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„Minze hilft gegen meine schlimmen Angste“
Auf die Veröffentlichung des Liedes „No Roots“ folgte für die Weltenbummlerin Alice Merton, 25, vor eineinhalb Jahren ein unerwartet heftiger internationaler Durchbruch. Die Arbeit am Debütalbum „Mint“ zog sich wegen des Trubels etwas hin, aber nun ist es da, und es ist ein Fest für Liebhaber selbstbewusster, melodischer, auch einmal störrischer Popmusik. Der WOCHE-Reporter Steffen Rüth hat sich mit der in Frankfurt/Main (Deutschland) geborenen Sängerin, die in mehreren Ländern aufgewachsen und nach wie vor gerne unterwegs ist, unterhalten.
Ihre Debüt-Single „No Roots“ kam weltweit recht gut an, Sie hatten Auftritte unter anderem in Serbien und der Türkei, aber auch in der „Tonight Show“ mit Jimmy Fallon in New York (USA). Worauf führen Sie den Erfolg dieses Liedes einer bis dahin unbekannten Sängerin zurück?
Ich glaube, es liegt daran, dass praktisch alle Menschen das Gefühl kennen, das ich in „No Roots“ beschreibe. Und zwar diese Mischung aus Rastlosigkeit und dem Wunsch, irgendwo anzukommen und Wurzeln zu schlagen. Diese innere Suche nach Heimat ist überall auf der Welt gleich. Außerdem weiß ich selbst ziemlich gut, wovon ich da singe.

Ihr Vater ist Ire, die Mutter Deutsche, Sie sind in Frankfurt/Main geboren, haben mit den Eltern in New York, Kanada und in München gelebt, wo Sie auch Deutsch gelernt haben. Die Matura absolvierten Sie an einer Klosterschule. Inzwischen leben Sie in der deutschen Hauptstadt Berlin. Wo ist denn Ihre persönliche Heimat?
Mein Zuhause ist kein Ort, sondern bei den Menschen, die mir nahestehen, die ich liebe. Meine Eltern wohnen jetzt zwei Stunden von London (England) entfernt. Vor zwei Tagen bekam ich plötzlich schlimmes Heimweh nach meinem Vater. Aber ich konnte nicht zu ihm, weil ich zu tun hatte. Ich reise gern, ich mag es, neue Orte zu sehen. In den zwei Jahren, seit „No Roots“ herausgekommen ist, war ich kaum noch zu Hause, sondern immer auf Tour. Jetzt, mit Mitte 20, ist das auch super. Andererseits ist der Wunsch, fest an einem Ort zu bleiben, meinen Platz gefunden zu haben, vielleicht einmal eine Familie zu gründen, schon auch vorhanden.

Haben Sie Geschwister?
Ja. Meine ältere Schwester ist Lehrerin und mein kleiner Bruder studiert Ingenieurswissenschaften.

Wann stand für Sie fest, Musikerin zu werden?
Mit 14 Jahren habe ich erste Lieder geschrieben, das waren richtige Rockopern. Mein Vater ist ein großer Anhänger der Gruppe „Queen“, das muss irgendwie abgefärbt haben. Nach der Matura habe ich das Studium der Betriebswirtschaft begonnen, was mir sogar Spaß gemacht hat. Aber dann entdeckte ich die Pop-Akademie in Mannheim (D), bestand die Aufnahmeprüfung und wusste: Jetzt gilt es, alles oder nichts.

Wo haben Sie Ihre ersten Auftritts-Erfahrungen gesammelt?
(lacht) Bei der Gastro-Kette Vapiano in Augsburg (D). Dort bekam ich allerdings keine Gage, sondern wurde in Essen bezahlt. Und manchmal beschwerten sich Gäste, dass die Musik zu laut sei. Später in Mannheim (D) habe ich in kleinen Lokalen und auch einmal im Einkaufszentrum gespielt. Am Anfang solltest du nicht allzu wählerisch sein.

Was haben Sie sich nach dem Erfolg mit „No Roots“ gegönnt?
Ein Piano. Das steht in meiner Wohnung in Berlin. Jetzt kann ich daheim Lieder schreiben und Ideen ausprobieren, wie ich möchte. Vorher lebte ich mit Paul in einer Einzimmerwohnung. Wir hatten ein Stockbett, er lag oben, ich unten. Das war heftig. Wir waren nie ein Paar, und wenn einmal einer von uns jemanden mit nach Hause brachte, war es echt schwierig. Zum Glück konnte das unserer Freundschaft nichts anhaben.

In den Liedern auf Ihrem ersten Album „Mint“ (bereits im Handel) machen Sie oft konkrete Aussagen. „Lash Out“ ist rockig und wütend, auch „Funny Business“ oder „Why So Serious“ klingen, als seien Sie forsch und meinungsstark …
Ich bin ein ehrlicher Mensch, ich mache keinen Mist und würde niemals jemanden hängenlassen. Aber ich streite mich eben auch, wenn es nötig ist. Und ich habe festgestellt, dass Reibung gut ist zum Schreiben von Liedern. Also sind Stücke wie „Speak Your Mind“ oder „Lash Out“ ganz schön direkt. In beiden Songs geht es darum, wie sehr ich es hasse, wenn Menschen nicht ihre Meinung sagen und die Wut in sich hineinfressen.

Und was ist die Kernaussage in „Learn To Live“?
Meine zahlreichen Ängste und der Wunsch, ihnen nicht mehr so viel Aufmerksamkeit schenken zu müssen. Ich wäre gerne unbeschwerter, aber wegen meiner schlimmen Angstprobleme gelingt mir das oft nicht. Manchmal geraten die Ängste außer Kontrolle. Vielleicht wird es besser, wenn ich endlich eine Angsttherapie mache.

Sind Sie sonst Ihren Ängsten hilflos ausgeliefert?
Nun ja, Meditieren hilft. Und vor allem: Pfefferminz. Daher kommt auch der Albumtitel „Mint“. Minze funktioniert bei mir in allen Variationen. Im Tee oder im Kaugummi, der Geschmack beruhigt meinen Magen und ist obendrein gut für meine Nerven.