„Mein Vater war ein kluger Mensch“
Obwohl sie selbst weder Krimis liest noch sich diese im Fernsehen ansieht, ermittelt Katharina Böhm seit zehn Jahren als Hauptkommissarin Vera Lanz in „Die Chefin“ (Samstag, ZDF, 21.45 Uhr). Derzeit genießt die Schauspielerin eine Dreh-Pause. Ab März steht die 56jährige für neue Folgen vor der Kamera. Die Tochter von Karlheinz Böhm liebt das Leben auf dem Land. Umringt von den vielen Bäumen ihres „Wildgartens“, lädt sie im Elternhaus ihre Batterien auf.
Frau Böhm, Sie waren gerade mit Ihren Vierbeinern unterwegs …
Ja, und jetzt muss ich meine Hunde und den Kater unbedingt mit Futter versorgen, sonst geben sie mir keine Ruh‘ (lacht). Meinen Tieren geht es gut, so wie mir. Es heißt ja schon so, „wie der Herr, so ‘s G‘scherr“.
Hadern Sie mit der Pandemie?
Was würde das nützen, wir müssen sie hinnehmen. Ich versuche, mir keine Gedanken über Sachen zu machen, die ich nicht ändern kann. Derzeit hat sich für mich gar nicht so viel geändert. Die ersten paar Wochen des Jahres lebe ich ohnehin immer zurückgezogen. Da haben wir eine Drehpause und ich tanke Kraft zuhause, mit meinem Sohn und meinen Tieren.
Wie war es für Sie, als Sie im Herbst unter den strengen Auflagen für die Krimiserie „Die Chefin“ drehten?
Es ging alles gut über die Bühne und – Gott sei Dank – ist nichts passiert. Natürlich war eine Anspannung zu spüren. Vor der Kamera tragen wir keine Maske, dafür wurden wir laufend getestet.
Mit den meisten Kollegen arbeiten Sie seit zehn Jahren zusammen. Was macht die Serie, die sowohl hierzulande als auch in Deutschland Top-Einschaltquoten hat, so erfolgreich?
Offensichtlich springt der Funke aufs Publikum über. Nach all den Jahren haben wir immer noch viel Spaß beim Drehen, obwohl wir akribisch arbeiten. Zudem haben wir untereinander eine gute Vertrauensbasis, die reicht von unserer Produzentin über die Maskenbildner bis hin zu uns Schauspielern.
Sehen Sie Parallelen zwischen Ihnen und der Fernseh-Kommissarin?
Ja, blonde Haare und blaugrüne Augen (lacht). Ansonsten ist es der Pragmatismus. Ich arbeite genau so konzentriert wie Vera Lanz.
Die manchmal nervös wird und was zu knabbern braucht. Warum gerade Erdnüsse?
Ursprünglich hätte ich, also Vera Lanz, süßes Gebäck essen sollen. Da habe ich gesagt, Leute, wenn ich eine ganze Woche lang Oberstörtchen esse, dann übergebe ich mich in jede Ecke. Obendrein hätte ich nach einem Monat fünf Kilo mehr Gewicht auf die Waage gebracht. Als verträglichere und doch etwas figurfreundlichere Alternative kamen mir die Erdnüsse in den Sinn. Sie sind eine schöne Nebenbeschäftigung, weil sie sich einfach und schnell knacken sowie gut hinunterschlucken lassen.
Kochen Sie gern?
Ja, mein Sohn und ich, wir beide kochen oft und gerne. Wobei er das weitaus fantasievoller beherrscht als ich.
Auch mit Gemüse aus dem eigenen Garten?
Nein, ich bin keine Gemüse-Gärtnerin. Ich habe einen Wildgarten mit alten Bäumen. Die bleiben unbedingt erhalten, weil ich versuche, den Bayerischen Urwald, wo durchaus auch Unkraut wachsen darf, wieder zu kultivieren. Rasenmähen muss ich allerdings schon, sonst hätte ich massenweise Zecken, die furchtbar lästig sein können. Aber derzeit wird bei uns eher Schnee geschaufelt. Das hat mein Sohn übernommen, der hat mehr Kraft als ich.
Würden Sie gerne einen Schi-Urlaub machen?
Nein, überhaupt nicht, ich fahre nicht Schi. Das Verreisen geht mir grundsätzlich nicht ab. Ich habe es früher zwar genossen, viel unterwegs zu sein, aber schon vor der Pandemie ist mir aus umwelttechnischen Gründen bewusst geworden, wie ungern ich in ein Flugzeug steige.
Wann wussten Sie, dass Sie, wie Ihre Eltern, Schauspielerin werden wollen?
Eines der großen Geschenke meines Lebens war, dass ich das schon mit zwölf Jahren wusste, als ich die Rolle der Klara im „Heidi“-Film spielte. Verhaltensforscherin wäre ich auch gern geworden. Meine großen Helden waren und sind bis heute Irenäus Eibl-Eibesfeldt und Konrad Lorenz. Mein Vater hat mir oft die Geschichte der Graugänse erzählt, die den Telefonhörer abheben konnten. Menschen und Tiere zu beobachten, hat mich immer fasziniert. Ich bin mit Hunden, Katzen, Hasen und Schildkröten aufgewachsen.
Vögel hatten wir auch, aber nur ganz kurz, weil wir beschlossen, dass ein Tierkäfig nicht sein muss.
Sie wohnen im Haus Ihrer Eltern. Erinnert Sie dort vieles an sie?
Ich war 30, als meine Mutter starb, und 50, als mein Vater starb. Natürlich habe ich aus diesen Jahren viele Erinnerungen an sie. Mein Elternhaus bildet meine Wurzeln, das ist mein Erbe, in dem ich lebe. Deswegen spüre ich eine tiefe Verbundenheit mit dem Ort, der Heimat für mich ist. Die Zeilen, die mein Vater meinem Sohn zur Taufe widmete, habe ich aufbewahrt. Er wünschte seinem Enkelsohn, stets offen zu sein und immer wieder genau zu prüfen, ob alle Traditionen und Bräuche, die er erlebt, auch noch in seine Zeit passen. Mein Vater war ein kluger Mensch. Ich halte es für wichtig, ständig die Moral zu hinterfragen. Und ich meine nicht die kirchliche oder gesellschaftliche, sondern die persönliche Moral.
Sind Sie streng erzogen worden?
Nein, mein Vater war damals auf der modernen Welle der antiautoritären Erziehung unterwegs. Meine auf einem Bauernhof aufgewachsene Mutter war die konsequentere von den beiden. So hat mein Vater zwar immer wieder versucht, antiautoritär zu sein, bis er schließlich dann doch die Nerven weggeworfen hat. Ich kann das nachvollziehen (lacht).
Was ist für Sie die richtige Erziehung?
Diese Frage habe ich mir ständig selber gestellt. Aber ich denke, alle Eltern, die einigermaßen gerne Eltern sind, hinterfragen ständig, haben ein schlechtes Gewissen und meinen, nicht genug zu sein oder nicht genug zu tun.