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Ein letztes Mal Zunge zeigen, dann ist Schluss
Zeit ist Geld. Für den geschäftstüchtigen Gene Simmons ganz besonders. Der 69jährige mit der wohl berühmtesten Zunge der Rockgeschichte sitzt in seinem Hotelzimmer in Las Vegas (USA) und möchte daher gleich zur Sache kommen, das heißt, über die Abschiedstournee von „Kiss“ sprechen. Jener amerikanischen Hard-Rock-Band, als deren Frontmann Simmons seit 1973 fungiert und mit der er noch drei Jahre lang um die Welt reisen will, bevor der Vorhang für immer fällt. Im Zuge dieser Tournee wird die Band am 29. Mai in der Wiener Stadthalle auftreten. Der WOCHE-Reporter Steffen Rüth hat festgehalten, was Simmons gesagt hat.
Herr Simmons, wird „The End Of The Road“ definitiv die letzte Tournee von „Kiss“ sein?
Ja. Wir haben „Kiss“ 45 Jahre lang betrieben. Wenn wir mit der Tour, die ziemlich lange dauern wird, fertig sind, werden es 48 oder 49 Jahre sein. Das muss genug sein.

Dann könnten Sie die 50 Jahre auch noch voll machen …
(lacht) Möglich ist alles. Aber nur, wenn es sich gut und vernünftig anfühlt.

Jetzt ist es also vernünftig, mit „Kiss“ aufzuhören. Warum? Sie sind doch noch nicht einmal 70 Jahre alt.
Am Ende der Tour werde ich ungefähr 72 sein. Das ist ein gutes Alter, um Schluss zu machen. Wir sollten gehen, wenn wir noch an der Spitze stehen. Und nicht, wenn einen die Menschen anfangen zu bedauern. Seien wir doch ehrlich: Da draußen gibt es jede Menge Kollegen, die immer noch auftreten, obwohl sie nicht einmal mehr richtig stehen können. Diese Musiker sollten nicht dort sein. Es tut weh, ihnen zuzuschauen.

Ist es nicht längst normal, mit mehr als 70 oder gar 80 Jahren noch live zu spielen?
Wenn ich bei den „Rolling Stones“ spielen würde, könnte ich in Turnschuhen und T-Shirt auf die Bühne gehen und meine Lieder vortragen, bis ich 80 bin. Kein Problem. Die „Stones“ machen das super. Aber ich spucke Feuer, fliege durch die Luft, trage Stiefel mit 18 Zentimeter hohen Absätzen und eine Montur, die 20 Kilo wiegt. „Kiss“ ist die am härtesten arbeitende Band im Showgeschäft. Wenn ich Mick Jagger in mein Outfit stecken würde, kippt der nach einer halben Stunde aus den Latschen.

Haben Sie das je probiert?
Was?

Jagger Ihre Rüstung anzuziehen?
Oh nein. Er wäre weggelaufen.

„Kiss“ ist ein erfolgreiches Unternehmen. Wie schwierig war es, den Entschluss zu fassen, dass die nächste Tour die letzte sein wird?
Das ging ohne Dramen vonstatten. Und zügig. Wir trafen uns, sprachen über die kommende Tour und auch darüber, dass wir uns nicht vorstellen können, danach noch weiterzuspielen. Wir können nun einmal nicht ewig weitermachen, das ist auch zu akzeptieren. Diese Tournee wird die beste und spektakulärste, die wir je unternommen haben. Uns allen geht es richtig gut. Niemand hat Drogenprobleme oder steckt sonst irgendwie in Schwierigkeiten.

Sie selbst sollen Drogen ja nie angerührt haben.
Ich fand es immer bescheuert, besoffen oder zugedröhnt sein zu wollen. Wofür soll das gut sein? Kein Betrunkener sagt etwas Kluges. Und wenn du dicht bist, benimmst du dich wie ein Idiot, Punkt.

Hat es Sie nie gereizt, es einmal auszuprobieren?
Ich hatte nie den Eindruck, etwas zu verpassen. Im Gegenteil. Ich war in meinem ganzen Leben nie betrunken, ich rauche keine Zigaretten, und Drogen nehme ich schon gar nicht. Das interessiert mich alles nicht im Geringsten. Ich hatte auch noch nie eine Massage. Mir ist wichtig, gut zu schlafen, gut zu essen und mich ausreichend zu bewegen. Ich mag lange Spaziergänge.

Ausgerechnet Sie fungieren jetzt als sogenannter „Chief Evangelist Officer“, was so viel bedeutet wie der Leiter der Innovations- und Strategie-Abteilung des Cannabis-Unternehmens Invictus zu sein.
Ja, aber ich rede in dieser Funktion ausschließlich über den medizinischen Aspekt von Cannabis. Hanf kann Epilepsie heilen, das ist ein Meilenstein. Ich selbst nehme kein Marihuana, ich habe noch nie gekifft. Aber die Menschen sollten die Möglichkeit haben.

Sie sind an einer Reihe von Unternehmen beteiligt. Sorgen Sie vor, dass Ihnen nach dem Ende von „Kiss“ nicht die Decke auf den Kopf fällt?
Ich bin vielseitig interessiert und ja, ich verdiene gerne Geld. Daran ist nichts falsch. Ein Rentnerleben ist für mich allerdings so oder so keine Option. Nichtstun ist Mist. Du wirst fett und schwach und fängst an zu sterben. Ich will aber überhaupt noch nicht sterben.

Sie kamen als Chaim Witz am 25. August 1949 in Haifa (Israel) zur Welt und wanderten nach der Trennung Ihrer Eltern mit Ihrer Mutter als Achtjähriger nach New York (USA) aus, arbeiteten als Redaktionsassistent bei der „Vogue“ und als Lehrer, bevor Sie Anfang der Siebzigerjahre mit dem Gitarristen Paul Stanley „Kiss“ gründeten. Woran denken Sie, wenn Sie sich an diese Zeit zurückerinnern?
An unser Silvesterkonzert des Jahres 1973. Wir spielten vor 3.000 Menschen in New York, gemeinsam mit „Blue Öyster Cult“ und „Iggy Pop“. Unser Auftritt dauerte 30 Minuten, nach einer Viertelstunde fing mein Haar an zu brennen. Ich konnte noch nicht so gut Feuerspucken. Und dann wollte uns das Publikum nicht mehr von der Bühne lassen. Alle waren begeistert, Musikzeitschriften brachten auf der Titelseite Fotos von mir, brennend. Plötzlich lief es äußerst gut. Und dafür, dass es noch kein Internet gab, sprach es sich rasend schnell herum, wer wir sind.