"Ich werde nicht aufhören zu rebellieren"
Ein Indianer taufte sie „Biumakii“. Das heißt soviel wie „Die Frau, die weit reist im Kopf “. Ein Name, mit dem sich Katja Ebstein, 75, gut anfreunden kann. Beschreibt er doch, wie vielseitig die Künstlerin ist. Denn die zu den bislang erfolgreichsten Song-Contest-Teilnehmerinnen gehörende Deutsche hat mehr zu bieten als nur eine Karriere als Sängerin.
Sie hat viele Hobbys, Malen, Skulpturen bauen, Literatur und Theater.“ Mit diesen Worten stellte die Ansagerin des Song-Contests Katja Ebstein vor. Das war vor 50 Jahren und ereignete sich in der niederländischen Hauptstadt Amsterdam. Dort schaffte die „rote Katja“, wie sie genannt wurde, mit dem Lied „Wunder gibt es immer wieder“ ihren Durchbruch als Sängerin. Die damals erst 25jährige belegte den dritten Platz. Ein Jahr später, 1971, stand sie erneut auf der Song-Contest-Bühne. Das Lied „Diese Welt“, bei dem es um die Umweltverschmutzung geht, brachte ihr wieder den dritten Platz. Und 1980 erreichte sie bei ihrem dritten und letzten Song-Contest-Auftritt mit „Theater“ den zweiten Platz.

„Beim ersten Mal stand ich auf der Bühne und wusste nicht, wie ich es schaffen sollte, drei Minuten lang so konzentriert zu sein, um das Lied gut rüberzubringen. Danach war ich so aufgeregt, dass ich keine Tasse halten konnte“, erinnert sich die 75jährige, die am 9. März 1945 als Karin Ilse Witkiewicz im heute polnischen Girlachsdorf, in der Nähe von Breslau, geboren wurde.

„Trotz aller Irrungen und Wirrungen, die im Zweiten Weltkrieg herrschten, war ich ein Wunschkind“, sagt Ebstein. Das Glück ihrer Mutter über eine gesunde Hausgeburt sei lediglich dadurch getrübt worden, dass sich der Vater in den ersten zwölf Lebensmonaten seiner zweiten Tochter in amerikanischer Kriegsgefangengeschaft befand.

Wie viele andere mussten auch Martha und Willi Witkiewicz mit ihren Töchtern Ursel und Katja flüchten. Die ersten Jahre in Berlin (D) waren hart für die Familie. Der Vater war mit einer schweren Tuberkulose heimgekehrt und konnte seinen Beruf als Kunstschmied nicht mehr ausüben. „Meine Mutter arbeitete als Köchin und sorgte für unseren Unterhalt“, erzählt die Sängerin in ihrer vor Kurzem erschienenen Autobiografie „Das ganze Leben ist Begegnung“ (Fischer-Krüger-Verlag, ISBN 978-3-8105-0058-8, 20 Euro). Sie sei trotz aller Widrigkeiten glücklich gewesen, weil ihre Eltern nie den Lebensmut verloren hätten. Obwohl kaum Geld da war, sei es dem Vater wichtig gewesen, die Zeitung zu kaufen.

„Darin haben natürlich auch meine Schwester und ich gelesen. Was wir von unserem Vater mitbekommen haben, ist sein Kampfgeist für Gerechtigkeit auf allen Ebenen“, erzählt die Künstlerin, die nach der Matura Archäologie und Romanistik studierte, und stets mehr als eine Schlagersängerin war.

In ihrer Jugend wollte sie zunächst Bildhauerin und Malerin werden, bis auf einem Folklore-Festival ihr musikalisches Talent entdeckt wurde. Wobei die vielseitig Begabte auch als Kabarettistin, Schauspielerin und Liedermacherin in Erscheinung getreten ist. Katja Ebstein spielte die „Lola“ in Heinrich Manns „Professor Unrat“, gab die „Jenny“ in Bertolt Brechts „Dreigroschenoper“ und trug lyrische Texte vor.

Ebstein unterstützt bedürftige Kinder und Jugendliche
Politisch engagiert ist sie bereits seit den 1960er Jahren, als sie einer Studenten-Bewegung angehörte. Im Jahr 1972 unterstützte sie den ehemaligen deutschen Bundeskanzler Willy Brandt in seinem Wahlkampf. In den 1980ern war sie Mitglied der westdeutschen Friedensbewegung, 2003 trat sie bei einer Demonstration gegen den Irak-Krieg gemeinsam mit dem Musiker Konstantin Wecker auf.

Selbst kinderlos geblieben, setzt sie sich mit ihrer „Katja Ebstein Stiftung“ für Kinder und Jugendliche aus sozial schwachen Familien ein. Ihnen ermöglicht sie unter anderem Ferien-Aufenthalte auf der Nordsee-Insel Amrum.

Ihren Kampf für Gerechtigkeit und ihr Engagement für Menschen, die es nicht so gut getroffen haben, will sie weiterführen. „Alt ist nur jemand, der glaubt, nicht mehr kämpfen zu können“, schrieb sie. Dabei würde sie alles dafür tun, um das Kind, das sie einmal war, in ihr wachzuhalten. „Und ganz sicher werde ich dort, wo es mir notwendig und wichtig erscheint, nicht aufhören zu rebellieren“, meint die 75jährige zu ihrem Leben, dass es weiterhin „spannend und risikoreich“ bleiben wird.

Ihr Privatleben zu schützen, darauf war Ebstein immer bedacht. Zuflucht und Rückhalt fand sie in ihrer Großfamilie. Ihre Verschlossenheit hat sich vor allem im Jahr 2008 bei ihrer größten Lebenstragödie gezeigt. Ihr Mann, der Regisseur Klaus Überall († 83), verstarb nach 29 gemeinsamen Ehejahren an Lungenkrebs. In den letzten Stunden vor seinem Tod hatte sie ihn im Arm gehalten. Lange Zeit konnte sie den Verlust nicht begreifen, geschweige denn öffentlich darüber sprechen.

Erst vor Kurzem gestand sie, dass er ihr immer noch fehle und eine neue Liebe für sie unvorstellbar sei. „Ich wundere mich, wie schnell Menschen oft wieder jemanden haben und denke mir, dass die Beziehungen nicht tief genug sein konnten“, meint sie. „Seither ist Jesus zu meinem besten Freund geworden“, sagt Katja Ebstein, die tiefgläubig und zugleich kritisch gegenüber der Kirche ist. „Ich bin von Kindesbeinen Protestantin, halte aber nicht an Glaubenssätzen fest. Ich bin weltreligiös und fühle mich auch zum Buddhismus hingezogen“, erklärt die Künstlerin, die sich in Kanada indianisch taufen ließ.

„Der Leiter des indianischen Museums in Calgary hat mich getauft. Er trat hinter mich, sagte etwas in seiner Sprache, gab mir einen kleinen Schubs und sagte dann zu mir, dass ich jetzt ,Biumakii‘ hieße. Das bedeutet so viel wie ,Die Frau, die weit reist im Kopf‘, was mir gut gefällt“, meint die 75jährige, die bis heute stolz auf ihre Eltern ist.

„Sie waren es, die mir das Fundament für alles Weitere in meinem Leben gelegt und meiner Schwester und mir großes Vertrauen geschenkt haben“, meint sie mit einem Blick zurück auf ihre Wurzeln.