Am 13. Oktober wäre
Christine Nöstlinger 90 Jahre alt geworden: „So richtig glücklich ist die Kindheit nie“
Sie hasste das Wort „Erziehung“, schrieb ihre Geschichten auf einer grünen Schreibmaschine in der Küche und weigerte sich beharrlich, Kindern eine heile Welt vorzugaukeln.
Mit ihrem unbestechlichen, sozialkritischen Blick und tiefen Menschsein hat die Schriftstellerin Christine Nöstlinger die Kinder- und Jugendliteratur für immer revolutioniert.
„Solange bei uns daheim alles halbwegs in Ordnung war, sind mir meine Brüder, sowohl der kleine als auch der große, unheimlich auf die Nerven gegangen.

In vielen stillen Stunden habe ich davon geträumt, ein Einzelkind zu sein. Und in vielen lauten Stunden habe ich geschworen, die beiden demnächst eigenhändig zu erwürgen. Seit die ganze Familien-Scheiße so richtig am Dampfen ist, habe ich die beiden nur mehr lieb. Wir sind eine richtige Kummer-Genossenschaft geworden.“

Diese Zeilen aus ihrem heiter-besinnlichen Jugendroman „Sowieso und überhaupt“ (1992) – zugleich der Titel eines neuen Dokumentarfilmes über sie – bringen das Wesen von Christine Nöstlinger auf den Punkt.

Ungeschönt, humorvoll, zutiefst menschlich und immer ganz nah an der Gefühlswelt der Kinder. Nöstlinger gilt als Pionierin der modernen Kinder- und Jugendliteratur im deutschsprachigen Raum. Zeit ihres Lebens veröffentlichte sie mehr als 140 Bücher, Hörspiele, Drehbücher und zahlreiche Kolumnen, auch für „Die ganze WOCHE“.

Sie wurde mit dem renommierten Hans-Christian-Andersen-Preis und als allererste Preisträgerin mit dem Astrid-Lindgren-Memorial-Award ausgezeichnet.

Der Weg zur gefeierten Autorin gelang trotz schlechter Noten. Im Deutsch-Maturazeugnis stand, wie sie verriet, ein „schlechtes Genügend“.

„Ich konnte nicht rechtschreiben. Ich mache noch immer Rechtschreibfehler“, gestand sie später offen vor einer Schulklasse.

Das Aufwachsen in der Nachkriegszeit prägte die am 13. Oktober 1936 in Wien geborene Autorin. Sie ging nicht gerne in die Schule, kam sich dort nie schön genug und zu arm vor. Im Gymnasium traf das Arbeiterkind auf eine andere Welt. Um dazuzugehören, schwindelte sie und erzählte ihren Freunden, sie wohne im ersten Stock.

Dabei wuchs sie mit ihrer Schwester Elisabeth in einer Zimmer-Küche-Kabinett-Wohnung im Parterre eines Zinshauses in der Geblergasse im Bezirk Hernals auf.

„Mit meiner Schwester vertrug ich mich nicht gut. Die Liesl war fünf Jahre alt, als ich auf die Welt kam, ich war für sie so unbrauchbar wie sie für mich“, beschrieb Nöstlinger in ihrer Biografie „Glück ist was für Augenblicke“ (Residenz Verlag).

Die kleine Christine führte ein vagabundierendes Leben zwischen den Hausnummern zwei und vier, wo ihre Großeltern lebten. Hochdeutsch konnte sie nicht, ihre Muttersprache war der Hernalser Dialekt. Immer wenn es hieß, „Sprich schön!“, war sie blockiert. „Manchmal stotterte ich ein wenig, manchmal viel. Nur bei der Oma stotterte ich nicht, aber der wäre es wurscht gewesen, weil sie mich mochte.“

Nöstlinger stammte aus einer Familie von Erzählern. Die Mutter war Kindergärtnerin und eine begnadete Märchen-Erzählerin, der sogar die 15jährigen Hort-Kinder zugehört haben. Und auch die Großeltern waren Geschichtenerzähler. „Mein Großvater musste für uns jeden Abend eine Geschichte erfinden und wir haben ihm alles geglaubt.“

Der Zweite Weltkrieg war für sie Normalität, das Wort „Frieden“ blieb der jungen Wienerin fremd. Fragte sie ihre Mutter danach, hieß es bloß: „Wenn‘s wieder Schinkensemmeln und Bensdorp-Schokolade gibt.“ Obwohl sie noch Glück im Unglück hatte – im Gegensatz zu vielen Gleichaltrigen wurde sie nie geschlagen –, hielt sie fest: „So richtig glücklich ist die Kindheit überhaupt nie.“

Ihre „emotional harte Mutter“ bestrafte Fehlverhalten mit Liebesentzug. „Fleißig“ war für sie der Oberbegriff für alles Gute. Erst in ihren letzten Lebensjahren zeigte sie sich versöhnlich und bescheinigte der Tochter stolz: „Menscherl, ist doch eine fleißige Frau aus dir geworden.“ Der wichtigste Mensch im Leben der Autorin war ihr Vater, der Uhrmacher Walter Göth, den sie als „gescheiten, toleranten Menschen“ beschrieb.

In einem ihrer letzten Interviews schilderte Nöstlinger die traurigste Szene ihrer Biografie, wie der Vater in Uniform, mit Stahlhelm und Gewehr, an der Wohnungstür kurz innehielt, winkte und an die Front zog. Zwar überlebte er den Krieg und kehrte 1945 aus russischer Gefangenschaft nach Wien zurück, doch er war schwer gezeichnet. Von Granatsplittern übersät, litt er zeitlebens unter den Spätfolgen seiner Kriegsverletzungen, an denen er mit knapp 60 Jahren starb.

In ihrer Dankesrede zum Astrid-Lindgren-Memorial-Award im Jahr 2003 reflektierte Nöstlinger tiefgründig über ihre Kindheit im Krieg.

„Ich denke, es prägt einen Menschen, wenn er zwei Drittel seiner Kindheit im Krieg und in einer Diktatur verbracht hat. In meinem Fall vor allem deshalb, weil alle meine Bezugspersonen strikte Antifaschisten waren und mich darüber nicht im Unklaren ließen. Das klingt ziemlich trist, war es aber nicht. Ich akzeptierte einfach, dass unser Land von Verbrechern regiert wird, dass der Krieg so schnell wie möglich verloren werden muss, und dass ich nicht glauben darf, was mir die Frau Lehrerin in der Schule an Idealen und Werten eindrillen will.

Und zudem, dass ich über all dies außer Haus kein Wort verlieren darf, um Mutter, Großvater und Großmutter nicht in Lebensgefahr zu bringen. Wer das als Kind erlebt, wird wohl oder übel sehr skeptisch, zweifelt sämtliche Autoritäten an, glaubt nichts mehr ungeprüft, misstraut den Mehrheitsmeinungen und perfektioniert seine Witterung für Ungerechtigkeiten aller Arten und Sorten.“

Dass in der Gesellschaft grundlegend etwas nicht stimmte, wurde ihr allerdings erst so richtig bewusst, als sie selbst Mutter wurde. „Ich kam mir durch das Kinderkriegen wie in der Falle sitzend vor“, erzählte sie.

„Ich war neurotisch, habe immer kreisrunde Deckerl gehäkelt und sie dann weggeschmissen.“ Auf der Suche nach einem Ausweg besann sie sich auf ihre Fähigkeiten, das Zeichnen, zumal sie zwei Jahre lang mit einem Begabtenstipendium an der Akademie für angewandte Kunst in Wien Gebrauchsgrafik studiert hat. Also beschloss sie, ein Kinderbuch zu schreiben und sich „aus dem Häuslichen und Mütterlichen herauszuwursteln“. Doch für die Zeichnungen brauchte es ein Fundament.

„Dann dachte ich mir, jetzt schreibe ich eine Geschichte dazu“ – das war der Beginn einer Karriere, die die deutsche Kinder- und Jugendbuch-Literatur verändert hat.

Ihr Erstlingswerk „Die feuerrote Friederike“ (1970) hatte sie ursprünglich nur gezeichnet, den Text verfasste sie danach. Bei ihrem zweiten Buch meinte der Verlag, die Geschichte sei gut, aber die Bilder möchten sie nicht haben. Sie sei zwar gekränkt, aber zugleich stolz gewesen, erinnerte sich die Wienerin.

„Wenn die wollen, dass ich schreibe, schreibe ich halt.“

Der größte Teil ihres Hirns sei unentwegt mit dem Formulieren von Sätzen beschäftigt gewesen. „Auch wenn ich Zwiebeln schnitt, am Gulasch rührte, einen Zipp in die Hose nähte oder einkaufen ging. Die grüne Olivetti-Schreibmaschine stand in der Küche auf der roten Arbeitsplatte, daneben lag das linierte Heft und in jeder freien Minute schrieb oder tippte ich das bereits im Kopf Formulierte. Eine Ente zu braten, dauert eineinhalb Stunden. Doch man muss die Ente im Rohr nicht dauernd behüten, vier Mal nachschauen und aufgießen reicht.

Dass die Manuskripte hin und wieder Fettspritzer hatten, hielten meine Lektoren für eine Spezialmarotte von mir“, hielt sie in ihrer Biografie fest.

Für Nöstlinger stand fest, dass Kinder keine Schonkost brauchen, sie leben in derselben Welt wie Erwachsene, sind mit den gleichen Problemen konfrontiert und wollen lernen, sich darin zurechtzufinden. „Ein guter Autor kann sie dabei begleiten. Ihnen wird nicht geholfen, wenn man ihre Umwelt künstlich schönt“, war die Literatin überzeugt, deren Schaffen in eine Zeit heftiger Debatten darüber fiel, was dem Nachwuchs zugemutet werden dürfe.

Während die ältere Generation noch der Idee zugeneigt war, Kindern nur „das Schöne und Gute“ zu vermitteln, brach in den 1970er Jahren ein neues Denken an. Kinder sollten die Realität kennenlernen. Diesem radikalen Anspruch folgte Nöstlinger konsequent. „Bei Eltern und Lehrern bin ich zeitweise schlecht angekommen“, erinnerte sich die Autorin später.

Wenn sie Geschichten für Jugendliche schrieb – inspiriert von ihren Töchtern Barbara, 67, und Christiana, 65, –, bildete sie deren Alltag ab. Die Folgen blieben nicht aus. Ihr Roman „Stundenplan“ wurde von Schulen und Bibliotheken an den Verlag zurückgeschickt und landete im sprichwörtlichen „Giftschrank“.

„Das sind Leute, die meinen, Kinderliteratur sei ein rein pädagogisches Anliegen. Sie stellen sich vor, das Kind liest über ein edles Geschöpf, das sich genau so verhält, wie Eltern und Lehrer es gerne hätten – und nimmt sich das zum Vorbild. Das ist unmöglich.“

Auch dem klassischen Erziehungsbegriff stand die streitbare Wienerin skeptisch gegenüber. „Ich kann das Wort ,Erziehung‘ nicht ausstehen und halte auch nichts davon. Das erinnert mich an Spalierbäume, die man beschneidet, damit sie stramm stehen.“

Ihr Ansatz war von tiefem Vertrauen geprägt. „Wenn man Kindern mit Wohlwollen begegnet und ihnen ein halbwegs moralisches Leben vorlebt, finden sie ihren Weg von ganz allein. Bei ihren Töchtern“, so betonte sie gern, habe sie damit Recht behalten – sie seien „nie erzogen worden“.

Barbara Waldschütz, aus erster Ehe, und Christiana Nöstlinger, die sich um den literarischen Nachlass ihrer Mutter kümmern, bestätigen, dass es „kaum Grenzen in der Erziehung“ gab.

„Aber ich hätte damit nie angegeben. Weil mir irgendwie vorgekommen ist, dass dies nicht normal sei. Also habe ich manchmal Sachen erfunden und gesagt, ich darf das nicht, oder ich hätte eine Strafe bekommen. Einfach, um so zu sein wie die anderen“, meint Christiana Nöstlinger. Der Vater von Barbara Waldschütz – Nöstlingers ers-
ter Ehemann – bleibt in der Biografie namentlich unerwähnt.

Mit dem Vater ihrer jüngeren Tochter, dem Journalisten Ernst Nöstlinger, war sie von 1959 bis zu dessen Tod im Jahr 2009 verheiratet. Über ihre 50 Jahre dauernde Verbindung meinte die Autorin: „Toleranz, Liebe und Vertrauen würden als Antwort gut passen. Aber ich sage: eine große Wohnung, damit man nicht immer aufeinanderklebt. Wenn zwischen Ehemann und Ehefrau ein leeres Zimmer sein kann, ist das gut. Und eine gewisse Portion Witz und Humor ist nötig, um den anderen zu ertragen.“

Nicht nur ertragen, sondern erfolgreich bezwungen hat sie zwei schwere Erkrankungen. 2001 besiegte sie den Brustkrebs, 2010 den Gebärmutterhalskrebs.

In ihren letzten Lebensjahren machten ihr Herz und Lunge zu schaffen, Christine Nöstlinger hat fast 60 Jahre lang geraucht. Sie verstarb am 28. Juni 2018 im Alter von 81 Jahren.

Ihre letzte Ruhe fand die beliebte Autorin auf dem Hernalser Friedhof in Wien, nicht weit von der Gablenzgasse ihrer Kindheit. Der nebenanliegende Park trägt heute ihren Namen.