„Ich liebe Schokolade“
Er kam Anfang der 50er Jahre nach Deutschland und blieb. Aus einem Soldaten wurde ein beliebter Schlagersänger und gern gesehener Gast in großen Samstagabend-Shows. Heute lebt Bill Ramsey mit seiner vierten Frau in Hamburg. Im hohen Norden Deutschlands begeht er dieser Tage seinen 90. Geburtstag. Mit einer Torte, die seine liebste Versuchung ziert – Schokolade.
Er besang mit Pigalle die große Mausefalle mitten in Paris (F), er träumte von der Zuckerpuppe aus der Bauchtanztruppe und wusste, dass Mimi ohne Krimi nie ins Bett geht. Die späten 50er und frühen 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts brachten Bill Ramsey zweifellos die größten Erfolge. Mit seinen Hits wurde der aus Cincinnati, im US-Staat Ohio, geborene Sänger im deutschsprachigen Raum berühmt. Er war gern gesehener Gast in den großen Samstagabend-Shows von Peter Alexander, sang mit ihm und Caterina Valente Duette und trat an der Seite von
Alexander auch im Film auf. Am Samstag, dem 17. April, feiert er nun seinen 90. Geburtstag.

William „Bill“ McCreery Ramsey ist vorbelastet. Was den Geschmack betrifft. Die Mutter war Lehrerin, der Vater ein Werbemanager des Konsumgüter-Giganten „Procter & Gamble“, zu dem unter anderem die Marken Ariel, Braun, Gillette und Lenor gehören. Als der Bub acht Jahre alt war, ließ ihn der Vater auf einer Vertretertagung seiner Firma auf der Bühne einen Schokoladekuchen essen, der mit Zutaten, die seine Firma produzierte, gebacken worden war. Das war Bill Ramseys erster öffentlicher Auftritt. Die Liebe zum Schokoladekuchen ist bis heute geblieben. „Ich liebe Schokolade.“

Der singende Soldat
Ebenso jene fürs Singen und Musizieren. Jazz, Swing und Blues hatten es ihm angetan. Ramsey fand in der Schulband die erste Möglichkeit, seine Leidenschaft auszuüben. Die Eltern freilich wollten ihn an der renommierten Yale-Universität sehen. Zwei Jahre hielt er dort im Soziologie- und Wirtschaftsstudium durch. Dann unterbanden Amerikas Korea-Krieg und seine Sehnsucht nach der Musik das Vorhaben der Eltern.

Ramsey wurde Soldat und im Jahr 1952 nach Deutschland versetzt. Der 21jährige Soldat war Truppenbetreuer bei der Luftwaffe, durch seine Musikalität gelang es ihm jedoch, beim Soldatensender anzuheuern und wurde nach Frankfurt geschickt. Sechs Jahre nach seiner Ankunft in Europa erhielt er seinen ersten Plattenvertrag, ein Jahr später, 1959, gelang ihm mit dem Lied „Souvenirs“ ein Nummer-eins-Hit, gesungen in deutscher Sprache. Ramsey war angekommen und ersang sich mit weiteren Ohrwürmern die Gunst des Publikums. Als Schlagersänger, mit Jazz oder Swing gelang ihm kein derartiger Erfolg. Obendrein wurde er für den Film entdeckt und stand für gut drei Dutzend Werke vor der Kamera. Mit Peter Alexander und Gunther Philipp etwa im Jahr 1961 für die Komödie „Die Abenteuer des Grafen Bobby“.

„Ach, es war ein bewegtes Leben“, meint Ramsey rückblickend. „Ich durfte mit dem, was mir Freude bereitet, meinen Lebensunterhalt bestreiten und konnte mit meinen Auftritten auf Kreuzfahrtschiffen viel von der Welt sehen“, meint der Senior, der mit seiner vierten Frau Petra im Norden Deutschlands, in Hamburg lebt. Zurückgezogen. Erst vor knapp zwei Jahren hat er öffentliche Auftritte eingestellt. Sein Gesundheitszustand ließ keine mehr zu. Ramsey musste sich mehrfach an Knie und Hüfte operieren lassen. Inzwischen wurde bei ihm auch eine Parkinson-Erkrankung festgestellt, die mit Medikamenten allerdings gut eingestellt ist. Seine Frau, eine Ärztin, hilft ihm. „Ich verbringe die meiste Zeit in meiner Wohnung und sitze im Rollstuhl. Hier genieße ich vor allem die Fürsorge meiner Frau und den Blick auf die Elbe, auf die Vögel, die auf der Terrasse in ihrem Häuschen Futter suchen“, erzählt der Sänger.

Und dann gibt es da ja noch einen tierischen Mitbewohner, einen langhaarigen. Er ist zirka sechs Kilo schwer, 45 Zentimeter lang und hört auf den Namen „Britta“. Die Dame gehört der Rasse der Cairn Terrier an. „Sie ist für Streicheleinheiten immer zu haben“, meint der Jubilar lachend. Ebenso ins Schmunzeln kommt er, wenn er von der ersten Begegnung mit seiner Frau erzählt.

Sie wusste nichts von seiner Bekanntheit
„Wir haben uns Ende der 70er Jahre bei einem Treffen von Freunden kennengelernt. Auf ihre Frage, was ich denn arbeite, gab ich zur Antwort: ‚Ich bin Bill Ramsey.‘ Unwissend, wer dieser Bill Ramsey ist, konterte sie: ‚Ich habe nicht gefragt, wie Sie heißen, sondern was Sie arbeiten.‘“
Aus dieser ersten Begegnung wurde Freundschaft, dann Liebe und im Jahr 1983 ein Ehepaar. Ein Jahr später wurde er deutscher Staatsbürger. Die Worte, dass hinter jedem erfolgreichen Mann eine starke Frau steht, bewahrheiten sich in dieser Beziehung. Petra Ramsey gab vor ein paar Jahren ihre Arbeit als Ärztin auf, um sich als seine Managerin um die Karriere und das Wohlbefinden ihres Mannes zu kümmern. Dass sie jetzt rund um die Uhr für ihn da ist, ist für sie selbstverständlich.

Ebenso wie die Tatsache, keine Kinder zu haben. Beide haben sich dagegen entschieden, weil ihr Lebensstil zu unstet war. Sie bereuen diesen Schritt nicht und bekommen oft Besuch von Nachbarskindern oder den Enkerln ihrer Freunde. „Und wir haben zwei siebenjährige Patenmädchen in Nepal, die uns Briefe und selbstgemalte Bilder senden.“
Seinen 90. Geburtstag wollte Bill Ramsey trotz angeschlagener Gesundheit groß feiern, durch die Corona-Pandemie wird dies nun verschoben. Den Schokoladekuchen zum Jubiläum ließ er sich freilich nicht entgehen. Was er sonst so macht: „Ich interessiere mich für Kunst und lese viel, aber mit einem Krimi gehe ich nicht ins Bett …“