Wie Corona unsere Sprache "infiziert"
In der Corona-Krise scheinen die Regierungs-Politiker zumindest teilweise die deutsche Sprache verlernt zu haben. Denn wir werden tagtäglich mit englischen Begriffen überschwemmt. Das kann auch gefährlich sein.
Bildungsminister Heinz Faßmann will den Schülern zur Not wieder „Distance Learning“ verordnen. ÖVP-Kanzler Sebastian Kurz mahnt zur Vorsicht, um einen zweiten „Lockdown“ zu verhindern und der grüne Gesundheitsminister Rudolf Anschober spricht regelmäßig von „Clustern“. Die Politiker könnten zwar auch Fern-
unterricht, Ausgangssperre und Infektionsherde sagen, aber dann würde sie ja jeder Bürger verstehen.

„Die Regierenden machen sich einfach nicht die Mühe, verständliche Begriffe zu verwenden, die es im Deutschen schon gibt“, kritisiert der Grazer Sprachwissenschaftler Rudolf Muhr. „,Social Distancing‘ ist meines Erachtens der schlechteste Begriff überhaupt. Mit ,Sicherheitsabstand halten‘ wüsste jeder sofort, was gemeint ist.“

Dabei hat Rudolf Muhr grundsätzlich nichts gegen Anglizismen, also englische Wörter, die in unsere Sprache eingeflossen sind, oder Lehnwörter aus anderen Sprachen. Manchmal sind sie einfach kürzer und treffender „und bereichern unsere
Sprache“.

Viele Corona-Begriffe sind unverständlich und verwirrend
Das trifft auf den Englisch-Schwall der Corona-Krise kaum zu. „Viele von diesen Begriffen sind unverständlich und nicht notwendig. Aber sie sind auch gefährlich, weil sie die Menschen verwirren und vor allem uninformiert lassen“, rügt Muhr die Regierenden. Vor allem ältere Menschen können oft wenig mit den Corona-Sprachschöpfungen anfangen.

Doch sie haben einen möglicherweise beabsichtigten Nebeneffekt. „Sie geben jenen, die diese Wörter verwenden, den Status von sogenannten Experten. Denn Fachleute verwenden normalerweise für die Allgemeinheit unverständliche Wörter“, weiß der Sprachforscher Muhr. Sie können allerdings auch Tatsachen verschleiern. Ein „Lockdown“ klingt nicht ganz so dramatisch wie eine „Ausgangssperre“ oder „Ausgangsbeschränkung“. Der „Peak der Infektionen“ hat einen anderen Klang als der „Infektions-Höhepunkt“.

Kritik an dieser Wortwahl der türkis-grünen Regierung verhallt weitgehend ungehört. Dabei gäbe es eine einfache Lösung. „Wenn ich einen treffenden deutschsprachigen Ausdruck finde, dann soll ich den verwenden“, ist Rudolf Muhr überzeugt. „Wenn er ,patschert‘ ist, dann verwende ich lieber den Fachbegriff oder umschreibe ihn.“ Kleine Fortschritte gibt es. Zumindest die angekündigte „Summer-School“ des Bildungsministeriums ist jetzt der „Sommerschule“ gewichen.

Doch es gibt nicht nur englische Begriffe, die in der Corona-Krise im Übermaß verwendet werden. Von unserem großen Nachbarn stammt das Wort „hochfahren“. ÖVP-Kanzler Sebastian Kurz beschwor etwa Ende April das verantwortungsvolle „Wiederhochfahren unserer Wirtschaft, unserer Gesellschaft und unserer Republik“.

„Hochfahren ist ein typischer Deutschlandismus“, ärgert sich Rudolf Muhr, ein Kämpfer für das Österreichische Deutsch. „Anstatt zu sagen, wir müssen die Gesellschaft wieder in Gang bringen, wieder zur Normalität zurückkehren, muss alles hochgefahren werden. Mit dieser technischen Ausdrucksweise ist auch eine gewisse Distanzierung, eine Art technische Kälte verbunden.“

Mit dem österreichischen Wort des Jahres kämpft Rudolf Muhr seit mehr als 20 Jahren gegen die sprachliche Umarmung durch das Bundesdeutsche an. Im Vorjahr beherrschte das Video von Ex-FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache die Abstimmung. „Ibiza“ wurde zum Wort des Jahres gewählt, das Unwort des Jahres war „Bsoffene Gschicht“. Heuer sind die Chancen hoch, dass „Corona“ das Rennen als Wort des Jahres macht.

„Es ist zu vermuten, denn es gibt keinen Lebensbereich, der nicht von der Pandemie befallen wäre. Und dazu gehört natürlich auch die Sprache“, sagt der Grazer Sprachexperte. Letztendlich hängt es aber davon ab, welche Kandidatenwörter eingeschickt werden. Das ist ab September auf der Internet-Seite www.oewort.at möglich. Zwei Monate später beginnt dann die Wahl zum österreichischen Wort des Jahres.

Keine "Babykuh" für den Abstand
Der „Babyelefant“ wird uns auch in Zukunft zur Abstandsmessung erhalten bleiben. Warum aber wurde keine „Babykuh“ als Symbol verwendet, wollte ein Mädchen zuletzt bei der Kindersprechstunde mit Gesundheitsminister Rudi Anschober wissen? Ein Kalb „wäre österreichischer“.
„Wir haben bewusst ein exotisches Tier gewählt, um stärker im Gedächtnis der Menschen zu bleiben“, erklärt Werner Singer von der Werbeagentur Jung von Matt, die den Babyelefanten erfunden hat. „Eine Babykuh wäre auch ein schönes Symbol gewesen, nur nicht so ungewöhnlich, und daher auch weniger merkfähig.“ Als Alternative sei auch noch eine Riesenschildkröte im Gespräch gewesen, „wir fanden aber letztlich den kleinen Elefanten sympathischer.“