„Summen Sie so oft Sie können“
Die Stimme ist ihre Leidenschaft und Berufung zugleich. Im WOCHE-Gespräch verrät die Stimm- und Sprechtrainerin Heilwig Pfanzelter, 68, frühere Fernsehmoderatorin, wie sich mit kleinen Übungen Stimme und Stimmung verbessern.
Frau Pfanzelter, wird uns die Stimme in die Wiege gelegt?
Was uns tatsächlich in die Wiege gelegt wird, ist das richtige Atmen. Babys können stundenlang schreien, ohne auch nur einmal außer Atem zu kommen. Ihr Bäuchlein wippt dabei rhythmisch auf und ab, das passiert reflektorisch. Viele Erwachsene haben diese Tiefenatmung jedoch verlernt. Die gute Nachricht, man kann sie wieder lernen.

Worauf bauen Sie bei Ihren Übungen?
Der Atem ist ein Grundpfeiler meines Stimm- und Sprechtrainings. Das richtige, also tiefe Atmen ist der Schlüssel für eine gesunde und tragfähige Stimme. Es gibt viele effektive Übungen dafür, mit denen wir wieder lernen, was wir schon als Babys konnten, und zwar richtig zu atmen. Sicheres, souveränes Auftreten entsteht durch konsequentes Üben.

Wie kann die Mimik die Stimme verändern?
Allein ein Lächeln schenkt der Stimme mehr Wärme. Wenn dabei gleichzeitig die Augen zu leuchten beginnen, verändert sich auch die Stimme in diese Richtung. Die freundliche Mimik bewirkt zudem, dass die Körpersprache offener wird.

Erkennen Sie an der Stimme, ob jemand lügt?
Ich kann erkennen, ob das, was ein Mensch sagt, mit seiner Körpersprache übereinstimmt. Das heißt, ob er glaubhaft auf mich wirkt. Ob er dabei lügt, kann ich nicht erkennen. Dies herauszufinden, überlasse ich lieber den Kriminologen (lacht).

Lässt die Stimme auf den Charakter schließen?
Auf den Charakter weniger, jedoch welches Temperament jemand hat. Menschen mit piepsiger, hoher Stimme, einer nuschelnden und undeutlichen Aussprache werden eher als inkompetent und unsicher eingestuft. Da kann das Chanel-Kostüm noch so entzückend sein. Die Stimme macht es kaputt. Eine tiefe Stimme hingegen vermittelt Kompetenz und Vertrauen.

Erkennen Sie anhand der Stimm-Melodie, wie sich jemand fühlt?
Die Stimme überträgt Emotionen und unser persönliches Empfinden. Sie ist wie ein Seismograf. Ist jemand gereizt, unsicher oder nervös, spricht er schneller, leiser und wahrscheinlich mit wesentlich höherer Stimme. Gelassenheit wiederum äußert sich durch eine Stimme, die aus der Mitte kommt.

Wie beeinflusst das „Werkzeug“ Stimme Partnerschaften oder Liebesbeziehungen?
Gerade im zwischenmenschlichen Bereich einer Partnerschaft kommt dem Klang einer Stimme große Bedeutung zu. Tiefere, dunkle Stimmlagen und deutliches Sprechen sind auch unter Liebenden empfehlenswert, um zu vermeiden, dass die Angebetete fragt, „Liebling, was hast du gesagt?“ und damit vielleicht die ganze Romantik futsch ist. In erster Linie sollte in der Liebe jedoch das Herz sprechen (lacht).

Was macht die Stimme charismatisch?
Der Ton macht die Musik! Der Klang einer Stimme hat einen entscheidenden Einfluss darauf, ob wir eine Stimme charismatisch finden. Daneben sind es die Tonhöhe, der Rhythmus, die Sprachmelodie, die Wahl der Worte und – das mag jetzt etwas widersprüchlich klingen – die Pausen. Sie erhöhen und steigern die Überzeugungskraft, machen den Stimmklang wirkungsvoller und damit auch charismatischer.

Wodurch wird die Stimme klangvoller?
Eine der besten Übungen für eine klangvollere Stimme ist das Summen. Summen Sie so oft Sie können. Unter der Dusche, im Auto, auf dem Weg ins Büro. Ihre Stimme wird auch klangvoller, wenn Sie auf die Vokale achten. Vokale schenken der Stimme Wärme, weshalb wir sie nicht verschlucken dürfen. Hierfür empfehle ich Zungenbrecher wie den Satz „Als Anna abends aß, aß Anna abends Ananas“. Wichtig beim „A“ ist, den Mund zwei Finger breit zu öffnen, damit sich das „A“ voll entfalten kann. Die Mundhöhle ist unser Megaphon, je weiter offen, umso klangvoller die Stimme.

Wie lässt sich unser „Megaphon“ verbessern?
Bei mir erhält jeder, der seine Stimme und sein Sprechen verbessern möchte, einen Korken, um die Mundöffnung zu weiten. Dieser wird zwischen die vorderen Schneidezähne geklemmt. Das Sprechen mit dem Korken bewirkt, dass besonders deutlich artikuliert werden muss. Das Sprechen danach, ohne Korken, ist hörbar klarer.

Offenbar bewirken einfache Mittel viel …
Genau – niemand, der seine Stimme und gleichzeitig seine Stimmung verbessern möchte, muss hoffnungslos bleiben. Achtsamkeitsübungen ergänzen den ganzheitlichen Ansatz.

Welche Achtsamkeitsübung empfehlen Sie?
Beispielsweise auf den Atem zu achten. Sich hinsetzen, die Wirbelsäule nach oben hin ausrichten, die Augen schließen und den Atem bewusst wahrnehmen. Einatmen, ausatmen. Gedanken, die kommen, weiterziehen lassen und wieder zum Atem zurückkehren. Durch das bewusste Wahrnehmen der eigenen Atmung verankert man sich im Hier und Jetzt. Das schafft Präsenz, erhöht die Konzentration und schenkt Energie.

Womit verleihen Sie der Stimme Kraft?
Mit Stimmübungen, die ich vor jedem Auftritt mache, und Achtsamkeitsübungen für Präsenz und Konzentration. Ich meditiere seit zehn Jahren, betreibe seit 15 Jahren Yoga. Das erdet mich, bringt mich in meine Mitte. Zudem singe ich leidenschaftlich gerne. Auch Singen gibt der Stimme Kraft. Mit der Stimme beschäftige ich mich seit jeher, sie ist für mich Leidenschaft und Berufung zugleich. Als ich mit elf Jahren vor meiner Klasse in aller Dramatik „Die Bürgschaft“ von Schiller vortrug und eine Stecknadel fallen hörte, wusste ich, dass ich mit der Kraft der Stimme arbeiten möchte. Was ich mit großer Begeisterung immer noch mache.