Die „Killerbiene“
Bronze in Tokio (Japan) war für die deutsche Radsportlerin Denise Schindler bereits die vierte Medaille bei paralympischen Spielen. Erfolge, die der 35jährigen nicht in die Wiege gelegt wurden. Als Kind verlor Schindler bei einem Unfall den rechten Unterschenkel. In ihrem Buch „Vom Glück Pech zu haben“ schildert sie, wie es möglich ist, an einem Schicksalsschlag zu wachsen.
Es war wohl das beste Unglück, das mir je passiert ist“, sagt Denise Schindler. Während unsereins nicht einmal einer kleinen Abschürfung etwas Gutes abgewinnen kann, spricht die 35jährige von einer echten Katastrophe, die an einem Wintertag im Februar 1988 über sie hereinbrach und ihr Leben unwiderruflich veränderte. Schindler war gerade einmal zwei Jahre alt, als sie in Karl-Marx-Stadt (ehemals Chemnitz, DDR), unter eine Straßenbahn geriet. Dem kleinen Mädchen musste der Unterschenkel amputiert werden. „Jeder Einschnitt in unserem Leben formt unseren Charakter. Ich bin mir sicher, ich wäre ohne den Unfall heute nicht die gleiche Person“, sagt Schindler. Und heute ist sie eine der besten Para-Sportlerinnen der Welt. Ihre Sportgeräte sind die Prothese und das Rennrad.

„Mein Unfall ist für mich nur eine Erzählung“, sagt die 35jährige. Vielleicht ist es die Gnade des Schicksals, dass davon in ihrer Erinnerung keine Bilder abgespeichert sind. Sie weiß nicht mehr, wie sie an der Verkehrsinsel an einer Stelle ohne Geländer herumturnte, als die Straßenbahn losfuhr, oder wie es war, als sie plötzlich wegrutschte und die Straßenbahn sie 50 Meter mitriss, bis jemand die Notbremse zog. Sie hat auch keine Erinnerung an den Schmerz, den die scharfen Kanten der Metallräder verursachten, als sie ihren rechten Vorderfuß abtrennten.

Im Spital versuchten die Ärzte die großflächige Verletzung mit einer Hautverpflanzung zu schließen. Aber der Körper nahm das nicht an, die Wunde war zu stark verschmutzt. Als eine tödliche Infektion drohte, willigten ihre Eltern zur Amputation des Unterschenkels ein.

„Behinderung wurde für mich Alltag“, sagt Schindler. „Die Zeit in der Schule, und vor allem im Schulsport, waren für mich eher demütigend. Da wurden zwei Mannschaften gebildet, dass einer nach dem anderen ins Team gewählt worden ist. Ich war natürlich die letzte oder, wenn ich Glück hatte, die vorletzte. War in der anderen Gruppe eine Person mehr, gab es die Klage, dass dies unfair sei. Dann sagte der Lehrer: ‚Ist kein Problem, die andere Gruppe ist ja behindert.‘ Ich musste lernen, dass ich da drüberstehe. Ich bin froh, dass ich den Sport dann doch noch für mich entdeckt habe.“

Im Fitnessstudio entdeckte sie ihre Liebe zum Radeln

Im Alter von 17 Jahren setzte sie sich im Fitnesstudio, in
dem sie geringfügig beschäftigt war, zum ersten Mal auf
ein Fahrrad-Ergometer. Auf diesem Sportgerät gab es kein
Ziel, das andere vor ihr erreichen konnten. Sie konnte ganz
bei sich sein, spürte keine Schmerzen, weil der Sattel ihr Körpergewicht trug. Bald fuhr sie durch den Bayerischen Wald, später durch die Alpen. Drei Jahre später reduzierte sie die Stunden in ihrer Arbeit als Veranstaltungs-Managerin und verschrieb sich dem Leistungssport.

Das leistungsorientierte Umfeld verpasste ihr den Spitznamen „Killerbiene“. „Weil ich im Rennen alles aus mir herausholen kann“, erklärt Schindler. Und auch der Nachname passt zu ihr. „Weil ich der Typ bin, der sich gern schindet.“ Eine Eigenschaft, die ein Leistungssportler im Allgemeinen und sie im Speziellen benötigt, denn weil sie ihrem Körper so viel abverlangt, entzündet sich sein schwächster Punkt, der Stumpf, immer wieder. Kurz vor der Bahn-WM im vergangenen Jahr machte eine golfballgroße Entzündung in der Kniekehle jeden Tritt zur Qual. Nicht anzutreten kam nicht infrage. Das Ergebnis des Wettkampfes sollte die Qualifikation für die Paralympischen Spiele sichern. Sie erreichte Bronze, unter Schmerzen. Am nächsten Tag ließ sie sich operieren.

Den Lohn für ihr Durchhaltevermögen erntete die „Killerbiene“ heuer bei den Paralympics in Tokio (Japan). Am 25. August gewann die 35jährige in der Bahn-Verfolgung der Klasse C3 über 3.000 Meter die Bronzemedaille. Nach Silber in London (England, 2012) sowie Bronze und Silber in Rio de Janeiro (Brasilien, 2016) ist es bereits ihre vierte paralympische Medaille. „Das war mein großer Traum, darauf habe ich so lange hingearbeitet, das war irgendwie eine magische Schallmauer, wo ich nie durchkam, und jetzt habe ich es hier geschafft“, staunte Schindler anschließend über sich selbst, als sie das kleine Finale mit persönlicher Bestzeit für sich entscheiden konnte.

Ihren nicht gerade einfachen Lebensweg hat Denise Schindler in einem Buch aufgearbeitet mit dem Titel „Vom Glück Pech zu haben“. Darin schildert sie, wie es möglich ist, an einem Schicksalsschlag zu wachsen. „Um wieder in die Spur zu kommen, ist es ganz wichtig, immer wieder an seiner Einstellung zu arbeiten. In jedem schweren, traurigen Moment den Humor zu finden. Auch wenn es manchmal schwerfällt“, sagt Schindler. „Man muss lernen, im Regen zu tanzen.“