Jetzt anmelden
„Ich suche mein inneres Gleichgewicht“
In den 1990er Jahren erreichte er mit der „RTL Samstag Nacht“ Kultstatus. Seither stieg Stefan Jürgens kaum auf die Bremse. Neben der Schauspielerei („SOKO Donau“) schreibt der 55jährige eigene Lieder. In „Was zählt“, seinem fünften Album, lädt er auf eine Reise durch seine Gefühlswelt ein.
Herr Jürgens, „Jeder gegen jeden“ heißt eines der Lieder Ihres neuen Albums „Was zählt“. Warum so provokant?
Das „Ich“ ist viel einfacher geworden, aber das „Du“ äußerst schwierig. In unserer konfliktgeladenen Gesellschaft vermisse ich die Bereitschaft zu geben. Ein „Bitte“ oder ein „Danke“ ist kaum noch zu hören. Das mag jetzt altmodisch klingen, aber tatsächlich sind es genau die Werte, auf denen unser Menschsein begründet ist. Diese Werte habe ich immer versucht, meinen inzwischen erwachsenen Kindern beizubringen, den Menschen Respekt zu erweisen und eine Mitleidsfähigkeit zu zeigen.

Sind Sie streng?
Das können meine Kinder sicher besser beurteilen als ich (lacht). Wenn es um Werte ging, zeigte ich ein gewisses Maß an Strenge. Wichtig war mir, und das habe ich aus meinem Elternhaus mitgebracht, meinen vier Kindern freie Hand bei ihren Berufs- und Beziehungsentscheidungen zu lassen. An die Wertebeständigkeit zu appellieren, kann die Fähigkeit zur Leidenschaft freisetzen. Das A und O ist für mich, sich mit Leib und Seele einem Thema zu widmen.

Mit Leib und Seele dabei waren Sie in der RTL-Show „Samstag Nacht“. Wieso haben Sie vom Komödien-Fach Abstand genommen?
„Samstag Nacht“ war die „Mutter“ aller Comedyshows. Auf die fünf Jahre (Anm.: von 1993 bis 1998), die ich dabei war, bin ich stolz. Die Kollegen waren wunderbar. Wenn ich ab 7. März auf Tour bin, findet noch immer Humor im großen Sinne statt. In Österreich ginge das gar nicht anders. Die Menschen hier sind die Meister des Schmähs. Meine berufliche Auseinandersetzung suche ich allerdings nicht mehr in der Komödie.

Worin dann?
Ich bin kein langfristiger Planer. Was nächstes Jahr sein wird, steht noch nicht fest. Derzeit dreht sich bei mir alles um mein neues Album und die dreißig Konzerte, die ich geben werde. Ab April beginnen dann schon die Dreh-
arbeiten zur 15. Staffel von „SOKO Donau“.

Seit wann machen Sie schon Musik?
Seit meinem 16. Lebensjahr. Mit 40 schaffte ich es endlich, mein erstes Album herauszugeben. Mit dem bezeichnenden Titel „Langstreckenlauf“.

In der Krimiserie „SOKO Donau“ spielen Sie seit zwölf Jahren den Major Carl Ribarski. Ganz schön lange für jemanden, der nicht langfristig plant …
Hätte mir jemand im Jahr 2007 gesagt, dass ich das so lange machen würde, hätte ich laut gelacht. In der Tat fühle ich mich in der Rolle äußerst wohl. Interessant ist, dass sich durch die Neuzugänge die Positionen im Team verändert haben.

Neben Michael Steinocher als neuen Kollegen agiert mit Brigitte Kren eine neue „SOKO-Chefin“. Vermissen Sie Ihren Ex-Kollegen Gregor Seberg?
Es ist bekannt, dass Gregor Seberg und ich uns mögen. Wir funktionierten in unseren Rollen gut miteinander, was nicht selbstverständlich ist. Letztlich war es eine Arbeitsgemeinschaft und keine Liebesbeziehung. Die „SOKO“ von früher gibt es heute nicht mehr. Genau das finde ich spannend. Mit Brigitte Kren ist die Kombination herrlich. Mit ihr als Chefin erhält meine Figur eine ganz neue Farbe.

Bei den Dreharbeiten wird es schon frühlingshaft sein. Werden Sie für den Arbeitsweg Ihr „heißes Eisen“ nehmen?
Sicher, im April geht‘s wieder los. Jetzt steht die Triumph Rocket Roadster still in der Garage. Im Winter bin ich, was das betrifft, ein Warmduscher. Motorradfahren entschleunigt und entspannt mich. Ich fahre selten schneller als 120 Stundenkilometer.

Sind Sie lieber mit dem Auto oder mit dem Motorrad unterwegs?
Wenn ich es eilig habe, fahre ich lieber mit dem Auto.

Mit Tempo 170 rasen Sie im Auto zu Ihrem kranken Vater. So heißt es im Lied „Vater“ aus Ihrem Album. War das ein persönliches Erlebnis?
Ich will mit dem Lied nicht groß über meinen Vater erzählen, das geht auch niemanden etwas an. Vielmehr möchte ich auf die Konsequenzen des Alters und die Auseinandersetzung mit dem Elternhaus hinweisen. „So wandert die Zeit“, heißt es im Lied. Und es ist unmöglich, sich auf den menschlichen Verlust vorzubereiten.

Worum geht es Ihnen beim Lied „Unvollendet“?
Dass nicht jedes Handeln ein Ziel braucht. Was zählt, ist das Probieren. Sich etwas vorzunehmen und nur die Hälfte davon zu erreichen, kennt jeder. Bei mir ist das schon immer so. Mit 20 begann ich, Gitarre zu lernen, und mit fast 56 Jahren stelle ich fest, dass ich es immer noch nicht kann.

Sind Sie selbstkritisch?
Ja, sehr. Deshalb muss ich mit Unvollendetem wie dem Gitarrespielen meinen Frieden schließen. Ich bin unentwegt auf der Suche nach dem inneren Gleichgewicht. Dazu gehört für mich, Dinge nicht zu ernst zu nehmen.

Blieben Sie auch bei Ihren beruflichen Entscheidungen immer locker?
Mit 30 machte ich eine Schlüsselerfahrung. Ich arbeitete am Theater und kündigte spontan. Genau zu dem Zeitpunkt wurde meine damalige Lebenspartnerin schwanger und ich dachte: Jetzt hast du eine Familie und keinen Beruf. Nach drei Monaten fing das Telefon an zu klingeln und ich bekam Angebote. Seit damals weiß ich, dass es immer einen Weg gibt. Wenn eine Tür zugeht, dann geht irgendwo ein Fenster auf. Da bin ich brutal optimistisch.

Gelingt es Ihnen, Negatives auszublenden?
Grundsätzlich ja. Ab und zu neige ich beim Betrachten des Weltgeschehens zu finsteren Visionen. Glücklicherweise habe ich vier wunderbare Kinder, die dann sagen, „Papa, hörst du jetzt bitte auf damit.“ Meine um einiges jüngere Freundin versteht es auch, mich aufzubauen.

Wie ist der Kontakt zu Ihren Kindern?
Sehr gut. Zum Start meiner Konzert-Tour sehen wir uns, da werden sie die ersten Tage mit dabei sein. Sie kennen meine Musiker-Kollegen, seit sie kleine Kinder waren. Mittlerweile trinken sie schon mit ihnen mit (lacht).