„Das Leben wartet nicht auf uns“
Das gab es bislang auch noch nicht – eine erfolgreiche Popsängerin aus Armenien. Ihr Künstlername: Rosa Linn, ihr richtiger Name: Roza Kostandyan. Sie ist 22 Jahre alt und kommt aus der mit 120.000 Menschen drittgrößten Stadt des Landes, das nur rund drei Millionen Einwohner zählt. Linn mischt mit ihrem an den Indie-Pop einer Lily Allen erinnernden Lied „Snap“ gerade die Hitparaden auf. Und das, obwohl sie beim Song Contest mit der Nummer nur unter ferner liefen landete. In unserer Hitparade belegt Linn derzeit Platz elf. Der WOCHE-Reporter Steffen Rüth sprach mit der Künstlerin über ihr Lied, ihre Leidenschaften und ihr Heimatland.
Frau Linn, Sie fliegen demnächst nach Deutschland. Gibt es Direktflüge von Armenien?
Schön wär‘s. Nein, ich fliege von der Hauptstadt Jerewan ab und steige in Istanbul (Türkei) um, das dauert insgesamt mehr als zehn Stunden. Anschließend fliegen wir noch nach England und nach Schweden, später im Jahr will ich in die USA reisen, um dort an meinem Album zu arbeiten. Das Leben ist gerade wahnsinnig aufregend, jeder Tag ist anders.

Ihr Lied „Snap“ mausert sich gerade überall in Europa zu einem Hit. Vor allem auf der bei Jugendlichen populären sozialen Plattform TikTok ist das Lied äußerst beliebt. Wie entscheidend ist das Internet für Ihre Karriere?
Extrem wichtig. Manchmal hätte ich auch Lust, irgendetwas anderes zu machen, als Inhalte fürs Internet zu kreieren, aber das muss definitiv sein, das ist ein Teil meiner Arbeit. Was ich am Internet wirklich gern mag, ist der Austausch mit den Menschen. Ich unterhalte mich praktisch jeden Tag online mit Freunden oder auch mit Wildfremden, die meine Musik gehört haben und neugierig auf mich geworden sind.

Ihr Hit „Snap“ klingt lebendig. Ist das ein Song mit einem Inhalt, der Sie selbst betrifft?
Ein ziemlich ehrlicher Song sogar, den ich um vier Uhr in der Früh in meinem Schlafzimmer geschrieben habe. Ich war alles auf einmal, als ich ihn schrieb – angsterfüllt, wütend, verliebt, liebesbekümmert. Gleichzeitig ist das Lied ein Protestsong – gegen die Engstirnigkeit und Dummheit vieler Menschen. Ich war zu dem Zeitpunkt kurz davor, überzuschnappen. Stattdessen brachte ich „Snap“ zur Welt.

Im Text heißt es „Since June 22nd my heart has been on fire“. Wer oder was genau hat denn an jenem 22. Juni Ihr Herz entflammt?
Das bleibt mein Geheimnis. Sagen wir, ich saß an dem Tag in einem Flugzeug auf dem Rückweg nach Armenien, und etwas auf diesem Flug veränderte mein Leben. Es war ein Wendepunkt.

Stimmt es, dass Sie mit 17 Jahren für ein Jahr nach Amerika gezogen sind? Wegen der Karriere?
Nein, nein, mit 17 gab es noch keine Karriere, nur eine superhungrige Träumerin, die sich nicht scheute, auf andere zuzugehen und Kontakte zu knüpfen. Ich war Austauschschülerin im Staat Wisconsin. Das war schön. Eine neue Erfahrung in einer anderen Welt. Natürlich habe ich an meinem Gymnasium auch Theater gespielt und im Chor gesungen.

Haben Sie Vorbilder?
Mein größtes Idol ist Ozzy Osbourne.

Ungewöhnlich, nicht Taylor Swift oder Dua Lipa?
Die sind auch cool, aber Ozzy ist der Coolste. Ich entdeckte ihn mit 15 Jahren. Ich war eine Teenagerin, die wie wohl alle Teenager teils harte und unschöne Erfahrungen mit dem Erwachsenwerden machte. Ich war stur und zielstrebig, aber Armenien ist ein konservatives Land mit einer konservativen Kultur. Ein Mädchen, das internationale Popmusik machen will? Na ja. „Mach‘ erst einmal die Schule fertig“, war noch das freundlichste, was ich zu hören bekam. Ozzy hat mir unheimlich Mut gemacht mit seinem Lied „Life Won‘t Wait For You“. Das Leben wartet nicht auf uns. Wir müssen selbst durch die Tür gehen. Und wenn sie zu ist, müssen wir sie mit aller Macht aufstoßen.

Armenien gehörte bis 1991 zur Sowjetunion und befindet sich seit vielen Jahren in kriegerischen Auseinandersetzungen mit dem Nachbarn Aserbaidschan …
Jeder, der in Armenien lebt, wächst mit Sorgen auf. Wir sind uns der brisanten politischen Situation bewusst. Aber als Künstlerin widme ich mich nicht der Politik, da ich die Menschen nicht entzweien, sondern einen möchte. Jeder Krieg ist furchtbar. Mein Herz blutet, wenn jemand leidet aufgrund der Entscheidungen anderer. Ich bin zu hundert Prozent für den Frieden.