Altes Silber in neuem Glanz
Das wertvollste Metall ist für Philipp Kolar Silber. Weil er damit seinen Lebensunterhalt verdient. Der 43jährige Wiener repariert altes Tafelsilber, Zuckerdosen, Leuchter sowie Gefäße aus dem Edelmetall. Mit Werkzeugen, die schon sein Urgroßvater verwendete, als er vor mehr als hundert Jahren den Betrieb gegründet hat.
Die hab‘ ich zum Messerschleifer gebracht. Er konnte sie aber nicht reparieren und hat mich ein Jahr vertröstet“, sagt eine Kundin und legt die Überreste ihrer alten, silbernen Tafelmesser vor. Nach der „Reparatur“ sind nur noch die Griffe vorhanden. „Ich musste sogar mit der Polizei drohen, damit er mir die wenigstens herausgibt“, berichtet die Ärztin im Ruhestand. „Das ist kein Problem“, wird die Frau beruhigt. „Ich habe verschiedene Klingen auf Lager, die ich einlöten kann“, sagt Philipp Kolar und präsentiert ihr ein Sortiment. Schnell ist die Entscheidung für ein Modell gefallen. „In 14 Tagen können Sie die Messer abholen“, verabschiedet der 43jährige die Dame. Nach einer Odyssee ist sie endlich an der richtigen Adresse gelandet. Beim Wiener Silberschmied Philipp Kolar, der den Traditionsbetrieb in vierter Generation führt.

Dass es die Werkstatt schon lange gibt, wird klar, sobald sie betreten wird. Es ist, als würde sich die Tür zu einer längst vergangenen Zeit öffnen, eine Zeit um das Jahr 1910, als Urgroßvater Anton das kleine Unternehmen gründete. Trotz großer Fenster ist es dunkel. Das Grau der Wände gibt nicht nur Zeugnis jahrzehntelanger Metallverarbeitung, es schluckt auch das Licht. Ein alter Holzofen spendet wohlige Wärme. „Die meisten Geräte, die ich verwende, stammen aus dieser Zeit“, sagt Kolar. Pressen, Schleifmaschinen, Biegeeisen, hölzerne Werkbänke, deren Holzfarbe längst von einer schwarzen Schicht bedeckt ist, lassen Besucher tief in eine Vergangenheit eintauchen, in der Geräte noch für die Ewigkeit gebaut wurden. Sogar eine altertümliche Gasesse ist noch wie anno dazumal in Betrieb. „Warum sollte ich mir eine neue kaufen, wenn die noch ausgezeichnet funktioniert“, sagt Kolar, der den Betrieb von seinem Vater vor 14 Jahren übernommen hat. „Ich habe hier sogar eine Fußpumpe dabei, mit der ich Luft an die Flamme strömen lassen kann, um die Hitze zu regulieren.“

Damit benötigt er nur ein paar Minuten, um in der Esse
mit Hilfe von Silberlot einen gebrochenen Kerzenständer instand zu setzen. „Es ist halt Erfahrung nötig, um zu wissen, an welcher Stelle und wie das Silber erhitzt wird. Es ist ein recht aktiv schmelzendes Metall und ich muss den Bereich beim Verflüssigen möglichst klein halten, damit sich nicht Teile des Werkstückes dauerhaft verformen, was als ‚Zusammenschnurren‘ bezeichnet wird“, erklärt der Fachmann.

Aber nicht nur Silberreparaturen erledigt Kolar. Auch die Wiederaufbereitung alter und auch neuerer Stücke gehören zu seinem täglich Brot. Einer verschließbaren Zuckerdose aus der Zeit des Jugendstils, die auf seinem Arbeitsplatz steht, ist das Alter anzusehen. „Zuerst habe ich das einfache Schloss wieder gängig gemacht“, erklärt Kolar. „Viele Zuckerdosen waren damals versperrbar, weil Zucker ein kostbares Gut war und nicht jeder darauf Zugriff haben sollte“, zeigt sich der Silberschmied auch in der Geschichte bewandert. Um das matte Silber wieder zum Glänzen zu bringen, sind je nach Grad der Verunreinigung mehrere Arbeitsschritte notwendig. „Wenn ich mit einer weichen Flanellscheibe darüberpoliere, ist der Unterschied gut zu sehen“, sagt Kolar und setzt an einer Stelle der Zuckerdose an der rotierenden Scheibe an. Was nach kurzer Zeit für das Laienauge wie neu wirkt, ist erst die Vorstufe für weitere Arbeitsschritte des Experten. „Die winzigen Schleifspuren müssen noch mit weichen Tuchscheiben auspoliert werden, die Zwischenräume der Verzierungen können nur in einem Reinigungsbad von der Oxidationsschicht befreit werden.“ Die Trocknung erfolgt, wie schon zu Urgroßvaters Zeiten, mit Sägespänen.

Benötigt Kolar einen Silberdraht bestimmter Stärke, macht er ihn sich einfach selber. Dazu hat der 43-jährige in seiner Werkstatt eine Drahtwalze. Wie die meisten Geräte bei ihm ein einfaches mechanisches Werkzeug, aber mit dem entsprechenden Wissen effektiv zu verwenden. „Zuerst schmelze ich mir einen Silberquader von etwa 20 Zentimetern Länge und einem Zentimeter Seitenstärke, der an einem Ende so verjüngt ist, dass ich das Endstück durch diese Lochplatte stecken kann“, sagt der Fachmann. „Die Löcher entsprechen den gewünschten Drahtstärken.“ Dann spannt er die Platte und den sogenannten „Inguss“ mit der Lochplatte in eine Art Streckbank ein und beginnt an einer mit der Bank verbundenen Zahnradübersetzung zu kurbeln.

Entsprechend dem Lochdurchmesser verwandelt sich nun das Silberstück Millimeter um Millimeter in Silberdraht. Obwohl sich die Arbeitstechniken seit mehr als 100 Jahren kaum geändert haben, hat sich doch der Beruf verändert. „Zur Zeit meines Urgroßvaters war er fast ausschließlich ein Produktionsbetrieb, der Zigarettenetuis, Schatullen und Puderdosen hergestellt hat. Das wurde über die Jahrzehnte immer weniger, weil es keinen Bedarf mehr gegeben hat. Und ich mache ausschließlich Reparaturen.“ Dass es auch bald dafür keinen Bedarf mehr geben könnte, die Angst hat Kolar nicht. „Zu mir kommen viele Antiquitätenhändler, die ihre Ware aufbereiten lassen“, sagt der 43jährige. „Und solange es vermeintliche ‚Experten‘ gibt, die so etwas machen, bekomme ich keine grauen Haare“, sagt er und zeigt einen Silberkelch mit abgebrochenem Griff. „Weil er falsch aufgelötet wurde“, schmunzelt der Experte.