„Dabei sein ist alles“
Die Pension lässt sich auf viele Arten genießen. Wie es Helmut Sommer angeht, muss ein „Bitte nicht nachmachen“, folgen. Seine Leidenschaft gehört Motorrädern. Mit denen unternimmt er aber nicht nur gemächliche Ausfahrten. Mit 78 Jahren zählt der Sierninger (Bezirk Steyr-Land in Oberösterreich) zu den ältesten Motorrad-Rennfahrern unseres Landes.
I wea hoit scho a bisserl früher bremsat“, antwortet Helmut Sommer, wenn er gefragt wird, was ihn von den Jungen unterscheidet. Wie auch fast alle anderen Fragen, die ihm gestellt werden, bezieht er diese auf seine große Leidenschaft, den Motorrad-Rennsport. Und wenn er sagt, er bremst etwas früher als die Jungen, dann heißt das, früher, als die meisten seiner Konkurrenten. Denn der Oberösterreicher aus Sierning ist 78 Jahre alt und damit einer der ältesten Zweirad-Motorsportler unseres Landes.

„Geht‘s gscheiter Schwammerl brocken“
Trotzdem ist er noch schneller unterwegs, als manche jüngeren Gegner, für die er einen nicht ganz ernstgemeinten Rat bereit hält: „Gehts g‘scheiter Schwammerl brocken“, sagt er dann mit einem spitzbübischen Lachen.
Überhaupt ist „früh bremsen“ in seinem Metier relativ. So ging der sportliche Senior am 1. Mai beim Bergrennen Landshaag (OÖ) an den Start, das aufgrund der erreichten Geschwindigkeiten als das schnellste Motorrad-Bergrennen Europas gilt. „Bis auf zwei Rennen bin ich bis jetzt bei allen 40 Bergrennen in Landshaag dabei gewesen“, sagt Sommer nicht ohne Stolz. Und er gewann die historische Klasse bis 125 cm. Die Fahrt vom Start bis ins Ziel der 3,62 Kilometer langen Strecke dauerte für ihn gerade einmal 107 Sekunden, was einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 121 km/h entspricht. Nicht auf der Autobahn, sondern auf einer schmalen Landstraße bergauf mit Kurven.

Noch schneller war er dort dann mit seinem zweiten Motorrad, einer Honda CBR 600, bei einem weiteren Klassen-Bewerb, bei dem er allerdings Zwölfter wurde. „Da sind die Jüngeren schneller“, gesteht er neidlos ein. Doch ums Siegen geht es ihm längst nicht mehr.
„Dabei sein ist alles“, meint Sommer. Vor zehn Jahren war das noch anders. Da war er zwar auch schon Rentner, was ihn aber nicht daran hinderte, in der historischen 125er Klasse den Europameistertitel einzufahren.

Mit einer BMW 600 am Salzburgring begonnen
Dabei wurde Sommer erst relativ spät mit dem Rennsportvirus infiziert. In einem Alter, in dem viele Aktive schon langsam ans Aufhören denken, spürte er plötzlich Benzin im Blut. „Ich war mit 28 Jahren schon mit dem Hausbau fertig. Weil mir langweilig war, hab ich mir halt ein Motorrad gekauft, eine BMW 600. Ich dachte, das ist ein Geschoss und bin zum Salzburgring gefahren, wo man als Privater noch um wenig Geld Runden drehen durfte.“ Dort traf er Mitglieder eines Motorradklubs aus Deutschland.
„Als wir ein paar Vergleichsrunden gefahren sind, hab ich gesehen, was wirklich schnelle Maschinen sind“, erinnert sich Sommer. Hoffnungslos untermotorisiert, erfuhr er sich aber schnell den Respekt seiner neuen Freunde. „Sie haben sich gewundert, wie ich mit der BMW so flotte Rundenzeiten fahren konnte und gemeint, ich sollte doch Rennen fahren.“

Bei einem Sturz Wirbelfortsätze gebrochen, Schultermuskel abgerissen
Rennen fahren. Zwei Worte, die etwas in ihm auslösten. Dabei wäre eines seiner ersten Rennen fast auch sein letztes gewesen. „Ich war damals, glaube ich, 30 Jahre alt und wieder am Salzburgring“, erzählt der Rennfahrer. „In einer Kurve hat‘s mich so brutal rausgehaut, dass ich gedacht habe, das überlebe ich jetzt nicht.“ Überlebt hat er den Sturz, jedoch mit fünf gebrochenen Wirbelfortsätzen. „Der Arzt im Spital hat mir gesagt, dass ich am Kreuz wahrscheinlich wetterfühlig sein werde, aber i g‘spür nix“, sagt der 78jährige mit einem Schulterzucken. Apropos Schulter. Die linke hat er sich bei seinem letzten schweren Sturz vor fünf Jahren lädiert. „Da ist mir ein Teil der Muskulatur abgerissen und ich hab mir die Frage gestellt, ob ich‘s nicht doch lassen soll.“ Angesichts seiner Teilnahme beim diesjährigen Bergrennen in Landshaag ist ohnehin klar, welche Antwort sich Sommer gab.

Sein bisher letzter Einsatz auf einer Rennstrecke war am 22. Mai, als er beim „Adria Race“ in Rijeka (Kroatien) an den Start ging. Dass er auf der Ergebnisliste nicht zu finden ist, „verdankt“ er einem technischen Gebrechen. „Vor einer Kurve ist am Motorrad das Federbein gebrochen. Mich hat‘s niedergelegt und ich bin ins Kiesbett gerutscht.“ Während bei Senioren in seinem Alter bei wesentlich geringeren Anlässen schon ein Knochen bricht, ist Sommer einfach aufgestanden und hat sich abgeputzt. „Staubig war ich, sonst ist nix passiert.“

Wanderungen auf den Landsberg sind sein Konditionstraining
Das körperliche Rüstzeug für seine „Ausritte“ holt er sich beim Bergwandern. Beinahe täglich „erklimmt“ er den Landsberg bei Grünburg (OÖ) und hat dabei auch immer gern seine Trompete dabei. Am Ziel angekommen bläst er sich dann die Lungen frei. „Ich muss in Form bleiben“, betont er, „damit ich die Qualifikationen schaffe.“