Hochblüte der Flitzer
Vor einer Woche war es Lionel Messi, 34, davor Erling Haaland, 21, die Opfer eines Flitzers wurden. Seit nach der Corona-Pause die Zuschauerränge wieder dicht gefüllt sind, stürmen so viele nackte oder angezogene Anhänger wie noch nie den Rasen von großen Sportveranstaltungen, um ihren Lieblingen ganz nah zu sein und für Aufregung zu sorgen. Die Beweggründe der Provokateure sind grundverschieden.
Zugabe, Zugabe“, schrien die erheiterten Zuschauer in Wien-Dornbach, als vor wenigen Wochen ein nackter Mann beim sogenannten „Derby of Love“ zwischen dem Sportklub und der Vienna aufs Spielfeld lief und es ein paar Sekunden lang zu fragwürdiger Berühmtheit brachte. Ende Oktober erst war ein Anhänger auf dem Feld mit Lionel Messi um die Wette gerannt, ein anderer stürmte das Stadion von Borussia Dortmund (D), um mitten im Spiel ein Foto mit Erling Haaland, 21, zu schießen. „Ich verstehe ja die Anhänger, aber wir müssen eine Lösung finden“, ärgert sich Trainer Marco Rose über den jüngsten Trend zu Flitzern in beinahe jedem Dortmunder Heimspiel. „Wenn das alle 80.000 Menschen im Stadion machen, haben wir ein Problem.“

Tatsächlich waren auf den Sportplätzen dieser Welt kaum jemals so viele Flitzer unterwegs wie im vergangenen halben Jahr. Keine Woche vergeht ohne neue Schlagzeilen, auch die Cricket-WM oder der Superbowl, das Endspiel der US-Football-Liga, sind keine Ausnahme. Doch die Beweggründe der oft leichtbekleideten Provokateure sind grundverschieden. So schlüpfte etwa bei der Fußball-EM im Spiel Belgien gegen Finnland eine leicht bekleidete junge Frau aus klar finanziellen Beweggründen aufs Feld, um mit einer Aufschrift auf ihrem Körper Werbung für eine Cryptowährung zu machen, während im Finale zwischen Italien und England ein halbnackter Mann lediglich das Rampenlicht suchte. „Flitzen bietet die Möglichkeit, sich in Szene zu setzen und Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen“, erklärt der Salzburger Sportwissenschaftler Thomas Wörz das Phänomen. „Oft sind die Betroffenen Grenzgänger, die bewusst gegen Sitten oder klare Regeln verstoßen wollen.“

Dies trifft mit Sicherheit auf die derzeit wohl berühmteste Flitzerin, die Amerikanerin Kinsey Wolanski, 25, zu, die 2019, nur mit einem Badeanzug bekleidet, das Champions-League-Finale zwischen Liverpool und Tottenham sowie 2020 auch den Zieleinlauf des Schladminger (Stmk.) Schi-Stadions stürmte, wo sie die Slalom-Zeitnehmung auslöste.

„Ich liebe den Nervenkitzel, besitze den Helikopter-Führerschein und eine Lizenz als Extrem-Fallschirmspringerin“, erzählt die Flitzerin von ihrem bewegten Dasein. „Ich möchte mein Leben bis zum letzten Quäntchen ausleben. Als ich im Finale aufs Feld lief, war das der größte Kick meines Lebens.“ Dabei dürfte es als Nebeneffekt jedoch durchaus ums liebe Geld gegangen sein, schließlich trug sie den Schriftzug der Erotik-Webseite ihres Freundes auf der Brust, für den sie Werbung machte. Ein Riesengeschäft, obwohl Wolanski eine Nacht in der Gefängniszelle verbringen und 15.000 Euro an Strafe zahlen musste, beziffern Experten den Werbewert ihres Auftrittes mit vier Millionen Euro. „Wenn ich 30 Jahre alt bin, will ich so viel Geld verdient haben, dass ich nicht mehr arbeiten muss“, betont das Modell, das im Sog seines seltsamen Ruhmes eine eigene Bekleidungslinie herausgab und nun Hollywood-Schauspielerin werden will. Bei Wolanski liegt das Flitzen ohnehin im Bekanntenkreis. Im Jahr 2014 hatte schon ihr Jugendfreund Vitaly Zdorovetskiy, ein Russe, das Fußball-WM-Finale zwischen Deutschland und Argentinien gestürmt. Dabei hatte der als Scherzbold und Provokateur bekannte junge Mann den deutschen Spieler Benedikt Höwedes „küssen“ wollen, war jedoch zuvor von Ordnern zu Boden gerissen worden. Als Zdorovetskiy und Wolanski beide schon in fast allen großen Arenen Stadionverbot hatten, schickte er schließlich seine Mutter Elena Vultsky vor. Beim Finale der Cricket-WM in London 2019 stürmte sie im Badeanzug das Feld, um mit einem Schriftzug auf dem Körper Werbung für die Webseite ihres Sohnes zu machen.

Viele Beobachter fragen sich, wie es Flitzer trotz der hohen Sicherheitsvorkehrungen immer wieder aufs Feld schaffen. „Du musst in der Nähe eines bewachten Einganges stehen“, weiß Wolanski. „Wenn der Sicherheitsbeamte kurz wegschaut, läufst du vorbei und bist in fünf Sekunden auf dem Feld.“ Dass der Versuch, durchs Flitzen reich zu werden, auch kräftig in die Hose gehen kann, zeigt freilich die Aktion des Amerikaners Yuri Andrade vom vergangenen Februar. Er hatte zuerst im Wettbüro darauf gesetzt, dass ein Flitzer während des Superbowls aufs Feld laufen würde und dies dann selbst gemacht. „Ich hätte 280.000 Euro gewonnen, doch es wurde mir nicht ausbezahlt, weil herauskam, dass ich es war“, ärgert er sich.

Anderen seiner Kollegen ging es nur um politische Botschaften. Der 18jährige Deutsche Luca lief heuer im Juni beim Länderspiel Deutschland gegen Ungarn mit einer Regenbogenfahne aufs Spielfeld, um für Toleranz zu werben. „Als Homosexueller habe ich das Glück, in Deutschland ein freies Leben zu führen“, erklärte er sein Vorgehen. „Ich wollte den intoleranten Ungarn zeigen, dass es völlig okay ist und vielerorts unterstützt wird, anders zu sein.“