Brauchen wir jetzt eine Vermögenssteuer?
Corona- und Teuerungs-Hilfen haben ein tiefes Loch in das Staatssäckel gerissen. Allein heuer fehlen mindestens 23 Milliarden Euro im Budget. Die Arbeiterkammer, die Gewerkschaft und die SPÖ wollen für einen gut finanzierten Sozialstaat Privatvermögen ab einer Million Euro besteuern. Für Unternehmer und die ÖVP ist eine zusätzliche Steuer allerdings nicht vorstellbar.
JA:
Renate Anderl,
Arbeiterkammer-Präsidentin

„Bereits vor der Pandemie hatte Österreich eine der höchsten Vermögens-Ungleichheiten in Europa. Das reichste eine Prozent besitzt fast 40 Prozent des gesamten Nettovermögens. Die Hälfte der Bevölkerung hingegen besitzt kaum nennenswertes Privatvermögen und hat kein finanzielles Polster, auf das sie in Krisenzeiten zurückgreifen kann. Die Pandemie und nun auch die Teuerung treffen viele Menschen sehr hart, immer mehr Menschen sind von Armut betroffen. Für sie ist ein starker und gut ausgebauter Sozialstaat ein Schutzschild.
Super-Reiche hingegen haben ihr Vermögen sogar in der Pandemie noch weiter vergrößern können, tragen aber vergleichsweise wenig zu unserem Sozialstaat bei. Eine Millionärssteuer, wie sie die Arbeiterkammer fordert, ist daher in erster Linie eine Frage der Gerechtigkeit. Eine Millionärssteuer bedeutet keine Belastung der vielen Menschen in unserem Land, die jeden Tag zur Arbeit gehen und nicht von den Zinsen ihres Vermögens leben können. Vielmehr geht es darum, dass endlich auch die Super-Reichen einen fairen Beitrag zum Wohlstand der gesamten Gesellschaft leisten – denn davon profieren alle und nicht nur einige wenige.“

NEIN:
Christoph Neumayer,
Generalsekretär Industriellenvereinigung

„Er ist der ‚alte Hut‘ der Steuerdiskussion – die Vermögenssteuer. Österreich ist heute schon ein Höchststeuerland, das Bürger von der Wiege bis zur Bahre besteuert – gerade auch beim Eigentumserwerb, -besitz, -ertrag und -verkauf. Vielen reicht das immer noch nicht. Dabei erleben wir gerade eine zusätzliche massive Vermögenssteuer, nämlich hohe Teuerung bei niedrigen Zinsen, die all jenen nimmt, die ihr Geld auf der Bank liegen oder beispielsweise eine Wohnung erworben haben. Was braucht es aber wirklich angesichts Energiekrise, Lieferkettenproblemen, Arbeitskräftemangel und Rekordinflation? Vor allem eine Entlastung, die Arbeit schafft und in schwierigen Zeiten Wohlstand für alle ermöglicht. Wir sollten das Steuersystem so umstrukturieren, dass der Aufbau von Vermögen erleichtert wird und dieses auch erhalten werden kann. Das sehen auch die Bürger so: 72 Prozent wollen keine Vermögenssteuer auf Häuser, Wohnungen. Eine Vermögenssteuer wäre nichts anderes als eine Enteignung des Mittelstandes, denn wer sich die Steuer nicht leisten kann, der muss an jene verkaufen, die es sich leisten können, was die Vermögenskonzentration begünstigt. Und gerade das wollen ja die Anhänger der Vermögenssteuer angeblich nicht.“