverkehr der steirischen Landeshauptstadt im Stau. Die Wut auf die „Klima-Kleber“ war groß.

Klima-Kleber jetzt auch in den Bundesländern
Nach Wien und Graz sind jetzt auch in Innsbruck und Linz Straßen-Klebereien geplant. In der Bundeshauptstadt haben die Mitglieder der „Letzten Generation“ zuletzt teils den Verkehr in ganzen Stadtteilen lahmgelegt. Jetzt wollen sie in Wien „Straßenaktionen für dieses Jahr pausieren“. Ab dem 9. Jänner soll es aber wieder losgehen, wenn die Regierung nicht auf die Forderung der Klimaaktivisten nach Tempo 100 auf der Autobahn eingeht.

Stattdessen soll es andere „Aktionsformate“ geben, „als Stichworte seien Kunst, Sport und Farbe genannt“. Was genau das heißen soll, will Caroline Thurner, eine der führenden Köpfe der „Letzten Generation“ hierzulande nicht sagen. Einen Vorgeschmack gab es zuletzt, als sie sich mit anderen am Podest eines Dinosaurier-Skeletts im Naturhistorischen Museum festklebte, „weil ich nicht aussterben will wie sie“.

Den Namen „Letzte Generation“ haben die Klimaschützer gewählt, weil sie überzeugt sind, dass sie der Generation angehören, die den Klimakollaps noch verhindern kann.
Dass bei Straßenblockaden ausgerechnet diejenigen zum Handkuss kommen, die am wenigsten zu sagen haben, etwa Pendler am morgendlichen Weg in die Arbeit, sorgt für wenig Verständnis bei Autofahrern.
Auch von den etablierten Klimaschützern von „Fridays for Future“ haben sie wenig Rückendeckung: „Wir grenzen uns klar von ,Letzte Generation‘ ab, trotzdem sind diese Protestformen wichtig.“

Kritik gibt es jedenfalls aus der Politik. „Was viele selbsternannte Klimaretter mit ihrer Aktion ignorieren: Gerade Stau ist ein extremer CO2-Verursacher“, kritisiert Kurt Egger, der Generalsekretär des ÖVP-Wirtschaftsbundes.

„Mob von selbsternannten Weltrettern“
„Was wir brauchen, sind neue klimafreundliche und CO2-sparende Technologien und nicht einen Mob von selbsternannten Weltrettern, die unsere Infrastruktur lahmlegen.“
Die FPÖ will sogar eine Überwachung der „Letzten Generation“ durch den Verfassungsschutz und eine Strafverschärfung bei der „Behinderung von Einsatzkräften“. Denn die Klebeaktionen seien „nichts anderes als eine Form von Terror, der in unserem Land und unserer Gesellschaft keinerlei Platz haben darf.“
Die Klima-Kleber glauben hingegen an Zuspruch von den Bürgern. „Die Solidarität in der Bevölkerung ist stark“, meint Caroline Thurner.

Mittlerweile sind die Klima-Kleber schon routiniert. Bei ihren Blockaden handelt es sich um nicht angemeldete Versammlungen. „Wir haben Banner mit und eine politische Forderung“, erklärt die Chemikerin Thurner. „Das Versammlungsrecht ist in der Verfassung geschützt.“
Die Auflösung läuft immer gleich ab. Die Polizei setzt eine „Frist zum freiwilligen Verlassen der Örtlichkeit“, wird bei der Landespolizeidirektion Wien erklärt. Nachdem die Aktivisten ihre Hände mit Superkleber auf die Straße gepickt haben, ist das aber nicht möglich. Deswegen hebt die Polizei die Kundgebung zwangsweise auf.

Dafür muss zuerst der Superkleber gelöst werden. Die Polizei in Wien tut das „meistens mit einem Kleberentferner, das haben wir allerdings nicht so gern, weil man nicht weiß, was da drinnen ist“, erzählt die 52jährige Thurner. „Viel einfacher wäre es mit Aceton, es würde sogar Speiseöl genügen. Zuletzt haben sie es mit Nagellackentferner gemacht, das geht auch.“

Die Klebe-Aktionen sind ein Verwaltungsdelikt, die ohne Verfahren verhängten Geldstrafen betragen bis zu 720 Euro. Doch die zahlen die Klimaschützer nicht. „Wir erheben in der Regel Einspruch und wollen, dass der Fall vor Gericht kommt. Dass ein Richter entscheidet, ob wir bezahlen müssen oder nicht.“ Zuständig ist das Verwaltungsgericht.
„Sich festkleben“ allein, egal ob auf der Straße oder in einem Museum, ist noch kein Delikt, heißt es im Innenministerium. Sollte etwas zerstört werden, ist das allerdings Sachbeschädigung. Der Klebe-Aktionismus auf der Straße zieht oft Verstöße gegen die Straßenverkehrsordnung und anderes nach sich.

Mitte Oktober schütteten zwei junge Frauen von „Just stop oil“ (Stoppt einfach Öl) Paradeissuppe auf Vincent van Goghs Gemälde „Sonnenblumen“ in einem Londoner (England) Museum und klebten sich an die Wand daneben.
Das Gemälde war hinter Glas, kleinere Schäden sind laut Museum am Rahmen entstanden. Die Organisation fragte danach auf dem Kurznachrichtendienst Twitter. „Ist Kunst mehr wert als Leben? Mehr als Essen? Mehr als Gerechtigkeit?“

Kopfschütteln und Missbilligung sind die häufigsten Reaktionen auf die Bild-Anschüttungen. Das sei nicht das Anregen einer Debatte, sondern „gedankenloses Handeln junger Klimafanatiker, die kein Interesse daran haben, irgendetwas zu diskutieren. Sie haben weder Recht, noch sind sie im Recht. Wenige Vandalen sind es je“, lautete etwa ein Kommentar. Dass ausgerechnet Lebensmittel für die Schüttaktionen verwendet werden, sorgt auch nicht für Pluspunkte.

Ölerbin finanziert Klima-Aktivisten
Nach dem Unfalltod einer Radfahrerin in Berlin (D) stehen die Klimaaktivisten zusätzlich in der Kritik. Sie war von einem Betonmischer überrollt worden. Der Stau durch eine Klima-Aktion habe laut Feuerwehr das Spezialfahrzeug zum Anheben des Betonmischers acht Minuten gekostet. Eine Notärztin hingegen soll erklärt haben, dass sie sich auch mit dem Spezialfahrzeug gegen eine Bergung damit entschieden hätte. Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft, wie es zu dem Unfall kam.
Die deutschen Klima-Aktivisten wehren sich. Sie hätten auf der Schilderbrücke protestiert, nicht auf der Straße. „Kein Mensch der ,Letzten Generation‘ saß am betreffenden Tag auf der betreffenden Autobahn.“ Die Polizei habe die Straße gesperrt.

In Deutschland stammt ein großer Teil der Mittel für die Aktionen laut Berichten vom „Climate Emergency Fund“ (Klima-Notfall-Fonds). Das Geld dafür kommt unter anderem von der Ölerbin Aileen Getty. Bei uns sollen die „Klima-Kleber“ zuletzt noch kein Geld aus dem Fonds bekommen haben.
Dass sich die Proteste der verschiedenen Organisationen gerade jetzt häufen, ist kaum ein Zufall. Seit 6. November feilschen 40.000 Teilnehmer aus 200 Ländern um die Reduktion von Treibhausgasen und Ausgleichszahlungen.
In den mit Klimaanlagen gut gekühlten Konferenzsälen der Weltklimakonferenz im ägyptischen Badeort Sharm El-Sheikh diskutieren Politiker, Diplomaten, Umweltschützer und Industrievertreter, wie das Ziel von höchstens 1,5 Grad Erderwärmung bis 2100 im Vergleich zum Ende des 19. Jahrhundert umgesetzt werden soll. Und was das für die Wirtschaft der einzelnen Länder bedeutet.

Die meisten Teilnehmer sind mit dem Flugzeug angereist. Dutzende Privatjets sind Sharm El-Sheikh oder Kairo angeflogen und haben Hunderte Tonnen CO2 verbraucht. Um eine Tonne CO2 aufzunehmen, muss eine Buche 80 Jahre lang wachsen.

Klimaschäden: Ärmere Länder wollen Schadenersatz
China, das Land mit dem höchsten CO2-Ausstoß weltweit, investiert mehr als alle anderen in erneuerbare Energien. Im „Reich der Mitte“ steht das größte Wasserkraftwerk und der zweitgrößte Solarpark der Welt. Doch Energiesicherheit steht an erster Stelle, deshalb baut China weiter Kohlekraftwerke. Der Einmarsch Russlands in der Ukraine und die Energiekrise lassen auch andere Länder umschwenken.
Beim Pro-Kopf-Ausstoß an CO2 liegt China nur an vierter Stelle. Das meiste Kohlendioxid pro Person produzieren die Amerikaner vor den Russen. Im Gegensatz zu anderen internationalen Konferenzen ist die russische Delegation in Ägypten willkommen.

Vor allem ärmere Länder fordern eine Art Schadenersatz für Verluste und Zerstörungen durch die Erderwärmung. Unser Land will in den nächsten vier Jahren 50 Millionen Euro dafür locker machen.
Dass das Ziel von höchstens 1,5 Grad Erderwärmung erreichbar ist, glaubt kaum noch jemand. „Wir sind auf dem ,Highway‘ zur Klimahölle“, malt UN-Generalsekretär Antonio Guterres schwarz.

Caroline Thurner hält ihre Klebe-Aktionen deshalb für gerechtfertigt: „Es tut uns leid, dass wir mit unseren Protestformen die Gemüter der Menschen erhitzen. Es ist aber so, dass der Ärger die Menschen aus ihrer Lethargie herausholt. Wut ist ein wunderbarer Schwunggeber.“

„Die wahren Terroristen sind die Konzerne, die weiterhin nach Öl und Gas bohren“
Caroline Thurner, 52, ist Chemikerin und Klima-Aktivistin der „Letzten Generation“.

Frau Thurner, wie oft haben Sie sich schon auf der Straße angeklebt?
Ich weiß es nicht, viele Male in Österreich und auch in Deutschland. Ich werde es weitermachen, bis die Regierung uns zeigt, dass sie endlich bereit ist, die Klimakrise ernstzunehmen. Tempo 100 kann nur ein erster Schritt sein. Wir müssen alle Maßnahmen ergreifen, die man ergreifen kann. Es brennt der Hut, es geht ums Ganze.

Sie fordern Tempo 100 …
Das spart sofort 300 Millionen Liter Sprit, wenn Tempo 100 auf der Autobahn, Tempo 80 auf der Landstraße und Tempo 30 in der Stadt eingeführt werden. Die Luft wäre besser, wir hätten weniger Verkehrstote. Es hilft uns sogar beim Gassparen, weil die Produktion von Diesel und Benzin jede Menge Gas verbraucht.

Warum sind Sie Teil der „Letzten Generation“ geworden?
Weil mich die Untätigkeit in unserer Regierung wahnsinnig macht. Im IPCC-Bericht, dem Bericht des Weltklimarates, steht drinnen, dass selbst beim Erreichen des Zwei-Grad-Zieles schon in wenigen Jahrzehnten 3,5 Milliarden Menschen in Regionen leben, wo es schlichtweg zu heiß ist, wo man nicht mehr leben kann. Für Europa bedeutet es, dass die Donau und der Rhein ausgetrocknet sein werden. Das alles aufgrund unserer Lebensweise. Weil wir es nicht schaffen, die einfachsten Energiesparmaßnahmen umzusetzen. Wollen wir schuld sein, dass im vergangenen Jahr zum Beispiel 250.000 Kinder in Ostafrika verhungert sind?

Sie werden auch als „Klima-Terroristen“ bezeichnet …
Wir fragen uns, wer sind eigentlich die Terroristen? Wir bedrohen kein Leben, wir zerstören nicht das Leben auf der ganzen Welt. Wir sind der Meinung, dass die wahren Terroristen, die wahren gefährlichen Radikalen die großen Konzerne sind, die weiterhin nach Öl und Gas bohren und unsere Welt in Flammen stecken. Ebenso wie die Regierungen, die mit ihnen zusammenarbeiten und diesen Konzernen keinen Riegel vorschieben.

Zuletzt war die Aufregung groß, nachdem eine Radfahrerin gestorben ist, weil ein Spezialfahrzeug angeblich nicht schnell genug durch einen Stau kam, der von Aktivisten verursacht wurde …
Ich finde es schockierend, wie Medien arbeiten, dass sie sofort uns den schwarzen Peter in die Schuhe schieben und uns verleumden. Es gibt viele Menschen, die uns jetzt erst recht hassen. Aber wir blockieren nie Rettungseinsätze. Die Autofahrer wären aufgerufen, eine Rettungsgasse zu bilden. Dass sie das nicht machen, ist eigentlich eine Gesetzlosigkeit von den Autofahrern und nicht von uns. Wir halten immer eine Rettungsgasse frei. Bei uns dürfen sich gar nicht alle Aktivisten ankleben, damit eben immer ein Rettungswagen durchfahren kann.

Schon vorher wurden Sie im Stau öfter mit dem Ärger der Autofahrer konfrontiert. Werden Sie beschimpft?
Einer Freundin hat ein Mann das Banner aus der Hand gerissen und es ihr ins Gesicht geschlagen, so dass sie an der Wange geblutet hat. Bei einer Aktion ist ein Autofahrer absichtlich über meinen Rucksack gefahren. Im Auto haben dann alle gejohlt vor Freude. Eine Autofahrerin hat einmal Aktivisten eine Wasserflasche über den Kopf geleert. Wir haben aber auch schon Kaffee und Essen von Passanten bekommen. Die Solidarität in der Bevölkerung ist stark, nur die kommt leise. Die Gegner sind laut und darum glaubt man, dass sie viel mehr sind.