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„Ich war ein VollzeitTrinker“
Willi Resetarits ist eine Legende. Mit der Musikgruppe „Schmetterlinge“ schaffte er den Durchbruch, bevor er als „Ostbahn Kurti“ zur Kultfigur aufstieg und unser Land später auch als Menschenrechtsaktivist prägte. In seinem Buch „Ich lebe gern, denn sonst wäre ich tot“ lässt der aus dem Burgenland stammende Künstler sein Leben Revue passieren.
Als mittlerer Sohn einer kroatischstämmigen Familie hatte es der im Südburgenland geborene Willi Resetarits nicht immer leicht. In ärmsten Verhältnissen aufgewachsen und aufgrund seiner kroatischen Wurzeln Vorurteilen ausgesetzt, fand er jedoch seinen Weg und stieg zur Musikerlegende auf.

Mit der Politrockgruppe „Schmetterlinge“ feierte Resetarits erste Erfolge, bevor er als „Ostbahn Kurti“ die heimische Rockmusik für immer veränderte. Seine Lieder haben Kult-Status.

Die Tätigkeit als Menschenrechtler rundet das Profil des vielseitigen Künstlers ab. Der Mitbegründer von „Asyl in Not“ und „SOS Mitmensch“ engagiert sich bis heute für Migranten, denn auch seine Familie galt lange Zeit als Fremde in unserem Land.

Wilhelm Thomas Resetarits erblickte am 21. Dezember 1948 in der burgenländischen Gemeinde Stinatz das Licht der Welt.

Sein Vater arbeitete als Maurer, die Mutter war Hausfrau, gemeinsam bewohnte die bis dahin vierköpfige Familie eine bescheidene Einzimmerwohnung. „Wir waren die absolute Unterschicht. Das Klassenbewusstsein in Stinatz saß so tief, dass nicht einmal der Gedanke an gesellschaftlichen Aufstieg zugelassen wurde“, erzählt er.

Als Resetarits drei Jahre alt war, zog die Familie nach Favoriten in Wien. Resetarits erinnert sich, dass er mit seinem nur ein Jahr älteren Bruder Lukas in den vom Krieg zerbombten Häusern spielte. Und an den Nachbarn der Familie, der ein Nazi war und spät abends vor dem Fenster der Familie Resetarits „Krowottn raus“ (Kroaten raus) rief. „Wir haben uns gefürchtet und wussten, dass wir uns die Zugehörigkeit dieser Stadt erst verdienen mussten“, blickt der Künstler zurück.

In der Volksschule hatte er einen Vorteil, weil er schon ein Jahr zuvor lesen gelernt hatte, um in den „Micky Maus“-Heften seines Bruders zu schmökern. Zu seiner Lehrerin fasste er schnell Vertrauen. „Ich habe oft Sachen mit ihr unter vier Augen besprochen, aber wenn wir schlimm waren, nannte sie uns ‚Mistbangerl‘ und ließ uns im ‚Winkerl‘ stehen“, lässt Resetarits seine Schulzeit Revue passieren.

Mit Musik kam er früh in Kontakt. „Das Radio ist bei uns zu Hause den ganzen Tag gelaufen“, erzählt der spätere Rockmusiker, der sich auch in die Kirche schlich, um dort den Chorproben zu lauschen. „Aber das elektrisierendste Erlebnis war der Rock ‘n‘ Roll. Zu den Liedern von Elvis Presley († 1977) und Little Richard, 86, fühlte ich mich magisch hingezogen.“

Als sich sein älterer Bruder eine Gitarre zulegte, bekam Willi ein kleines Transistorradio und die beiden unternahmen erste musikalische Gehversuche. „Wir spielten Lieder, die wir aus dem Radio kannten, wie ‚Ginny Come Lately‘ von Albert West († 2015)“, erinnert sich der Austro-Barde.

Als Willi Resetarits im Teenageralter war, zog die Familie in einen anderen Wiener Bezirk, nach Floridsdorf. Er besuchte das Gymnasium und gründete mit Schulkollegen die Musikgruppe „The Odds“. „Wir spielten in Studentenheimen, Partykellern und in Gasthäusern. Einmal hatten wir fast 1.000 Besucher und verdienten 800 Schilling, das sind umgerechnet 58 Euro, damals ein kleines Vermögen“, sagt Resetarits, der eigentlich Lehrer werden wollte und nach der Matura begann, Anglistik und Sport zu studieren.

„Ich habe mich einfach nicht getraut, von Anfang an nur auf die Musik zu setzen und habe deswegen ein Sicherheitsnetz einziehen wollen.“ Doch seine Leidenschaft für die Musik war letztlich stärker. Anstatt pubertierende Jugendliche zu unterrichten, stieg er bei der Musikgruppe „Schmetterlinge“ ein, die in unserem Land und in Deutschland große Hallen füllte. Mit der Sängerin der Gruppe, Beate Neundlinger, 71, war er viele Jahre liiert, aus der Beziehung entstammen die beiden Kinder Johanna und Valentin.

Der größte Erfolg der „Schmetterlinge“ war die sogenannte „Proletenpassion“, ein politisches Oratorium, das im Jahr 1976 bei den Wiener Festwochen uraufgeführt wurde. Es gilt heute als eines der bedeutendsten Werke der linken Musikszene.

Im Jahr 1977 vertraten die „Schmetterlinge“ unser Land beim Eurovision Song Contest. Das von seinem Bruder Lukas getextete Lied „Boom Boom Boomerang“ fand beim Publikum allerdings nur wenig Anklang. „Wir wurden Vorletzte, aber scheiß der Hund drauf“, lacht Resetarits.

Ein weitaus größerer Erfolg wurde ihm ab den 1980er Jahren mit seinem „Alter Ego“, dem Ostbahn Kurti zuteil. Erfunden hatte die Figur, die schon zuvor in Theaterstücken aufgetreten war, sein Freund und Musikjournalist Günter Brödl († 2000). Er wollte den „Kurtl“ auch auf der Musikbühne stehen sehen. Als Resetarits von Brödl gefragt wurde, wer den Ostbahn Kurti am besten verkörpern könne, kam die Antwort wie aus der Pistole geschossen, „Ich“.

Die Musikgruppe „Ostbahn Kurti und die Chefpartie“ sang vornehmlich Rock- und Bluesnummern auf Wienerisch und traf damit den Nerv der Zeit. Bereits das erste Konzert im Schutzhaus am Wiener Schafberg sahen mehr als 600 Besucher. Mit der Coverversion „Feuer“ des Liedes „Fire“ des amerikanischen Sängers Bruce Springsteen, 69, hielt sich die Chefpartie rund um „Dr. Kurt Ostbahn“ wochenlang in der heimischen Hitparade.

Den Doktortitel hatte er sich selbst zugesprochen, er stammt aus der Weinkunde. „Der Alkohol hatte in meinem Leben eine große Rolle gespielt“, gesteht Resetarits. Von seinem Bruder Lukas, 71, der heute als Kabarettist große Erfolge feiert, und dem jüngeren Bruder Peter, 58, bekannt als Fernsehmoderator beim Österreichischen Rundfunk, bekam er deswegen eine Entziehungskur
verordnet.

Die zeigte Erfolg. „Ich beobachte heute genau, wie oft und wie viel ich trinke und denke mir, zum Glück bin ich schon alt. Vielleicht lebe ich gar nicht so lange, dass ich wieder zum Vollzeittrinker werde“, sagt Resetarits.

Mit ganzer Hingabe widmet er sich heute dem Kampf für Menschenrechte in unserem Land. Als politischer Aktivist nahm sich der Wiener nie ein Blatt vor den Mund. Mit Sprüchen wie „Inländer Rum statt Ausländer Raus“ manifestierte er sich auch abseits der Musikbühnen als Kultfigur. So organisierte er im Jahr 1993 gemeinsam mit dem Künstler André Heller das sogenannte „Lichtermeer“ am Wiener Heldenplatz, das eine Gegenreaktion auf das „Anti Ausländer“-Volksbegehren der FPÖ aus dem Jahr 1992 darstellte.

Rund 300.000 Menschen demonstrierten mit Fackeln und Kerzen gegen Fremdenfeindlichkeit und Intoleranz. „André Heller und ich wollten mehr Menschen auf dem Heldenplatz versammeln als Adolf Hitler bei seinem Einmarsch in unser Land. So kam es dann auch“, resümiert er den Erfolg der Veranstaltung, die als größte Demonstration in die Geschichte unseres Landes eingehen sollte.

Für seinen unermüdlichen Einsatz gegenüber seinen Mitmenschen wurde er unter anderem mit dem „Bruno-Kreisky-Preis für Menschenrechte“ und dem deutschen „Josef-Felder-Preis für Gemeinwohl und Zivilcourage“ ausgezeichnet. Zudem erhielt er im vorigen Jahr für sein Lebenswerk den größten heimischen Musikpreis, den „Amadeus Award“.

Willi Resetarits lebt heute in seinem Elternhaus in Wien Floridsdorf. Seit 2015 ist er mit seiner Langzeitpartnerin Roswitha Hofer, 44, verheiratet.

Auf der Bühne steht der vielseitige Künstler immer noch gerne. Seinen Bewunderern gibt er am Ende eines Konzertes stets mit auf den Weg, „Passts auf, sats vuasichtig und lossts eich nix gfoin.“ rb​