Jetzt anmelden
Der frühe Vogel fängt den Wurm
Die einen springen um fünf Uhr in der Früh putzmunter und voller Tatendrang aus dem Bett, andere brauchen eine gefühlte Ewigkeit, um nach dem Aufstehen in die Gänge zu kommen. Was den Morgen- vom Abendtyp unterscheidet und wie die „inneren Uhren“ ticken können, erörtert die Schlaf-Expertin Dr. Brigitte Holzinger.
Guten Morgen, raus aus den Federn, es ist sieben Uhr, sonst kommst du zu spät in die Schule“, fordert die Mutter ihren 13jährigen Sohn auf. Vergeblich, der Bursche schläft tief und fest. „Kein Wunder, war er doch wie so oft in letzter Zeit bis drei Uhr in der Früh wach und unentwegt mit seinem Mobiltelefon beschäftigt“, sagt Dr. Brigitte Holzinger, Leiterin des Zertifikatkurses Schlafcoaching an der Medizinischen Universität in Wien. Bei ihr suchte die Mutter des 13jährigen Rat und Hilfe.

„Ein Fall, der beispielgebend ist für eine katastrophale Entwicklung“, sagt die Gesundheitspsychologin. „Der Bub war nicht mehr fähig, rechtzeitig aufzustehen, um in die Schule zu gehen. Die Mutter nahm den Sohn von der Schule und unterrichtet ihn daheim selbst. Früher hatten wir es mit essgestörten, jetzt haben wir es zusätzlich mit schlafgestörten Jugendlichen zu tun. Da hören Kinder mit der Schule auf, weil sie mit dem Handy herumspielen und um sieben Uhr nicht aufstehen können“, verweist Holzinger auf den „sozialen Jetlag“. Dieser Begriff bringt das Phänomen auf den Punkt, wenn die innere Uhr und die „soziale“ Uhr, also die des Alltages, auseinanderklaffen.

Die Leiterin des Institutes für Bewusstseins- und Traumforschung (www.schlafcoaching.org) meint, sie
und ihre Kollegen könnten nur Aufklärungsarbeit leisten. „Wenn die Eltern das Problem stützen und die
Kinder von der Schule nehmen, können wir nur an die jungen Menschen appellieren und sagen: Kinder, ihr schadet euch und eurer Gesundheit nachhaltig. Vielleicht hat sich die pädagogische Philosophie doch ein bisschen zu sehr in Richtung keine Grenzen setzen entwickelt, womöglich pendelt sich das wieder ein.“

Auch das veränderte Ausgehverhalten würde die „innere Uhr“ der jungen Menschen völlig aus dem Gleichgewicht geraten lassen. „Während vor 20 Jahren die Partys um spätestens 21 Uhr begannen, geht‘s heute erst um Mitternacht los. Gefeiert wird bis Sonntagmittag, was die Zeiger der ,inneren Uhr‘ total verdreht.“ Unser Körper hat eben einen Tag- und Nachtmodus. „Je weniger Struktur unsere Kinder bekommen, umso größer ist ihre innere Verwirrung“, meint die Schlafexpertin. Die Eltern können bis zum zwölften Lebensjahr ihres Kindes einen nachhaltigen Einfluss auf dessen Schlafverhalten nehmen, „denn Kinder brauchen diese Vorgaben, weil sie eine Tagesstruktur entwickeln müssen, um leistungs- und konzentrationsfähig sein zu können. Grundsätzlich sollte zwei Stunden vor dem Schlafengehen von Mobiltelefonen sowie von allen anderen elektronischen Geräten Abstand genommen werden.“

Zum Teil verursacht die Genetik mit, welchem Typ, Morgenmensch oder Abendmensch, Erwachsene eher
angehören. Studien belegen, dass es etwa 20 Prozent ausgeprägte Morgen- und 20 Prozent ausgeprägte Abendtypen gibt. 60 Prozent sind in Wahrheit keines von beiden. Wenn diese Menschen in der Früh ständig müde sind oder abends nicht einschlafen können, liegt es nicht daran, dass sie „Eule“ oder „Lerche“ sind, sondern womöglich an Schlafstörungen leiden. „Ein ausgeprägter Morgenmensch geht spätestens um 22 Uhr schlafen und steht spätestens um fünf Uhr auf. Ein ausgeprägter Abendmensch kann vor Mitternacht oder ein Uhr früh gar nicht einschlafen“, erklärt Holzinger, die weiß, der frühe Vogel fängt den Wurm. „Abendmenschen sind grundsätzlich benachteiligt, sind weniger erfolgreich, weil sie gegen ihre ,innere Uhr‘ leben müssen und gelten als anfälliger, an Depressionen zu erkranken.“ Morgentypen hingegen sind insgesamt gewissenhafter, weniger risikofreudig und zufriedener mit ihrem Leben.

„Ich hatte einmal eine Klientin“, berichtet Dr. Holzinger, „die ihren Beruf mochte und den sie sich immer wünschte. Allerdings befand sich ihr Arbeitsplatz in Wien und sie musste täglich aus dem Burgenland anreisen, um sieben Uhr war Arbeitsbeginn, was bedeutete, dass sie um 4.30 Uhr aufstehen musste. Das war für die Frau, die eher dem Abendtyp entsprach, nahezu unmöglich. Vor lauter Angst, in der Früh nicht aufstehen zu können, konnte sie nicht mehr einschlafen. Keine gesunde Lösung, aber sie nahm die Strapazen aus Liebe zu ihrem Beruf hin.“