In Tirol siegt der Glaube
Die Südafrika-Variante im Bezirk Schwaz hat der Region zu früheren Impfdosen verholfen. Rund 40.000 Personen haben sie in Anspruch genommen, auch wenn die Impfung gegen die Mutante gar nicht wirken soll und sich derzeit keine Corona-Patienten im Bezirkskrankenhaus befinden.
Die vergangene Woche war für den Tiroler Landeshauptmann Günther Platter, 66, ein Wechselbad der Gefühle. Am Mittwoch gab er noch stolz den Startschuss für die sogenannte „REDUCE“-Studie im Bezirk Schwaz, mit der Tirol nach Meinung Platters einen weltweit bisher einzigartigen Beitrag leisten werde, das Corona-Virus und dessen Mutationen besser verstehen zu lernen. Am Sonntag stürzte der Landeshauptmann dann bei einer Schitour, verletzte sich an der Wirbelsäule und musste sich einige Tage „in häusliche Pflege“ begeben.

In Schwaz gibt es keine Corona-Patienten im Spital
Zumindest ist es ihm nach seiner Genesung möglich, die Fahrt von seinem Wohnort in Zams im Bezirk Landeck, nach Innsbruck, wo er arbeitet, ohne Einschränkungen zu absolvieren, im Gegensatz zu den Bewohnern des Bezirkes Schwaz, die seit vergangenem Donnerstag einen negativen Corona-Test benötigen, um ihren Hauptwohnsitz zu verlassen. Geschuldet ist das der erstmals im Dezember aufgetretenen Südafrika-Variante. Mit Stand Montag waren in ganz Tirol 67 Personen daran erkrankt, 36 davon im Bezirk Schwaz, wo zuletzt 177 positiv auf Corona getestete Personen gemeldet wurden. Im Bezirksspital mussten zu diesem Zeitpunkt allerdings weder auf der Intensiv- noch auf der Normalstation Corona-Patienten behandelt werden. Es ist also fraglich, ob die Einschränkungen der Bevölkerung gerechtfertigt sind.

Die vom Land Tirol stark beworbene Impfaktion, die am Montag endete, wurde dennoch gut angenommen. Etwa 48.500 Personen und damit 76 Prozent der Impfberechtigten hatten sich angemeldet, bis Sonntagnachmittag wurden 39.500 Menschen geimpft. Das zeigt, dass weit mehr als die Hälfte an eine positive Wirkung der Impfung glauben, obwohl umstritten ist, inwieweit sie auch vor Mutationen schützt. Nur die Kinder und Jugendlichen bis 16 Jahre waren von dieser Aktion ausgenommen, weil der Impfstoff für sie nicht hinreichend getestet wurde.
Engelbert Erler, 50, aus Zell am Ziller war einer der Impfwilligen. „Ich finde die Impfaktion gut, auch wenn ich glaube, dass die Südafrika-Variante bei uns aufgeblasen wurde. Als die Abriegelung des Bezirkes im Februar beschlossen wurde, waren diese Personen längst wieder genesen. Immerhin haben wir den Diskussionen die vorzeitige Impfung zu verdanken.“

Für und Wider der Impfung
Romana Gartler, 32, aus Schwaz ließ sich nicht impfen. „Wir möchten ein Kind und keiner weiß genau, was der Impfstoff im Körper auslöst.“ Die Pensionistin Maria Mostarc, 61, aus Mayrhofen hat sich hingegen den Pieks geholt. „Ich bin am Samstag geimpft worden und habe Vertrauen in diese Aktion. Ich hatte aber nie Angst vor der Südafrika-Variante. Ich bin 61 Jahre alt, mein Mann ist 65 und wir fühlen uns mit der Impfung sicherer. Am 10. April werden wir wieder geimpft. An der Studie nehme ich jedoch nicht teil.“

Die Für und Wider der Impfung hat auch Victoria Weber, 29, Vizebürgermeisterin von Schwaz, abgewogen. „Im Endeffekt haben für mich aber die positiven Aspekte pro Impfung überwogen.“ Weber nennt den Wunsch, keine Überträgerin sein zu wollen, als Hauptkriterium. „Auch wenn das noch nicht restlos geklärt ist.“ Nichts Genaues weiß man nicht.
Die Vizebürgermeisterin hat ihre Impfung am Wochenende erhalten. Die EU hatte 100.000 Dosen des nicht gerade üppig vorhandenen Impfstoffes des Anbieters BioNTech/Pfizer der Tiroler Region früher zur Verfügung gestellt. Voraussetzung: Die Impfaktion müsse von einer Studie mit 5.000 Teilnehmern begleitet werden. Bis zuletzt hieß es, es zeichne sich eine hohe Teilnahme der geimpften Personen ab. Barbara Hoffmann-Ammann, Sprecherin der Med Uni Innsbruck, bestätigte am Montag, dass sich mehr als 5.000 Personen zur Studie angemeldet hätten. „Die genauen Zahlen kennen wir erst am Wochenende.“ Die Studienteilnehmer mussten einen Fragebogen ausfüllen, indem frühere SARS-CoV-2 Infektion, Vorerkrankungen, Beruf, Bildung, Anzahl der Personen im Haushalt und Lebensstilfaktoren anzugeben waren. Zudem unterschrieb jeder Studienteilnehmer eine Einverständniserklärung. „Sie gibt uns die Erlaubnis“, so der Studienleiter Peter Willeit, „Daten zu auftretenden Infektionen und deren Verläufen wissenschaftlich auszuwerten“. Es soll sich um Routinedaten handeln, die von den Gesundheitsbehörden erfasst würden.

Deutlicher Rückgang der Inzidenz erwartet
Als oberste Priorität der Studie gibt Willeit an, neu auftretende Infektionen während eines Zeitraumes von sechs Monaten nach Verabreichung der ersten Impfung zu erfassen. „Basierend auf den verfügbaren Daten klinischer Studien zum Impfstoff wird ein deutlicher Rückgang der Inzidenz erwartet. Interessant wird, ob sich der Effekt hier auch je nach Virus-Variante unterscheidet. Ebenso wird der Effekt auf die Häufigkeit schwerer Krankheitsverläufe, die mit Spitalsaufenthalten verbunden sind oder tödlich verlaufen, untersucht.“ Bei der Präsentation der Studie vor einer Woche war noch das Erforschen der Auswirkungen der Südafrika-Variante extra genannt worden.
Hier hatten bereits im Februar veröffentlichte Laboranalysen amerikanischer Forscher im „New England Journal of Medicine“ aber gezeigt, dass die vom Pfizer-Impfstoff angeregte Antikörperkonzentration weniger stark gegen die Südafrika-Variante wirkt.