"Eine Tätowierung verbindet mich jetzt mit meiner Tochter"
Mit Liedern wie „Kids In America“ oder „You Keep Me Hangin‘ On“ feierte die Britin Kim Wilde in den 80er Jahren große Erfolge. Es ist zwar ein bisschen ruhiger um sie geworden, doch der Musik blieb die Sängerin treu. Das beweist sie mit dem Album „Wilde Winter Songbook (Deluxe Edition)“. Es ist auch ein Geschenk an sich selbst, denn Wilde feiert am Mittwoch, dem 18. 11., ihren 60. Geburtstag. Und sie ist immer noch wild, wie sie der WOCHE-Reporterin Katja Schwemmers erzählte.
Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Frau Wilde. Es ist der sechzigste …
Danke für die Glückwünsche. Ach, der sechzigste, ein Datum, das ich zu Hause feiere. Mit meinem Mann und unseren beiden Kindern. Meine Eltern haben sich ebenfalls angesagt, und wir speisen zusammen. Ich vermute, meine Tochter Rose macht mir einen Kuchen. Meine beiden Hunde liegen dann an meiner Seite. Es ist ein ruhiger, aber besonderer Abend. Ich habe mich schon lange darauf gefreut, denn ich habe immer großartige Geburtstage.

Freuen Sie sich, wenn Sie an Ihrem Ehrentag Blumen geschenkt bekommen?
Natürlich. Blumen sind immer eine gute Idee. Ich kann nie genug schöne Blumen haben.

Die Jahre sind schnell vergangen …
Es ist verrückt. Dass ich sechzig Jahre alt bin, hat etwas Unwirkliches. Doch gleichzeitig weiß ich, dass es eine wirklich lange Reise bis hierher war. Ich fühle mich gut damit, älter zu werden und habe kein Problem deswegen. Ich kann es zwar kaum glauben, dass ich 60 bin, aber ich habe viel vom Leben gelernt und trotzdem meinen Humor und meine Liebe fürs Leben nie verloren.

Hatten Sie denn so viele schlimme Erlebnisse?
Nein, gar nicht. Aber es gab viele schreckliche Ereignisse, die ich miterlebt habe, und schreckliche Menschen. Trotzdem besitze ich immer noch großes Vertrauen in die Menschlichkeit und glaube, dass sich schlimme Situationen auf positive Weise auflösen können. Wunder und schöne Dinge – das ist die Welt, in der ich lebe.

Demnach schenken Sie Ihrem britischen Premierminister Boris Johnson wohl wenig Beachtung?
Ach, Politiker sind doch alle gleich. Ihre Motivation, warum sie in die Politik gegangen sind, erscheint mir oft dubios. Ob sie uns wirklich helfen wollen, ein besseres Leben zu führen, ist fraglich. Ich würde gerne die positiveren Seiten an Politikern sehen, aber bei manchen von ihnen ist das unmöglich. Wir können aber selbst einen Beitrag für unser Leben leisten.

Inwiefern?
Auf die Art, wie wir unsere Familie, Freunde, Arbeitskollegen und Nachbarn behandeln. Das ist es, worauf ich mich fokussiere, wenn es um die Veränderung geht. Wenn jeder von uns das tun würde, würden wir vieles verändern können auf diesem Planeten. Wir würden es dann selber in der Hand haben und an unseren eigenen Türschwellen beginnen.

Haben Sie etwas an Ihrem Lebensstil verändert?
Ich habe vor drei Jahren dem Alkohol abgeschworen und fühle mich heute viel gesünder, rundum besser und klarer in meinem Kopf. Es war ein schöner Nebeneffekt, auch ein paar Kilo zu verlieren. Ich habe viel mehr Energie, nutze die Tage intensiver, und es ist auch gut für meine mentale Gesundheit. Es war eine der besten Entscheidungen meines Lebens.

Sie feierten in den 80er Jahren Ihre größten Erfolge und werden daher immer wieder mit dieser Zeit in Verbindung gebracht. Haben Sie selbst eine Lieblingsdekade?
Die Achtziger waren wundervoll. Aber in den Neunzigern habe ich geheiratet und Kinder bekommen. Mein Leben änderte sich, es gab auch ein Leben fernab des Rampenlichtes. Ich bin oft nach Thailand gereist, woran ich schöne Erinnerungen habe. Für mich waren es also meine Dreißiger in den Neunzigern, die ich als beste Zeit meines Lebens sehe.

Haben Sie eine Liste, in die Sie eintragen, was Sie noch alles machen und erleben möchten?
Ich habe eine zusammen mit meiner Tochter gemacht. Es gibt ein paar Sachen, die wir gemeinsam vorhaben. Wegen Covid-19 mussten wir die Pläne erst einmal auf Eis legen. Aber eine Sache davon konnten wir bereits erledigen: Wir ließen uns gemeinsam tätowieren. Auf unseren linken Armen prangt nun jeweils ein mystisches Avalon-Tattoo. Es ist ein persönliches Symbol für Rose und mich, das uns wahnsinnig viel bedeutet. Es repräsentiert etwas Magisches, was uns beiden vor einigen Jahren passiert ist. Es ist zu persönlich, um darüber zu sprechen, aber es war ein unglaublicher Moment.

In Ihrer Heimat England sind Sie jene Frau mit den meisten Hits in den 80er Jahren …
… und diesen Rekord kann mir niemand mehr nehmen. Es ist schön, dass ich mir das neben meinen Namen schreiben lassen kann. Aber das Beste ist: Ich liebe Popmusik heute immer noch genauso wie früher. Mein Vater ist 80 Jahre alt, bei ihm ist es ähnlich. Einige dieser Lieder waren meine besten Freunde. Ich bin immer noch deren Anhängerin und noch „wild“. Ich bin noch aufgeregt, wenn ich ein schönes Lied höre. Es hebt sofort meine Stimmung. Meine Begeisterungsfähigkeit hat nicht nachgelassen.

Im kommenden Jahr ist es 40 Jahre seit der Veröffentlichung von „Kids In America“ her. Dieses Lied hat Ihnen den weltweiten Durchbruch beschert. Werden Sie das feiern?
Klar. Im Frühling veröffentliche ich mein „Greatest Hits“-Album. Dazu wird es noch Überraschungen geben. Ich hoffe, dass auch unsere Konzerte im Herbst stattfinden können und wir dann alle weitermachen können mit unseren Leben. Es gibt viel zu hoffen und zu beten am diesjährigen Weihnachtsfest.

Dazu kommt Ihr erweitertes Weihnachtsalbum „Wilde Winter Songbook“ gerade recht.
Ja, denn für viele Menschen kann Weihnachten auch eine schwierige und isolierte Zeit sein. Ich wollte Weihnachten deshalb auf verschiedene Arten reflektieren und mich nicht nur am Weihnachtsbaum und den Lichtern abarbeiten. Es gibt Freudvolles und Lustiges wie bei „Rockin‘ Around The Christmas Tree“, Romantisches mit „Winter Wonderland“, Philosophisches wie bei „Hope“, was besonders gut in die jetzige Zeit passt. Weihnachten kann aber auch einsam und kalt sein wie bei „Song For Beryl“. Dem wollte ich Rechnung tragen.