Das Dorf der Vogelscheuchen
Aus der Not haben die „Blumenfreunde Rennweg“ eine Tugend gemacht. Weil in der Gemeinde Rennweg am Katschberg (K) immer mehr Vögel die Samen aus Gärten und Feldern wegpickten, begannen die Mitglieder des Vereines mit dem Bau von Vogelscheuchen. Mittlerweile sind die Strohpuppen dekorativ über den Ort verteilt.
So und jetzt fest das Heu in das Plastiksackerl stopfen, donn kriagt er a schönes, rundes G‘sicht“, gibt Andreas Ramsbacher Anweisungen zu einer ganz besonderen „Hautstraffung“. Der 69jährige Pensionist ist Obmann und Bastel-Chef der „Blumenfreunde Rennweg“, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, für die Bewohner der Marktgemeinde Rennweg am Katschberg (K) Vogelscheuchen herzustellen.

„Die Idee dazu hatten wir bereits im Jahr 2005, weil jedes Jahr immer mehr Vögel die Samen und das Getreide von unseren Gärten und den Feldern weggepickt haben. Also mussten wir handeln. Mittlerweile ist das Vogelscheuchen-Basteln eine schöne Tradition geworden. Jedes Jahr Anfang Juli gibt es von der Gemeinde einen Postwurf in die Haushalte, dass Ende Juli wieder der Vogelschreck gebastelt wird. Am 1. August werden die Vogelscheuchen dann im ganzen Ort aufgestellt“, erzählt Ramsbacher. 40 Gemeindebürger versammeln sich vor dem Haus des Obmannes und bauen ganz individuelle Vogelscheuchen, wie etwa einen Bauarbeiter, einen Beamten oder eine Sängerin. Der Materialaufwand für den Bau einer Vogelscheuche ist überschaubar. „Der Charme einer Vogelscheuche liegt schließlich darin, dass sie nicht perfekt ist. Zwei Holzlatten oder Besenstiele, Stroh, Strumpfhosen oder Plastiksackerl, Schnüre zum Abbinden und Knöpfe als Augen“, zählt Ramsbacher die notwendigen Utensilien auf, die ohnehin in den meisten Haushalten vorhanden sind.

Der aufragende Teil für den Körper sollte etwa zwei Meter lang sein, der Teil für die Arme einen Meter. „Nun verbinden wir die beiden Stiele zu einem Kreuz und verankern es standfest im Boden. Am besten die senkrechte Latte anspitzen, damit sie sich leichter in den Boden stecken lässt“, erklärt der Fachmann, der in seinem Leben schon mehr als ein Dutzend Vogelscheuchen gebaut hat.

Die ausgefallenste Vogelscheuche wird prämiert
Der Kopf der Vogelscheuche wird aus einigen Strohbündeln geformt, um sie ans obere Ende des Gestells zu binden. „Mit einem Stück Sackleinen über dem Stroh oder einer Strumpfhose und zwei Knöpfen als Augen, die einfach angenäht werden, bekommt die Vogelscheuche schon ein Gesicht“, weiß der 69jährige, der Lydia Meißnitzer, 62 und Adrian Heymans, 78, zeigt, wie der Kopf mit einer Schnur und Nägeln fest am Holzstiel befestigt wird. Nun ist es an der Zeit, die Vogelscheuche einzukleiden. Dafür eignet sich nahezu alles, was an aussortierter Kleidung zu finden ist. Der Kreativität sind dabei keine Grenzen gesetzt. „Wir haben schon Vogelscheuchen auf dem Acker stehen gehabt, die wie ein Feuerwehrmann oder ein Polizist aussahen. Das wirkte besonders abschreckend auf die Vögel“, erzählt Ramsbacher lachend: „Vor ein paar Jahren kam jemand auf die Idee, die Vogelscheuche nach dem Vorbild seiner Frau zu basteln. Er hat dafür einfach ein älteres Kleid von ihr genommen und die Figur vor seiner Haustür aufgestellt.“ Die Antwort auf die Frage nach der Reaktion des Originals lässt der Obmann schmunzelnd unbeantwortet.

Aber auch Hut und Brille, Halstuch oder Kette, Aktentasche und Handschuhe geben der Vogelscheuche einen speziellen Charakter. „Ich kleide meine Vogelscheuche mit einem Sommerrock ein, den ich einmal getragen habe. Das war ein Fehlkauf, aber am Holzgestell findet sich für den Fetzen noch Verwendung“, schmunzelt Meißnitzer. Für mehr Körperfülle werden Ärmel und Hosenbeine der Vogelscheuche an den Enden zugebunden und mit Stroh ausgestopft. Wer mag, malt oder klebt noch ein Gesicht auf. In gut einer Stunde sind die Bastler mit ihren Vogelscheuchen fertig.

Stolz zeigt Sieglinde Koller ihr fertiges Gebilde. „Ich finde, das Gesicht ist mir besonders gut gelungen. Aber es hat fast einen zu netten Ausdruck. Nicht dass dadurch mehr Vögel angelockt anstatt abgeschreckt werden“, lacht die 80jährige Pensionistin. „Meistens haben wir jedes Jahr um die 60 Vogelscheuchen stehen, alle zwischen 1,50 Meter und 1,70 Meter groß. Im Winter werden sie natürlich weggeräumt, aber generell sind sie äußerst wetterbeständig. Zwei Jahre halten unsere Vogelscheuchen locker, bis sie dann endgültig das Zeitliche segnen“, sagt Ramsbacher.

Beim Erntedankfest im Herbst prämieren die „Blumenfreunde Rennweg“ die ausgefallensten Vogelscheuchen. Die ihren Besitzern nicht nur Ehre bringen. Zu gewinnen gibt es einen Hotelaufenthalt und verschiedene Sachpreise. „Ich bin stolz darauf, Teil einer so kreativen Gemeinschaft zu sein. Es ist schön zu sehen, dass jeder mit Begeisterung beim Vogelscheuchen-Bauen mit dabei ist. Spaß macht es allen, aber mir kommt vor, dass die Damen mehr Gefühl beim Stopfen haben“, schmunzelt Adrian Heymans.