Mit einer Umarmung ins Kaffeehaus
Seit 15. März dürfen Restaurants und Kaffeehäuser in Vorarlberg wieder offenhalten. Theoretisch. Die Praxis sieht anders aus, wie ein Besuch auf dem Land in Hittisau und in der Stadt Dornbirn zeigt. Freude mischt sich mit der Hoffnung, dass die Zeit viele Wunden heilt.
Das schlechte Wetter war in der vorigen Woche nicht alleine schuld, dass die Rückkehr in die Normalität für die Vorarlberger Gastronomen nicht so erfolgreich verlief wie erhofft. Die strengen Auflagen trugen ihr Scherflein dazu bei, dass im tiefwinterlichen Ländle die Gäste lieber daheimblieben. Auch deshalb, weil viele Gastronomen, nicht zuletzt wegen der stark eingeschränkten Öffnungszeiten, ihre Lokale erst gar nicht aufsperrten.
In kleineren Gemeinden wie Hittisau im Bregenzerwald schien es deshalb, als wäre das „Lockdown“-Ende für die Wirte gar nicht gegeben. Weit und breit kein offenes Lokal, nur in der Bäckerei neben der Kirche konnten Kunden ihren Kaffee und ihr Kipferl im Gegensatz zum Rest unseres Landes vor Ort im Sitzen genießen. Ein ähnliches Bild im Nachbarort Lingenau, wo nur das Gasthaus „Traube“ die Stellung hält. Besser sah es in Dornbirn, der größten Stadt Vorarlbergs aus, wo sich am Marktplatz trotz tiefer Temperaturen einige Menschen einfanden. Der Ansturm auf Kaffeehäuser und Restaurants blieb in der ersten Gastro-Woche trotzdem aus.

Im Kaffeehaus „Steinhauser“, dem ersten Haus am Marktplatz, das am Montag vergangener Woche um halb neun Uhr wieder seine Pforten öffnete, herrscht mäßiger Betrieb. „Aber am ersten Tag kamen viele Gäste“, erzählt Rainer Maul, 49. „Bei den Reservierungen fürs Essen waren wir schon zehn Tage vorher ausgebucht. Das war‘s dann aber. Ab Dienstag ging es zaghaft weiter.“ Erst ab Freitag kamen wieder mehr Gäste ins Lokal. „Die Menschen lassen sich vor allem vor dem Wochenende testen. Dann kommen sie auch zu uns. Unter der Woche machen nur wenige einen Test, nur um schnell einen Kaffee trinken zu gehen.“ Jene, die diese Mühen auf sich nahmen, verhielten sich laut Maul vorbildlich und hatten auch kein Problem, ihre Testergebnisse vorzuzeigen. „Nur eine Person hatte keinen Test dabei. Sonst lief alles reibungslos.“
Ein negativer Corona-Test, der nicht älter als 48 Stunden sein darf, ist Voraussetzung, um ins Wirtshaus gehen zu können. Daneben müssen im Lokal Vorsichtsmaßnahmen eingehalten werden. Als größtes Problem erwies sich in Woche eins für den Gastronomen die Zwei-Meter-Abstandsregel. „Das funktioniert eigentlich nur in einem rechteckigen Lokal. Sobald ich Nischen und runde Tische habe, wird es schwierig mit dem Umstellen.“

Dazu kamen zahlreiche Anrufe von Menschen, die nicht wussten, wer mit wem ins Lokal kommen darf. Gut 80 bis 100 Anrufe pro Tag gingen die ganze Woche über ein und wurden von einem eigens dafür abgestellten Mitarbeiter beantwortet. „Sonst könnten wir das nicht bewältigen. Erlaubt an einem Tisch sind zwei Haushalte mit maximal vier Personen, Kinder ausgenommen.“
Die höchste Auslastung im „Steinhauser“ im Innenbereich belief sich bei der Premiere lediglich auf 30 Prozent. Sobald das Wetter schöner wird und der Gastgarten benutzt werden kann, erwartet Maul jedoch eine Besserung. „Derzeit kann ich nicht davon sprechen, dass sich die Öffnung rentiert. Ein Kaffeehaus, das seit 30 Jahren besteht, muss sich auch nicht nach einigen Wochen rechnen. Wir sehen das als langfristige Investition und machen das für unsere Stammgäste.“

Zwei davon, Werner Nicolussi, 60, aus Lauterach und Herbert Rella, 67, aus Dornbirn gehörten zu den Hartgesottenen, die trotz Winter-Wetter im Freien Platz nahmen. „Das ist unser erster Lokal-Besuch, für den wir auch eigens einen Test gemacht haben. Es ist schön, seine Freunde wieder zu sehen. Der ,Lockdown‘ war Isolation und Einsamkeit zugleich.“
Ein paar Meter weiter hat auch das „Café 21“ wiedereröffnet. Das Lokal, das in neuem Glanz erstrahlt, weil der Gastronom Johannes Handle, 38, die Corona-Zeit für eine Renovierung genutzt hat, wurde vorigen Dienstag erstmals aufgesperrt. „Weil wir am Montag noch nicht fertig waren.“ Mit dem Zulauf war Handle zufrieden. „Natürlich haben wir gemerkt, dass es ruhiger ist. Ich werte das aber als Anlaufzeit, bis sich die Menschen an die neuen Abläufe gewöhnt haben.“

Handle meint damit die mit den Tests verbundenen Umstände, die aber die Unternehmerin Claudia Tomasini, 50, aus Buch und ihre Mitarbeiterin Sandra Böhler, 47, aus Wolfurt bei Bregenz für die Rückkehr in ihr Lieblingslokal trotzdem in Kauf nahmen. „Nach dem negativen Test haben wir uns sogar umarmt, weil wir uns so aufs Kaffeehaus gefreut haben.“ Gegönnt haben sich die beiden dann ein Mittagessen und zur Feier des Tages „einen Aperol Spritz und eine Nachspeise. Das machen wir sonst nie.“
Zwei Minuten die Marktstraße hinauf herrschte im „Innauer“, einem Restaurant mit Bar, kurz nach 13.30 Uhr hingegen gähnende Leere. „Unser Problem ist, dass wir vor allem eine Bar mit Klub sind und das Restaurant relativ klein ist“, berichtet Bianca Latzelsberger, 25, die seit vier Jahren im „Innauer“ arbeitet. „Unser Geschäft beginnt eigentlich erst um 20 Uhr. Um diese Zeit müssen die Gäste derzeit aber schon wieder zu Hause sein.“

Das ist auch ein Grund, warum der Vorarlberger Wirtschaftskammerpräsident bei einem Besuch von Tourismus-Ministerin Elisabeth Köstinger in Vorarlberg am vergangenen Donnerstag bessere Bedingungen einforderte. Dazu gehört eine Abstandsreduktion auf einen Meter, die Akzeptanz und einfachere Handhabung von „Selbsttests“, die Reduktion der Ausgangssperre und damit die Ausweitung der Betriebszeiten bis 23 Uhr.