Jubiläum – 100 Jahre Burgenland
Alter Adel und neue Lieblinge. Die Burgenländer lieben ihr Bundesland – die Ursprünglichkeit, die Kultur, den Wein. Warum zu viel Verkehr, zu wenig Niederschlag und eine zunehmende Zersiedelung aber ein immer größeres Problem darstellen, lesen Sie in dieser Serie von Nikolaus Nussbaumer.
Wir lieben unsere Heimat“, schwärmen prominente Menschen mit burgenländischen Wurzeln. Doch sie sparen auch nicht mit Kritik. „Was ich nicht gut finde, ist der öffentliche Verkehr. Der könnte viel besser ausgebaut sein“, meint der Kabarettist Thomas Stipsits, 37. Und die ORF-Moderatorin Barbara Karlich, 52, ärgert sich: „Mich stört die wahnsinnige Verbauung des Landes. Überall sprießen riesige Einkaufszentren aus dem Boden, während die Ortskerne ihr Leben aushauchen. Ich wünsche mir neue Ideen, sie wieder zu beleben.“
Einen Stopp der Zersiedelung im Burgenland fordert auch der Verkehrsclub Österreich (VCÖ). „Zersiedelung erhöht den Verkehrsaufwand und damit den Autoverkehr. Wenn neue Wohnanlagen nahe beim Ortskern gebaut werden, werden die Alltagswege kürzer und können leichter zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurückgelegt werden. Damit wird auch die Nahversorgung gestärkt“, sagt VCÖ-Sprecher Christian Gratzer.
Tatsächlich ist das Burgenland das am stärksten motorisierte Bundesland. Beinahe zwei Drittel aller CO2-Emissionen im Burgenland stammen aus dem Pkw-Verkehr.

Das Land der Pendler, vor allem nach Wien
Auf 100 Burgenländer kommen 61 angemeldete Autos. Weil Arbeitsplätze rar sind, müssen viele Menschen weite Strecken und lange Anfahrtswege auf sich nehmen, um zur Arbeit zu kommen. Christian Gratzer: „Das Burgenland ist das Land der Pendler, jeder Fünfte hat einen Arbeitsweg von mehr als 50 Kilometer.“ 50.000 Menschen pendeln innerhalb des Burgenlandes. Weitere 50.000 Pendler fahren zu einem Arbeitsplatz in ein anderes Bundesland, mehr als die Hälfte nach Wien, ein Drittel nach Niederösterreich.
Das Fortbewegungsmittel Nummer eins ist das eigene Auto. 71 Prozent der Wege werden mit dem Pkw zurückgelegt. Bus und Bahn haben einen geringen Stellenwert, nur acht Prozent nutzen den öffentlichen Verkehr. Laut der aktuellen Pendlerbefragung der Arbeiterkammer (AK) fahren die Züge an ihren Kapazitätsgrenzen. „Das Angebot an öffentlichen Verkehrsmitteln ist – speziell im Südburgenland und im ganzen Bundesland in den Abendstunden – mangelhaft. Das zwingt viele Familien dazu, zumindest zwei Autos zu finanzieren“, sagt Harald Frey vom Institut für Verkehrswissenschaft der TU Wien.

In den vergangenen 20 Jahren ist die Zahl der Zweit- und Drittautos pro Haushalt im Burgenland um fast 50.000 gestiegen, weiß der VCÖ. So müssen burgenländische Haushalte 15 Prozent ihres Monatsbudgets für Mobilität verwenden. Dabei liegen deren Einkommen im Bundesländer-Vergleich an letzter Stelle.
Burgenlands Landwirte kämpfen indes zusehends mit den Folgen des Klimawandels. Extreme Hitze und lange Trockenperioden werden immer häufiger. Im vorigen Jahr wurde in manchen Regionen ein Niederschlagsdefizit von bis zu 65 Prozent verzeichnet. Die Folge sind Ernteeinbußen, Futtermittel-Knappheit oder Ernte-Totalausfälle durch Unwetter. Auch die künstliche Bewässerung wird immer schwieriger, weil der Grundwasserspiegel sinkt und die Brunnen langsam austrocknen.
Der Klimawandel setzt auch dem Neusiedler See zu. Der größte See unseres Landes wird überwiegend aus Niederschlägen gespeist, und die sind in den vergangenen Jahren oft ausgeblieben. Im Mai 2020 war der Wasserstand des Neusiedler Sees so niedrig wie schon seit 55 Jahren nicht mehr. „Die Klimakrise ist längst im Burgenland angekommen. Der Neusiedler See droht auszutrocknen“, warnt Greenpeace. Zwei Studien der Universität für Bodenkultur in Wien prognostizieren ein weitgehendes Versiegen des Sees bis 2050.

Die Auswirkungen auf Tourismus und Landwirtschaft wären katastrophal, einem Großteil der Bevölkerung rund um den Neusiedler See wäre damit die Existenzgrundlage entzogen. Daher wird über eine künstliche Wasserzufuhr nachgedacht. Doch genau davor warnen Ökologen. „Flusswasser aus Raab oder Donau würden dem Neusiedler See den Todesstoß versetzen“, sagt Bernhard Kohler von der Natur- und Umweltschutzorganisation WWF. „Das Wasser würde die Chemie des Sees verändern. Dann drohen massive Algenblüten, die Verschlammung und Verlandung des Sees.“
Sowohl der See als auch sein Schilfgürtel befinden sich zu einem großen Teil im privaten Besitz der Familie Esterházy. Deren Aufstieg begann mit den Türkenkriegen im 16. Jahrhundert. Noch immer ist mehr als ein Zehntel des Burgenlandes im Eigentum des größten privaten Grundbesitzers unseres Landes. Das Vermögen des alten Adelsgeschlechtes umfasst 44.000 Hektar Land inklusive Wald, Landwirtschaft, Seen, Schilfgebiete, Seebäder, Naturparks, Weingärten und Wochenendsiedlungen. Die 22.400 Hektar Forst erstrecken sich vom Leithagebirge bis in die Bucklige Welt und ziehen sich über eine Länge von rund 80 Kilometern.

Alleine der Waldbesitz hat einen Verkehrswert von etwa 800 Millionen Euro. Zum Esterházy-Imperium gehören auch Kulturgüter wie das Schloss Eisenstadt, die Burg Forchtenstein, das Schloss Lackenbach oder der Römersteinbruch in St. Margarethen. So viel Besitz bedeutet auch Macht – und so gibt es nicht wenige, die behaupten, dass es nach wie vor die Esterházys sind, die im Burgenland den Ton angeben, politisch, kulturell und wirtschaftlich.

Thomas Stipsits, 37, Kabarettist, Schauspieler und Autor
„Am liebsten bei Opa in der Werkstatt“
Die Wurzeln des Schauspielers, Kabarettisten und Autors Thomas Stipsits sind im burgenländischen Ort Stinatz. Daher trägt sein aktuelles Programm auch den Titel „Stinatzer Delikatessen“.
„Ich entdecke im Burgenland viele Parallelen zu Griechenland. Es ist dieses mediterrane Lebensgefühl, welches das Bundesland auszeichnet. Und dass die Uhren auf angenehme Art und Weise stehen geblieben sind. Das Burgenland hat sich sein Gesicht bewahrt, ohne dass es überschminkt wurde.
Mein Lieblingsplatz ist die Werkstatt meines Opas im Stinatzer Berg. Ich habe viele schöne Erinnerungen an die Zeit, die ich dort als kleiner Bub verbracht habe. Die Werkstatt riecht noch immer so wie damals, und wenn ich sie betrete, bin ich wieder sechs Jahre alt. Und ich sehe den Opa vor mir, wie er sagt: ,Kannst mir einen Most holen? Aber nix der Oma sagen …‘“

Barbara Karlich, 52, Fernseh-Moderatorin
„Burgenländer sind lustig, fesch und fleißig“
„Wir leben im Herzen Europas und verbinden Ost und West. Wir sind schnell in Wien und wieder daheim. Wir haben ein riesiges Kulturangebot, Burgen und Schlösser, Thermen, das UNESCO-Welterbe rund um die Region Neusiedler See, wir haben das Südburgenland, das mich an die Toskana erinnert, eine ausgezeichnete Küche – und wir haben die meisten Sonnentage im Land“, schwärmt die ORF-Moderatorin Barbara Karlich.
Die 52jährige wuchs in Trausdorf im Norden des Burgenlandes auf. Sie lebt mit ihrer zwölfjährigen Tochter wenige Kilometer von ihrem Heimatort entfernt in Neufeld an der Leitha und kennt die Vorzüge der Bevölkerung: „Die Burgenländer sind gastfreundlich, lustig, fesch und fleißig.
Wer sich ins Burgenland verliebt hat, möchte nie mehr weg. Als Burgenlandkroatin bin ich zweisprachig aufgewachsen. Auf unsere Mehrsprachigkeit sind wir stolz, hier ist noch das ehemalige Vielvölkerreich zu spüren.“

Leo Hillinger, 53, Winzer
„Ein Glaserl Wein zum Sonnenuntergang“
„Das Burgenland hat viele Vorzüge. Vor allem steht es für seine Gemütlichkeit und Geselligkeit. Das pannonische Klima mit mehr als 2.000 Sonnenstunden pro Jahr ist eine Besonderheit.
Wenn es in ganz Österreich regnet, scheint im Burgenland trotzdem mit großer Wahrscheinlichkeit die Sonne“, schwärmt Leo Hillinger. Der 53jährige Winzer und Unternehmer ist oft in der Kellergasse in Purbach zu finden, wo er sich mit traditionellen Schmankerln aus dem Burgenland kulinarisch verwöhnen lässt.
„Mein absoluter Lieblingsplatz ist aber meine Terrasse in Podersdorf. Es ist herrlich, dort mit einem guten Glaserl Wein den Sonnenuntergang zu genießen.“

Julia Dujmovits, 33, Snowboard-Olympiasiegerin
„Hier bleibt auf positive Weise alles gleich“
Die aus Sulz im Bezirk Güssing stammende Julia Dujmovits, 33, wurde 2014 in Sotchi (Russland) die erste burgenländische Snowboard-Olympiasiegerin. Bei den Weltmeisterschaften 2013 und 2015 gewann sie jeweils eine Silbermedaille, heuer im März errang die 33jährige Bronze.
Die erfolgreiche Sportlerin liebt ihre Heimat aus einem besonderen Grund. „Das Burgenland ist der ursprünglichste Ort, den ich kenne“, sagt sie.
„Hier bleibt auf positive Art und Weise alles gleich. Die sanfte Hügellandschaft im Südburgenland erdet mich.“