„Humor ist immer ein Wagnis“
Im Programm „Lebhaft – Rotzpipn forever!“ ruft Alex Kristan, 47, zum Ungehorsam auf. Warum es mehr Rebellen braucht, wie viele Strafzettel er schon kassiert hat und vor welchen Menschen er den Hut zieht, das verrät er im WOCHE-Gespräch.
Herr Kristan, in „Lebhaft“ erhalten Sie wegen überhöhter Fahrgeschwindigkeit einen Strafzettel. Den nehmen Sie als Anlass, zum Ungehorsam aufzurufen. Braucht unser Land mehr Rebellen? Sind wir zu angepasst?
Das würde ich so sagen, ja. Wir sind auf dem besten Weg zu einer fremdbestimmten, überregulierten Verbotsgesellschaft, in der die pure Lebenslust leider auf der Strecke zu bleiben scheint. Sich nicht mehr gegen etwas aufzulehnen, heißt, viel Eigenverantwortung abzugeben. Der Strafzettel im Programm dient ja nur als Metapher. Aber zum Beispiel die lächerliche Vorschrift, wie jemand in öffentlichen Verkehrsmitteln zu sitzen hat, empfinde ich als Beleidigung des gesunden Menschenverstandes.

Ist der Strafzettel auf der Bühne ein echter? Wie viele davon haben Sie schon bekommen?
Ja, das ist ein Original. Um die Summe meiner Strafzettel könnte wahrscheinlich ein nigelnagelneues Polizeipferd gekauft werden.

Würden Sie, statt zu zahlen, lieber ins Gefängnis gehen?
Eher nicht, weil ich das Ganze auf der Bühne lustiger darstelle, als es in Wirklichkeit sein dürfte. Ein Freiheitsentzug wäre gerade für mich als Freigeist unerträglich.

„Rotzpipn forever!“ ist der Untertitel Ihres Kabaretts. Heißt das, dass Sie mit 47 Jahren noch immer eine „Rotzpipn“ sind?
Das würd‘ ich nicht sagen. Aber es bedeutet schon, dass ich nicht jedem Trend hinterherhechle. In Zeiten, in denen immer mehr Unverbindlichkeit und Oberflächlichkeit Einzug hält, kann Höflichkeit wie pünktliches Erscheinen am vereinbarten Treffpunkt schon zu einer Art rebellischer Haltung mutieren.

„Lebe jeden Tag, als wäre er dein letzter“, löst als Spruch auf einem Glückskeks eine Rebellion auf der Bühne aus. Gelingt es Ihnen, jeden Tag so zu leben?
Nein, es gelingt mir nicht. Und natürlich ist Anarchie keine tolerable Gesellschaftsform. Vielmehr möchte ich zum Ausdruck bringen, dass wir uns durchaus öfter die Frage stellen sollten, ob es uns wirklich so schlecht geht, wie wir es uns gerne einreden. Oft ist es nur der Versuch allein, sich an unscheinbaren Banalitäten zu erfreuen, der die Stimmung hebt. Ich glaube, wenn sich der oder die Einzelne besser fühlt, verbessert sich auch der Umgang miteinander.

Sie fordern in Ihrem Kabarett mehr „gelebtes Rotzpipntum“. War früher alles lockerer und weniger „politisch korrekt“?
Ich finde, der Begriff „politisch korrekt“ birgt einen gewissen Widerspruch in sich. Die Menschen machen den Mund mehr auf denn je, leider fast ausschließlich auf Sozialen-Medien-Kanälen, wo alles ständig kommentiert, be- und verurteilt wird. Und leider nur aufgrund des vermeintlichen Schutzes der Anonymität, mitunter in einer Weise, die von Angesicht zu Angesicht nie stattfinden würde. Der Begriff „Shitstorm“ ist für mich das Unwort des Jahres. Ich ziehe meinen Hut vor Menschen wie Nina Proll oder Susanne Wiesinger, die den Mumm haben, ihre Meinung, die vielleicht nicht systemkonform ist, laut auszusprechen, auch auf die Gefahr hin anzuecken. So etwas imponiert mir.

Auf der Bühne sind Sie nie alleine. Herbert Prohaska, Andi Herzog, Toni Polster, Hermann Maier, um nur einige zu nennen, sind Ihre fixen „Begleiter“. Wann haben Sie festgestellt, dass Sie Personen parodieren können?
Das hat schon in der Schule angefangen, als meine Lehrer als „Studienobjekte“ herhalten mussten. Später hab‘ ich gemerkt, dass die Menschen lachen, wenn ich etwas erzähle. Prominente zu parodieren, habe ich mit etwa 18 begonnen, als ich auf Partys Interviewsituationen zwischen Reportern und Sportlern simuliert und damit die ganze Meute unterhalten habe.

Im Programm reden Sie gerne mit Ihrer Frau. Haben Sie vorher um ihre Erlaubnis gebeten?
Sie hat mich ja als der, der ich bin, kennengelernt und daher genau gewusst, worauf sie sich da einlässt. Und das Publikum soll sich ja die Frage stellen, ob das wirklich so passiert ist oder frei erfunden wurde. Ich möchte das Kopfkino meiner Zuschauer in Gang bringen.

Hat sich bislang jemand durch Ihre Parodien beleidigt oder gekränkt gefühlt?
Nein, weil ich bewusst darauf achte, die Bühne nicht als Plattform zu benützen, um jemanden durch den Dreck, sondern lieber durch den Kakao zu ziehen.

Es sind eher die Sportler, die Sie sich vornehmen. Wie wäre es mit unseren Politikern?
Politiker sind mitunter etwas schwieriger als Sportler, weil sie darauf trainiert sind, möglichst glatt rüberzukommen und viel zu reden, ohne etwas zu sagen.

Sie wechselten mit 30 ins künstlerische Fach. War die Entscheidung richtig?
Nachdem ich jahrelang festangestellt war, hatte ich zum einen schon Sorge, mich in die künstlerische Selbstständigkeit zu wagen. Zum anderen würde ich es jederzeit wieder tun. Es gibt kein besseres Gefühl, als mit dem, was du am allerliebsten machst und kannst, deinen Unterhalt bestreiten zu dürfen. Hätte ich es nicht gemacht, hätte ich mich ewig gefragt, was wäre gewesen wenn. Ich glaube nicht an Zufälle, sondern vielmehr daran, dass einem zufällt, was fällig ist.

Wie definieren Sie Humor?
Humor ist die Fähigkeit, den Absurditäten des Lebens gelassen zu begegnen. Vor allen Dingen aber ist Humor immer ein Wagnis, weil du dir nie sicher sein kannst, dass er von allen Menschen gleichermaßen gemocht wird.

Da wir mitten im Fasching sind, drängt sich die Frage auf, wie Sie es mit der „fünften Jahreszeit“ halten?
Ich bin leider ein ganz klarer Verweigerer des programmatischen „Lustig-Seins“. An bestimmten Tagen und zu bestimmen Anlässen auf Kommando die Sau ‘rauszulassen und abzufeiern, weil „man“ es halt so macht, ist nichts für mich. Daher arbeite ich zu Silvester gern und bin für andere lustig. Und die Faschingsumzüge lasse ich konsequent aus.