So leiden unsere Kinder – Teil 1
Es heißt, in der Krise sind wir alle gleich. Doch Kinder und Jugendliche sind von der Pandemie besonders stark betroffen. Neben dem „Lockdown“-Trauma belasten die junge Generation die Wirtschaftskrise und der Klimawandel. Ein Kinder- und Jugendpsychiater erklärt, was Eltern tun können, damit ihre Kinder Krisen meistern.
Das Treffen mit ihren Freunden war für die 15jährige Sandra Schmidt (Name geändert) aus Niederösterreich die wichtigste Freizeitbeschäftigung. „Es war immer schön, wenn wir uns gesehen haben. Wir haben geredet und natürlich viel Spaß gehabt. Es war auch spannend, weil immer wieder neue Mädchen und Burschen zu unserer Gruppe kamen, die jemand mitgebracht hat“, schwärmt Sandra.

Die Corona-Pandemie hat vieles verändert. „Unsere Gruppe sieht sich kaum noch. Es ist schwer geworden. Im Winter ist es zu kalt, um sich draußen zu treffen. Im ‚Lockdown‘ konnten wir nirgendwo reingehen. Jetzt ist es schon so, dass einige der Freunde kaum noch außer Haus gehen. Wenigstens sehe ich in der Schule ein paar meiner Freunde“, sagt Sandra Schmidt, die ihre Traurigkeit über die neue Situation nicht mehr verbergen kann.

So wie Sandra geht es vielen jungen Menschen in unserem Land. Die starken Veränderungen des Alltags aufgrund der Corona-Pandemie haben ihre Spuren in der Psyche der Kinder und Jugendlichen hinterlassen. Kaum noch Freunde treffen, einsamer Heim-Unterricht vorm Computer oder stundenlanges Maskentragen in der Schule sowie Zukunftsängste, weil zum Beispiel der schon fixe Ausbildungsplatz aufgrund der Corona-Pandemie wieder gestrichen wurde, belasten Tausende Kinder und Jugendliche. Im schlimmsten Fall erleiden sie dazu Gewalt in der Familie aufgrund überforderter Eltern, die Angst um ihren Arbeitsplatz haben und bei geschlossenen Schulen auch noch als Ersatzlehrer einspringen müssen.

Selbstmordgedanken bei Kindern
Kinder- und Jugendpsychiater bestätigen die dramatische Entwicklung. Im Oktober und November wurden etwa eintausendfünfhundert Schüler im Alter von 14 bis 20 Jahren landesweit untersucht. „Die psychische Belastung ist besorgniserregend. Sechs von zehn Mädchen und vier von zehn Burschen weisen eine mittelgradige depressive Symptomatik auf. Rund ein Fünftel der Mädchen und jeder siebente Bursch würden unter wiederkehrenden suizidalen Gedanken leiden. Sie denken entweder täglich oder an mehr als der Hälfte der Tage an Selbstmord“, sagt Univ.-Prof. Dr. Christoph Pieh vom Department für Psychotherapie und Biopsychosoziale Gesundheit der Donau-Universität Krems (NÖ).

Ein Bild, das Prof. Dr. Paul Plener, Leiter der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, bestätigt. „Die ‚Lockdowns‘ beinhalten alles, was in der Entstehung von Depressionen als auslösend diskutiert wird. Die Kinder verloren den für sie so wichtigen Zugang zu Gleichaltrigen und gleichzeitig ihre tägliche Routine, die ihnen Halt und Stabilität gibt. Ihr Schlafrhythmus kam durcheinander, was Schlafstörungen verursachte. Vielen fehlte es an Bewegung in der frischen Luft. Schließlich erstreckte sich ihr Lebensraum nur noch zwischen Kinderzimmer, Bad und Küche“, weiß Prof. Plener.

Die negativen Folgen für die junge Psyche können vielfältig sein, doch zwei Krankheiten zeigen sich während der Corona-Pandemie und „Lockdowns“ am häufigsten, Depressionen und Essstörungen, wie Prof. Plener in seinem neuen Buch „Sie brauchen uns jetzt. Was Kinder belastet. Was sie schützt“ (mit Dr. Silvia Jelincic, Verlag edition a, ISBN: 978-3-99001-523-0, E 20,–) verrät. Andere Beispiele für psychische Erkrankungen, die durch Krisen ausgelöst werden können, sind Angst und Sucht. Wegschauen oder Verharmlosen ist Kindern und Jugendlichen dann keine Hilfe, sondern verständnisvolle Zuwendung, von Eltern, und bei Bedarf freilich von ausgebildeten Fachärzten.

„Diese Erkrankungen lassen sich durch den richtigen Umgang mit Kindern und Jugendlichen verhindern oder an den ersten Warnzeichen leicht erkennen. Die Früherkennung ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für rasche Heilung“, erklärt der Kinder- und Jugendpsychiater und verrät die Anzeichen dieser Erkrankungen (li. Seite Kasten). Scheu, einen Psychiater, Psychotherapeuten oder Psychologen beizuziehen, muss niemand haben, im Gegenteil, meint auch Prof. Pieh. „Hilfe in Anspruch zu nehmen, ist ein Zeichen der Stärke und ist in schweren Fällen dringend geboten.“

Warnsignale für eine Depression
  • Kind zieht sich von Familie, Freunden zurück.
  • Will nur noch für sich sein.
  • Lacht weniger spontan. Weint mehr.
  • Interessen, die früher Spaß machten, sind egal; es folgen keine neuen Interessen (Freud-/Antriebslosigkeit).
  • Probleme mit Ein-/Durchschlafen.
  • Die Grundstimmung hat sich geändert.
Warnsignale für eine Essstörung
  • Kind sorgt sich, an Gewicht zuzunehmen.
  • Konzentration darauf, weniger zu essen; reduzierte Ernährung.
  • Plötzlich wird mehr Sport betrieben.
Warnsignale für eine Online-Spielsucht
  • Kind verliert Kontrolle, kann nicht aufhören zu spielen und weiß das auch.
  • Andere Interessen, die Schule wird vernachlässigt.
  • Die Stunden vorm Computer werden immer mehr.
Warnsignale für eine Angststörung
  • Das Kind beginnt, bestimmte Situationen zu vermeiden (etwa ein Referat in der Schule zu machen, sich in Gruppen treffen …).
  • Das Kind zeigt plötzlich Trennungsängste.
  • Eine vernachlässigbar kleine Quelle der Angst wird als (Lebens-)Bedrohung wahrgenommen.
  • Das Kind fühlt sich „unter Beobachtung“.