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Ausgabe Nr. 45/2026 vom 04.11.2026, Foto: facebook
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Julija Mendel, Wolodymyr Selenskyj.
Frieden ist der einzige
Ausweg aus der Krise
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Sie war Sprecherin des ukrainischen Präsidenten. Heute macht sich Julija Mendel für den Frieden stark. Die Führung der EU wollte ihre Rede im Parlament verhindern.
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Ein Ende des Krieges in der Ukraine ist nicht in Sicht. Obwohl Wolodymyr Selenskyj wie auch der russische
Präsident Wladimir Putin immer wieder betonen, für Friedensgespräche zur Verfügung zu stehen, geht das
Töten weiter. Das gegenseitige Misstrauen ist groß, dabei haben gerade die vergangenen Tage gezeigt, dass die
Waffen schweigen können, wenn der Wille vorhanden ist.

In der von den Russen besetzten Frontstadt Oleschky konnten Menschen evakuiert und Verletzte behandelt werden. Nach sechs Tagen endete die Feuerpause.

Die 40jährige Julija Mendel möchte dies dauerhaft, sie will endlich Frieden für ihre Heimat Ukraine. Dafür wollte sie im Parlament der Europäischen Union in Straßburg (Frankreich) eine Rede halten. Doch die wurde ihr verweigert. Mit Hilfe von Abgeordneten konnte sie allerdings auf einen kleineren Raum ausweichen und doch noch ihren Appell an die EU richten, die
bislang keine Bemühungen gezeigt hat, für einen Frieden in der Ukraine einzutreten.

Es war eine flammende Rede einer Frau, die ihr Land und ihre Landsleute dem Niedergang geweiht sieht. Hier ein Auszug: Sehr geehrte Mitglieder des Europäischen Parlamentes. Es ist mir eine große Ehre und ein Privileg, hier sprechen zu dürfen – im Parlament der Europäischen Union, an dem Ort, an dem die zentralen Ideen der europäischen Zivilisation entstehen.

Für einige von Ihnen mag das, was ich gleich sagen werde, unangenehm sein. Es mag Kritik oder sogar Ärger hervorrufen. Und doch stehe ich hier voller Hoffnung. Denn es steht geschrieben: „Bittet, so wird euch gegeben; sucht, so werdet ihr finden; klopft an, so wird euch geöffnet.“

Zwei Jahre lang war ich als Pressesprecherin von
Wolodymyr Selenskyj tätig, nachdem ich zuvor als freie Mitarbeiterin der New York Times, als Beraterin der Weltbank und als Autorin gearbeitet hatte – eine Tätigkeit, auf die ich stolz bin.

Menschen im behüteten Westen glauben manchmal, sie verstünden die Ukraine und diesen Krieg besser als ich – ich, die ich seit 2014 über den Konflikt berichte, viele Male mit Selenskyj selbst in den Donbass gereist bin, an den Verhandlungen teilgenommen habe, an den Ausarbeitungen der Mitteilungen des Präsidenten mitgewirkt habe und vor Ort blieb, als 2022 die großangelegte Invasion begann. Ich wurde beschossen und habe nur knapp überlebt. Ich durchquerte das Land, um Zivilisten zu helfen, und berichtete unermüdlich. Niemand kann mich als prorussisch bezeichnen, es sei denn, er akzeptiert primitive Schwarz-Weiß-Darstellungen des Krieges.

Ich bin nicht hierhergekommen, um politische Spielchen zu treiben. Ich bin mit nur einem Ziel gekommen: mich für die Menschen in der Ukraine einzusetzen – für mein Volk. Ich werde Ihnen eine Wahrheit sagen, die der Welt sorgfältig vorenthalten wird. Ich bin eine Tochter der Ukraine, und heute bin ich ihre Stimme. Ich profitiere nicht von diesem Krieg, ich bekomme kein Fördergeld. Das ukrainische Volk und das Militär haben eine unglaubliche Widerstandskraft bewiesen; wir haben nichts, wofür wir uns schämen müssten.

Aber der Krieg hat uns alle verändert, und heute bedeutet Widerstandskraft, die Wahrheit zu sagen und für den Frieden einzutreten. Ich stehe hier, weil die Ukraine und Europa immer wieder einen schlechten Krieg einem schlechten Frieden vorziehen – Eskalation statt Diplomatie.

Ihr seid die klügsten Köpfe Europas. Ich habe keinen Zweifel daran, dass ihr viel über den russisch-ukrainischen Krieg wisst. Ihr kennt die Zahlen und Statistiken. Ihr habt die Fotos gesehen. Ihr habt die Bücher und Artikel gelesen, die politischen Positionen und Strategien.

Und doch stehe ich hier, um euch zu sagen: Ihr wisst nichts über diesen Krieg. Meine Patentochter Maria wird in wenigen Wochen vier Jahre alt. Sie hat noch nie ein Leben ohne Krieg gekannt. Geboren in Kiew ist sie ein aufgewecktes Mädchen, das wunderschönes Ukrainisch spricht und gelegentlich ein englisches Wort einstreut. Seit Kurzem macht sie im Kindergarten ins Höschen. Nach einem weiteren russischen Raketenangriff hatte sie Angst, dass eine Rakete ihr Schulgebäude treffen könnte.

Meine Freundin verbrachte viel Zeit damit, sie zu trösten, und schaffte es schließlich auf die schrecklichste Weise, die man sich vorstellen kann: Das Kind schläft nun beim Geräusch von Angriffen auf russische Ölraffinerien ein. „Gute Angriffe“ werden sie zu Hause genannt. Sie ist vier und kann die Nuancen des Krieges kaum begreifen. „Ich bin entsetzt“, sagte mir ihre Mutter.

Jedes dritte ukrainische Kind hat derzeit keinen Zugang zu angemessener Bildung. Die Ukraine war einst berühmt für ihre Wissenschaftler. Unter der Leitung eines Ukrainers flog der erste Mensch ins All. Wir bauten Flugzeuge, unsere Physiker und Biologen leisten nach wie vor einen Beitrag zur Weltwirtschaft. Doch in den Frontgebieten gibt es Viertklässler, die nicht lesen können. Hört mir zu: Es gibt Zehnjährige, die nicht lesen können.

Der Verfall der Bildung und der sozialen Kompetenzen bei künftigen Generationen sollte uns alle erschrecken. Die Ukrainer stehen anderen Völkern in nichts nach. Auch wir wollen Bildung und medizinische Versorgung. Auch wir wollen etwas schaffen, wachsen, uns messen und zusammenarbeiten. In fünf oder zehn Jahren wird das unmöglich sein, wenn der Krieg weitergeht.

Meine Mutter und mein Vater sind Ärzte im Frontgebiet von Cherson. Sie verbrachten mehr als acht Monate unter russischer Besatzung und weigern sich dennoch, eine Stadt zu verlassen, die ständig unter Beschuss steht. Ärzte sind dort äußerst knapp. Zehntausende andere können gar nicht weggehen, gefangen in Armut und aufgrund völligen Fehlens jeglicher Hilfe …

Normale Bürger spenden Geld aus eigener Tasche, um die Kriegsanstrengungen zu unterstützen. Frauen kochen für Soldaten, sammeln warme Kleidung und andere
lebensnotwendige Güter und schicken diese über Freiwillige an die Front … So wird der Krieg tatsächlich von den Menschen vor Ort erlebt. Sie ertragen ihn, sie tragen dazu bei, und sie kämpfen gegen die Invasionsstreitkräfte – trotz der Korruption und der begrenzten Wirksamkeit der ukrainischen Regierung. Ein Drittel der Ukraine ist zur Hölle geworden …

Und welche Strategie unterstützen wir heute? Eine Strategie, in der dieses tägliche Leiden unsichtbar und bedeutungslos wird, im Gegensatz zu einer großen Idee – der Zerstörung Russlands. Seien wir ehrlich: Sehr viele Menschen wollen Russland lieber zerstören, als die Ukraine zu retten. Mit wachsendem Eifer lesen wir mehrmals im Monat die leidenschaftlichen Artikel in den sogenannten „Mainstream-Medien“, die verkünden, dass Russland kurz vor dem Zusammenbruch stehe.

Ich dachte, wir haben die Lektion gelernt, nicht ganze Völker großen Ideen zu opfern. Aber ich verstehe Sie. Wenn der Staatschef meines eigenen Landes, Wolodymyr Selenskyj, den Status quo akzeptiert, warum sollten Sie ihn dann in Frage stellen? Zuerst kamen die Istanbuler Abkommen, dann die Friedensformel, dann der Siegesplan, dann die Koalition der Willigen. Was die meisten Menschen nicht wissen, ist, dass es auch zahlreiche Vermittler gab, die Kontakte ermöglichten, sowie vielfältige rechtliche Auslegungen dessen, was heute vereinfachend auf die Formel „Land abtreten oder nicht“ reduziert wird – Auslegungen, die der Ukraine hätten helfen können, mit der Zeit die Kontrolle zu behalten.

Es gab Vereinbarungen, von denen ihr nie gehört habt, die in der Öffentlichkeit nur kurz erwähnt wurden. Diese Absprachen werden nicht in den Geschichtsbüchern stehen, sondern nur in der Erinnerung derer, die versucht haben zu helfen.

All diese Vereinbarungen wurden von Wolodymyr
Selenskyj abgelehnt – sogar jene, für die er sein eigenes Wort und sein eigenes Versprechen gegeben hatte. Er propagiert den maximalistischsten und unerreichbarsten Weg zum Sieg als einzigen Weg zum Frieden – und das sagt mir, dass er gar nicht daran interessiert ist, diesen Frieden zu erreichen. Ich beobachte, wie unbequeme ukrainische Stimmen ignoriert werden – Stimmen, deren Zahl wächst –, trotz Verfolgung, Drohungen, unrechtmäßiger Sanktionen, Strafverfahren, Rufmord und der Brandmarkung von Menschen als Verräter, nur weil wir uns gegen den Krieg aussprechen.

Wie sind wir an den Punkt gelangt, an dem jeder, der sich dem Krieg widersetzt, als pro-russisch und antidemokratisch gilt? Hört mir gut zu: Frieden kann nicht pro-russisch sein. Frieden ist der einzige Ausweg aus der Krise, in der wir alle versinken – vor allem das ukrainische Volk.

Ich rufe heute alle europäischen Politiker dazu auf, sich für die Sache des Friedens zu vereinen, um dazu bei-
zutragen, diesen schrecklichen russisch-ukrainischen Krieg zu beenden und unserem Kontinent wieder Stabilität und Sicherheit zu bringen.

Dies – und nicht Kriegstreiberei und moralische Selbstdarstellung – ist der Weg in eine erfolgreiche Zukunft und die Aufgabe unserer Generation von Politikern.
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