Der Mann, der vom Himmel geschickt wurde
Er lebt seit mehr als drei Jahrzehnten mit seiner Kollegin Goldie Hawn in wilder Ehe zusammen. Für sie ist Kurt Russell der Mann ihres Lebens. Der beliebte Schauspieler feierte kürzlich seinen 70. Geburtstag. Die beiden führen eine bewegte Beziehung, ein Trauschein wäre da hinderlich. Wenn Kurt Russell es ruhiger haben möchte, zieht er sich auf sein Weingut zurück.
Kurz nach Mitternacht hielt ein Taxi vor einem Bungalow in San Pedro (Kalifornien). Ein kicherndes Paar stieg aus und versuchte, die Haustür zu öffnen. Sie war verschlossen. Vergeblich wühlte die Frau in ihrer Handtasche nach dem Schlüssel.
Auf der Rückseite des Hauses drückte der Mann daraufhin ein Fenster ein und kletterte ins Haus. Das Glas klirrte, und der Alarm zerriss die Stille. Minuten später trafen zwei Polizisten ein und hielten den Einbrechern Pistolen vor die Brust.
„Ich habe den Bungalow gemietet und den Schlüssel verloren“, erklärte die blonde Frau. Einer der beiden Ordnungshüter leuchtete ihr mit seiner Taschenlampe ins Gesicht. „Goldie Hawn?“, fragte er verblüfft.

Die heute 75 Jahre alte Tänzerin und Schauspielerin hat diese lange zurückliegende Anekdote aus ihrem Leben selbst verraten. So sei es gewesen, als sie sich in ihren Lebensgefährten Kurt Russell verliebt hatte. Es ist anzunehmen, dass diese Geschichte vor wenigen Tagen am 17. März wieder Erwähnung fand, denn an diesem Tag feierte der Hollywood-Darsteller mit Goldie Hawn und den vier Kindern zuhause in Los Angeles (Kalifornien) seinen 70. Geburtstag. In einem im Internet veröffentlichten Video schwärmte Hawn: „Alles Gute zum Geburtstag, Baby. Was für ein wilder Ritt. Nein, wir werden nicht heiraten, aber wir wachsen in unserer Liebe. Du bist brillant, liebenswert, jung, perfekt, verrückt, ein Supervater und ein Komiker. Ich kann mir ein Leben ohne dich nicht vorstellen. Kurt Russell, du bist ein Fang. Und du gehörst mir.“

Zu dem amüsanten Zwischenfall mit dem Einbruch war es gekommen, als die „Oscar“-Preisträgerin („Die Kaktusblüte“) und der frühere Kinderdarsteller im Jahr 1983 für das Weltkriegsdrama „Swing Shift – Liebe auf Zeit“ vor der Kamera standen. „Mit Goldie zu arbeiten, war einfach“, erinnert sich Russell. Und Hawn meint: „Wir kannten uns ja seit Langem, hatten viele Jahre vorher schon einmal zusammen gedreht. Aber da war ich gebunden und er ein fünfzehnjähriger Bub.“
Bis zu jenem Abend hatten beide Schauspieler gescheiterte Ehen hinter sich. Er eine, sie zwei, und sie stellten fest, dass sie einander auch privat mochten. „Mann, hast du eine gute Figur“, staunte Kurt Russell, berichtet die 75jährige.
In einer Drehpause gingen sie ins Kino und danach zum Tanzen in einen Klub. Später lud Hawn den netten Kollegen auf ein Glas in den Bungalow ein, den sie für die Zeit der Produktion gemietet hatte. Ein Schritt, der zu ihrer seit 37 Jahren andauernden Verbindung führte. Obgleich sie nie geheiratet haben, ist ihre Beziehung eine der glücklichsten in Hollywood.

Er ist ihr dritter Mann, der beste, und das ohne Trauschein. Vielleicht hat sie es in jener Nacht des Jahres 1983 schon geahnt. Jedenfalls hielt sie es zunächst für richtig, Kurt Russell wegen des verschwundenen Hausschlüssels und der dadurch ausgelösten Aufregung um Entschuldigung zu bitten. Als Wiedergutmachung bat sie außerdem Warner Bros, die Produktionsfirma von „Swing Shift“, dem Kollegen ein Harley-Davidson-Motorrad für seinen Einsatz in ein paar besonders schwierigen Szenen zu schenken. „Auf dieser wunderbaren Maschine fuhren wir dann ins Glück“, meint der Mime lachend. Als ein neues Gesetz vorschrieb, dass Motorradfahrer künftig Helme tragen müssen, ließ Russell sein Gefährt aus Protest für immer in der Garage. „Der Spaß am Motorradfahren lag doch am Wind, der dir um die Ohren sauste. Das war damit vorbei.“
Doch was ihr von Anfang an besonders an dem Mann gefallen habe, sei die liebevolle Art und Weise gewesen, wie er ihre beiden Kinder behandelte, verrät die Schauspielerin. „Es wurde mir auch klar, dass er kein Frauenheld ist. Je mehr ich darüber nachdenke, desto fester glaube ich, dass der Himmel mir Kurt geschickt hat. Kurt gibt mir die Kraft, weiterhin im Rennen zu bleiben, aufrichtig zu leben, nie zu vergessen, manchmal zu spielen und so zu lieben, als gäbe es kein Morgen.“

Bis zu dem Tag, als die beiden Künstler zusammenfanden, hatte der aus dem US-Staat Massachusetts stammende Schauspieler ein Leben geführt, das er selbst mit dem Zickzackkurs eines betrunkenen Autofahrers vergleicht. Auf Drängen seiner ehrgeizigen Eltern war er schon als Sechsjähriger im Fernsehen aufgetreten. Aber sein Herz hing am Sport. „Mein Traum war, wie mein Vater ein professioneller Baseballspieler zu werden.“ Tatsächlich spielte Russell neben frühen Filmrollen („Rauchende Colts“, „Vierzig Draufgänger“) gegen Geld in verschiedenen Baseball-Klubs.
Seine Besessenheit im Sport ging so weit, dass er später in seinen Pass „Ballspieler“ statt „Schauspieler“ als Beruf eintragen ließ. Ungewollt wurde er dann aber doch Schauspieler – obgleich er diese Tätigkeit nicht erlernt hatte. „Ich habe mir alles von anderen abgeschaut“, sagt Russell. „Im Kino und vor dem Fernseher analysierte ich die Methoden von Filmgrößen und kopierte sie.“

Ein paar Jahre später feierte Russell mit seiner Baseball-Mannschaft in einer Bar einen Sieg. Um zwei Uhr in der Früh vergnügten sie sich am Spieltisch des sogenannten Air-Hockeys. Dabei schlug Russell so hart zu, dass er sich sein rechtes Schultergelenk verrenkte. Im Spital wollte der Notarzt von ihm wissen, ob er denn neben dem Baseballspielen nicht auch Schauspieler sei? „Ja. Warum?“ „Weil Sie von nun an nur noch Schauspieler sein werden“, lautete die Antwort des Arztes. „Das traf mich wie ein Keulenschlag“, sagt der Künstler. „Mein größter Traum war zerbrochen.“
Weil es mit der Schauspielkarriere auch nicht wie erhofft klappte, zog sich Russell enttäuscht zurück und versuchte etwas völlig Neues. Er wurde Cowboy. Er kaufte sich von seinen gesamten Ersparnissen einen Hof im Staat Colorado und zog in die Berge. „Ich hatte Pferde, Kühe, lehrte im Winter Schifahren und im Sommer das Jagen. Ich lebte mein Leben ihn vollen Zügen.“ Doch bald wurde das Geld knapp. Zum Glück meldeten sich wieder Fernseh-Produzenten und schlugen Russell vor, in einem neuen Streifen Elvis Presley zu verkörpern, den König des Rock ‘n‘ Roll.

Auch sah es damals aus, als hätte er Glück in der Liebe gefunden. Die schöne Season Hubley, eine Kollegin aus dem „Elvis“-Film, hatte sich in ihn verliebt. Die beiden heirateten bald darauf und bekamen Sohn Boston. Die Ehe hielt allerdings nur vier Jahre. Doch Russell blieb nicht lange allein. Noch während sich die Scheidung hinzog, traf er Goldie Hawn wieder, seine Kollegin aus Kindertagen. Sie brachte ihre Sprösslinge Kate und Oliver mit in die Verbindung.
Die im Showgeschäft erfahrene Künstlerin half ihrem Partner nun, den Ruf des ehemaligen Kinderdarstellers abzulegen und in einer zweiten Karriere Action-Darsteller zu werden. Auch ein gemeinsamer alter Freund kam zu Hilfe, der Regisseur John Carpenter. Er gab Russell in drei Filmen die Hauptrolle, darunter in „Big Trouble in Little China“. Wirklich große Erfolge hatte der Mime danach aber erst wieder 1994 mit dem Science-Fiction-Streifen „Stargate“, 2006 mit Wolfgang Petersens Thriller „Poseidon“ und 2015 in Quentin Tarantinos „The Hateful Eight“. Er kam beim Publikum an. Eine Umfrage ergab, dass 66 Prozent der Kinogänger, die „Stargate“ gesehen hatten, nur gekommen waren, weil Kurt Russell darin mitspielte. „Das änderte meine finanzielle Situation im Filmgeschäft dramatisch“, erinnert er sich. „Von nun an verdiente ich viel mehr, bis zu 15 Millionen Dollar.“

Auch mit seiner großen Liebe Goldie Hawn stand er gemeinsam vor der Kamera. Zum Beispiel 1987, ein Jahr nach der Geburt ihres Sohnes Wyatt, in der Komödie „Overboard – Ein Goldfisch fällt ins Wasser“. Und vergangene Weihnachten noch einmal beim Internet-Anbieter Netflix als Weihnachtsmann Santa Claus mit seiner Frau Mrs. Claus in „The Christmas Chronicles 2“.
Ein Ehepaar, das Geschenke bringt. Privat haben die Hochzeitsglocken nie für sie geläutet. Goldie Hawn sieht aber gerade darin die Erklärung, warum ihre Verbindung all die Jahre über gehalten hat. „Wir sind überzeugt davon, dass wir nicht mehr zusammen wären, wenn wir es offiziell gemacht hätten. Menschen, die gern gebunden sind, tut die Ehe gut. Wir beide brauchen aber das Gefühl, Entscheidungen frei treffen zu können. Wir vertrauen einander auch ohne Dokumente und Stempel.“
Hawn akzeptiert auch, dass ihr ruhiger gewordener Mann nun oft tagelang auf sein Weingut bei Santa Barbara (Kalifornien) verschwindet. „Ich produziere einen trinkbaren Pinot noir“, sagt er stolz. „Allerdings ist die Weinproduktion nervenaufreibend. Und nach dem Eigenverzehr bleibt nicht viel für den Verkauf übrig“, meint er mit einem Schmunzeln.