So viel Dreck braucht ein Kind
Waschen, putzen, schrubben. Kaum ist das Baby auf der Welt, meinen Eltern, das Kind müsse vor jeder Form von Bakterien, Keimen und Schmutz geschützt werden. Das ist ein Irrglaube. Der Reinlichkeitswahn bereitet den Weg für Allergien und Asthma.
Im „Gatsch“ spielen, Regenwürmer aus dem Boden ziehen, Käfer unter die Lupe nehmen oder mit dem Familienhund auf dem Boden kuscheln. Spiel und Spaß in der Natur, mit Tieren, in Erde, Sand und Matsch lassen Kinderherzen höher schlagen. Der Spaß hält aber meist nicht lange an. Schmutzige Kinderhände erschrecken eine wachsende Zahl an Eltern, die rasch zur Stelle sind, um mit antibakteriellen Feuchttüchern die Finger der Kleinen zu säubern.

Die elterliche Sorge vor Krankheiten und Infektionen sei zu groß, warnen Experten wie Dr. Marie-Claire Arrieta, Mikrobiologin und Expertin für das menschliche Immunsystem der Universität Calgary (Kanada). „Kinder und Schmutz haben eine magische Anziehungskraft. Das ist kein Problem, sondern wichtig und richtig. Mikroorganismen wie Bakterien, Pilze, Viren und Einzeller, die in und auf uns leben, sind in den ersten Lebensjahren unverzichtbare Helfer, um ein starkes Immunsystem aufzubauen“, sagt die Mitautorin des Buches „Dreck ist gesund“ (Goldmann Verlag, ISBN: 978-3-442-17707-3, E 10,30). „Der wichtige Kontakt mit Bakterien beginnt mit der ersten Stunde, mit der vaginalen Geburt. Im Geburtskanal bekommt das Kind eine große Ladung Bakterien mit auf den Weg. Sie benetzen Augen, Nase und Mund des Kindes. Sogar Mikroorganismen aus dem Stuhl der Mutter sind dabei. Die enthaltenen Bifido- und Laktobazillen helfen dem Säugling, die Muttermilch zu verdauen“, verrät die Wissenschaftlerin. Durch Kaiserschnitt geborene Kinder haben diesen „natürlichen Service“ nicht. Manche Klinik versorgt daher Hochschwangere kurz vor dem Kaiserschnitt mit Vaginaltampons. Ist das Baby auf der Welt, werden Augen, Nase und der Mund des Neugeborenen mit dem Sekret der Mutter benetzt. Dazu werden die Brustwarzen der Mutter bestrichen, damit das Kind beim Stillen die wichtigen Mikroben für sein Immunsystems aufnimmt.

Der Start ist wichtig
Der Mikrobenkontakt bei der Geburt ist aber nur der Startschuss. „Bis zum fünften Lebensjahr benötigt das Kind für den Aufbau eines starken Immunsystems viel Kontakt mit Mikroorganismen aus der Natur. Kinder müssen
mit Erde, Sand, Steinen, Tieren und Pflanzen in Berührung kommen.“ Das belegen viele Studien. Auch jene von Marburger (D) Forschern, die einen medizinischen Beweis gefunden haben, warum zu viel Hygiene schlecht ist. „Kinder in einer allzu keimfreien Umwelt sind besonders anfällig für Allergien. Jene, die auf einem Bauernhof aufwachsen, haben nur ein halb so großes Risiko für Heuschnupfen und Asthma“, berichtet Prof. Harald Renz vom Universitätsklinikum Marburg über die Ergebnisse einer gemeinsamen Studie von Kliniken in München (D) und Marburg, Salzburg und Basel (Schweiz). An 3.500 Kindern wiesen die Forscher anhand spezieller Botenstoffe, sogenannter Zytokine, nach, dass das Immunsystem der auf einem Bauernhof aufgewachsenen Vier- bis Achtjährigen auf besondere Weise trainiert war. „Weil sie ständig mit Keimen konfrontiert werden, wird ihr Immunsystem toleranter. Es gewöhnt sich an harmlose Bakterien“, erklärt Renz. Beim Kontakt mit harmlosen Allergenen wie Pollen reagiert das Immunsystem der Bauernkinder nicht.

Besonders gut vor Asthma und Heuschnupfen geschützt waren Kinder, deren Mütter in der Schwangerschaft im Stall arbeiteten.
Kinder, die nicht auf einem Bauernhof aufwachsen, können dennoch mit ausreichend „Dreck“ in Kontakt kommen, damit ihr Immunsystem stark wird, versichert Dr. Arrieta. „Je mehr sich ein Kind in der Natur bewegt, fangen spielt, auf Bäume klettert, barfuß über Wiesen läuft und sich schmutzig macht, desto besser ist es. Kinder, die mit einem, vom Tierarzt als gesund befundeten Hund aufwachsen, haben ein geringeres Asthma- und Allergierisiko. Kinder sollen Laub angreifen, ohne dass sofort das antibakterielle Reinigungstuch über die Hände gewischt wird. Es ist nachgewiesen, dass ein Schnuller, der zu Hause oder auf einem Waldweg kurz auf den Boden fällt, ausreichend sauber wird, wenn ihn die Mutter ablutscht und dem Kind zurückgibt“, verrät Dr. Arrieta.

Abwechslung im Essen stärkt die Darmmikroben
In ähnlichem Ausmaß, wie Asthma und andere Autoimmunkrankheiten bei Kinder steigen, häufen sich die Allergien auf Nahrungsmittel. Der Verdacht der Mediziner, im Darm siedeln zu wenige der „guten“ Bakterienarten. „Die fünfhundert bis eintausend Bakterienarten im Darm sind das Mikrobiom. Je mehr und unterschiedlicher die Bakterienarten sind, desto besser ist das fürs Immunsystem und die Verdauung. Der Grundstein fürs Mikrobiom wird in der Kindheit gelegt. Mit neuen Speisen kommen neue Mikroorganismen in den Darm“, erklärt Dr. Arrieta und empfiehlt, bei Kindern zwischen dem vierten und sechsten Monat mit dem Beifüttern zu beginnen. „Bieten Sie Abwechslung. Hafer, Gerste, Roggen, Quinoa, Linsen, Bohnen, Kefir, Süßerdäpfel. Am Beginn als Teelöfferl, dann ein Esslöffel und so weiter. Dazu nach Bedarf stillen. So bekommt das Immunsystem eine größere Toleranz, das Allergierisiko auf Nahrungsmittel sinkt.“

Mit dem Appell der Forscher für mehr „Dreck“ im Leben der Kinder schmälern sie keineswegs die Erfolge der Hygiene. Pasteurisieren, Antibiotika, Sterilisieren und Händewaschen beugen gefährlichen Infektionen vor. Doch vieles wird übertrieben. Kinder bekommen immer öfter unnötig Antibiotika verabreicht und sie leben in einer keimarmen Umgebung.
Die Folgen dieses in den vergangenen Jahrzehnten glorifizierten Reinheitswahns beginnen sich zu zeigen. Die Zahl der Kinder mit Autoimmunkrankheiten, Allergien, Reizdarm, chronisch entzündlichen Darmerkrankungen und Asthma steigt unaufhörlich.