Ölmultis im Fußballrausch
Messi und Ronaldo dribbeln ab nächster Woche in Katar um den größten Pokal, den es im Fußball gibt. Doch abseits des grünen Rasens erleben wir auch die wohl schmutzigste WM der Geschichte, geprägt von Bestechung, Menschenrechtsverletzungen und Öko-Wahnsinn.
Heftige Kritik prasselt seit Monaten auf Katar ein. Für die deutsche Innenministerin Nancy Faeser wäre es besser, „wenn an solche Länder keine WM vergeben wird“, für die Amnesty-International-Sprecherin Audrey Gaughran befindet sich das Land in einer „Spirale von Ausbeutung und Missbrauch“ und der Trainer der Niederlande Louis Van Gaal nennt die Veranstaltung ein „lächerliches Turnier zu einem Zeitpunkt und in einem Umfeld, das des Fußballs nicht würdig ist“. Viele fragen sich seit Jahren, wie ein diktatorischer Wüstenstaat ohne Fußballtradition, mitten im Winter, ohne vorhandene Infrastruktur mit der angeblich schlechtesten aller Bewerbungen 2010 den Zuschlag erhalten konnte.

Katar kostet das 15-fache der bisher teuersten WM
Die Antwort ist einfach und zwölfstellig. Rund 150 Milliarden Euro ließ sich das superreiche Land unter Scheich Tamim bin Hamad Al-Thani diese WM kosten. Unglaublich, aber dies ist das 15-fache der bisher teuersten WM 2018 in Russland.
Wenn also FIFA-Präsident Gianni Infantino davon spricht, dass „das erfolgreichste Fußballspektakel aller Zeiten bevorsteht“, meint er damit wohl den vom Weltfußballverband FIFA erwarteten Rekordgewinn von 6,5 Milliarden Euro. Was allerdings die WM-Vergabe betrifft, ist es heute längst Gewissheit, dass kriminelle Machenschaften am Werk waren.

Wurden schon vor Jahren Ex-FIFA-Boss Joseph Blatter und Ex-UEFA-Präsident Michel Platini der Korruption überführt und von diesen Verbänden für Jahre gesperrt, so gehen Experten davon aus, dass praktisch alle Stimmen für die WM in Katar gekauft waren. Die FIFA-Komiteemitglieder Amos Adamu aus Nigeria und Reynald Temarii aus Haiti gaben dies sogar in geheim aufgezeichneten Gesprächen zu und wurden daraufhin noch vor der WM-Vergabe ausgesperrt. „Es gibt immer Angebote von Bewerberländern für meine Stimme, da reden wir von zehn bis zwölf Millionen Dollar“, nennt Temarii sogar den gängigen Preis.

Mit ähnlichen Vorgangsweisen sicherte sich Katar in den vergangenen 15 Jahren hunderte Sportveranstaltungen, darunter die Leichtathletik WM 2019, wo freilich beim Marathonbewerb angesichts von 33 Grad Hitze 28 Teilnehmer kollabierten. Damit dies beim Fußball nicht passiert, garantieren die Veranstalter der FIFA diesmal Stadiontemperaturen zwischen 22 und 27 Grad, die durch gigantische Klimaanlagen, gespeist von riesigen Solarpaneelen, erreicht werden sollen. Um den ökologischen Wahnsinn des Stadionkühlens in einem Wüstenstaaat, der übrigens in der Stadt Azizya eine Eislaufhalle betreibt und in Lusail eine Schihalle baut, ein wenig zu mildern, pflanzte Katar für die Kritiker 16.000 Bäume.

Gegossen werden sie mit Wasser, das unter hohem Schadstoffausstoß in Meerentsalzungsanlagen gewonnen wird. Kein Wunder, dass Katar bereits 2019 das Land mit dem höchsten CO2-pro-Kopf-Ausstoß weltweit war, während des WM-Monats wird die Emission von 3,6 Millionen Tonnen CO2 erwartet, soviel wie manche Länder in einem Jahr nicht „sündigen“.

Auch die Errichtung der acht modernen Stadien ist ein Desaster, denn das kleine Drei-Millionen-Einwohner-Land hat danach keinen Nutzen mehr dafür. Es ist beschlossene Sache, dass fast alle Sportstätten nach der WM abgerissen oder rückgebaut und die meisten der Sitze weltweit für Sportprojekte verschenkt werden. Diese Verschwendung wirkt angesichts des Schweißes und Blutes der laut Berichten beim Bau fast wie Sklaven gehaltenen Hilfsarbeiter noch kurioser, die zum Teil jenseits aller Menschenrechte in Gluthitze arbeiten mussten. „Ich habe dort keinen einzigen Sklaven gesehen, die laufen alle frei herum“, relativierte zuletzt fast höhnisch der Fußball- „Kaiser“ und das Ex-FIFA-Komiteemitglied Franz Beckenbauer, wofür er hart kritisiert wurde. Die englische Zeitung „The Guardian“ beklagt jedoch 6.500 Arbeiter, die in den vergangenen Jahren auf den Baustellen zu Tode kamen. 35.000 Beschwerden wurden registriert, weil Löhne nicht bezahlt und Urlaube nicht genehmigt wurden.

Traditionelle Wintersportarten fallen WM zum Opfer
Tausende Kilometer weiter weg sind in Europa unterdessen viele Sportverbände stinksauer auf die FIFA, weil zahlreiche traditionelle Wintersportereignisse einfach niedergewalzt werden. So müssen der Weltcupauftakt der Rodler in Igls (T) wegen der WM-Konkurrenz abgesagt und die Schi-Nordamerika-Rennen erstmals in den Februar verlegt werden. Die Schispringer begingen, um eine Fernseh-Kollision mit dem Kick zu vermeiden, ihren Saisonstart Anfang November so früh wie noch nie und aufgrund der milden Temperaturen erstmals in der Weltcup-Geschichte auf Matten statt auf Schnee. „Das ist sehr ärgerlich“, kritisiert der deutsche Weltmeister Markus Eisenbichler.

„Offensichtlich sind wir zu klein, um da mitreden zu dürfen.“
Unterm Strich bleiben zahlreiche Kritiker der WM, aber auch kein einziges Land, das seine Teilnahme verweigerte. Wird die Fußballszene aus dem Fiasko wieder nichts lernen? Der deutsche Fußball-Unternehmensberater Tobias Bärschneider glaubt schon. „Umfragen zeigen einen klaren Imageschaden für die Sponsoren“, erklärt er. „Wenn nur noch an den Korruptionsskandal und nicht an den Sport gedacht wird, werden die Geldgeber reagieren.“