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Ausgabe Nr. 42/2026 vom 14.10.2026, Fotos: facebook
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Christa Pike.
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Die Mutter des Opfers May Martinez und ein Foto ihrer ermordeten Tochter Colleen.
Die Frau, die zwei Mal sterben sollte
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Zwei Giftspritzen hätten die verurteilte Mörderin Christa Pike töten sollen. Doch die 50jährige Amerikanerin überlebte und wurde im Spital behandelt. Hinter der gescheiterten Hinrichtung steckt die Geschichte eines Lebens, das von Gewalt, Missbrauch und Vernachlässigung geprägt war – und eines Justizsystems, das versagte.
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Es war der Abend des 30. September, Christa Pike, 50,
wurde auf einer Liege im Hinrichtungsraum des Gefängnisses „Riverbend“ im US-Bundesstaat Tennessee festgeschnallt. Um sie herum stand Personal, das dafür ausgebildet sein sollte, einen Menschen nach festgelegtem Protokoll zu töten. Doch zunächst fanden sie nicht einmal einen Zugang zu Pikes Vene.

Eine Stunde lang wurde gestochen, gesucht, neu angesetzt. An ihrem linken Arm zählte ihr Anwalt Randy Spivey später sieben Einstiche. Eine Nadel verbog sich beim Herausziehen um 90 Grad. Pike weinte und atmete schwer. „Mein Arm fühlt sich an, als würde er gleich aufplatzen.“ Sie fragte: „Ist das normal?“ Als die Todes-Vollstrecker schließlich den intravenösen Zugang gelegt hatten, bekam Pike eine tödliche Dosis Pentobarbital verabreicht.

Doch sie starb nicht. Auch die zweite Dosis erlöste sie nicht. Stattdessen verfärbte sich ihr Arm violett. Bei ihrer Einlieferung ins Spital waren ihre Arme geschwollen, verbrannt und mit Blasen übersät.

Nach Angaben ihrer Anwälte war ein Teil des Medikamentes nicht in die Vene, sondern in das umliegende Gewebe gelangt. Pentobarbital kann dort schwere Verätzungen verursachen. Christa Pike überlebte so ihre geplante Hinrichtung, lag im Koma und wurde künstlich beatmet. Am vergangenen Dienstag wachte sie „verwirrt“ auf. Trotzdem sei sie sich „sehr wohl bewusst, was ihr angetan wurde“, erklärt ihr Anwalt. Pike konnte ihre Arme nicht bewegen, kämpfte mit einer Lungenentzündung und wurde künstlich ernährt.

Laut der Organisation „Death Penalty Information Center“ ist sie die erste Gefangene, die eine Verabreichung einer tödlichen Dosis bei einer Hinrichtung überlebt hat. Seit dem Jahr 1996 wartete die Amerikanerin auf ihren Tod. Ein Jahr zuvor, im Jänner 1995, hatte sie gemeinsam mit ihrem 17jährigen Freund und einer weiteren Freundin ihre 19jährige Schulkollegin Colleen Slemmer in ein abgelegenes Waldstück bei Knoxville gelockt. Angeblich wollten sie sich nach einem Streit versöhnen und Marihuana rauchen. Stattdessen folterten die Jugendlichen ihr Opfer und die damals 18jährige Pike erschlug Slemmer mit einem Stück Asphalt.

Später nahm sie einen Teil des Schädels als Trophäe mit. 36 Stunden nach dem Mord wurden Pike und ihre beiden Freunde festgenommen. Pike gestand nach wenigen Stunden Verhör. Am 22. März 1996 erklärten sie die Geschworenen des Mordes für schuldig und sie wurde zum Tode verurteilt. Ihr Freund bekam lebenslange Haft. Die dritte Angeklagte, die nicht direkt an den Misshandlungen beteiligt gewesen sein soll, erhielt Bewährung.

Die Menschenrechtsorganisation „Amnesty International“ erhob schwere Vorwürfe, denn Pikes Gewalttat ging ein Leben voller Leid voraus, das im Verfahren unbeachtet blieb. Christa Pike wuchs in West Virginia auf. Ihre Kindheit war von Vernachlässigung, Gewalt, Alkohol und Drogen geprägt.

Die Eltern kümmerten sich kaum, bereits im Kindergartenalter wurde sie wiederholt vergewaltigt und
sexuell missbraucht. Ihre Großmutter war die einzige Person, der sie vertraute. Als diese 1988 starb, war Pike erst zwölf Jahre alt. Noch im selben Jahr unternahm sie einen Suizidversuch. Gutachter diagnostizierten später eine bipolare Störung und eine posttraumatische Belastungsstörung. Außerdem wurde eine angeborene bestehende Schädigung des Frontallappens festgestellt.

„Amnesty International“ argumentierte, deren Pflichtverteidiger hätten kaum Belege für den erlebten Missbrauch und dessen psychische Folgen vorgelegt – was eine Strafmilderung zur Folge gehabt hätte.

In einer Aussendung der Menschenrechtsorganisation heißt es: „Der Fall zeigt, dass die Todesstrafe von Willkür, Diskriminierung und Justizirrtümern begleitet wird. Neben Rassismus sind oft soziale Faktoren entscheidend.“ Weiters plädiert die Organisation dafür, dass es „keine humanen Hinrichtungsmethoden gibt. Die Todesstrafe muss überall abgeschafft werden.“ Befürworter sehen darin die härteste Form der Bestrafung für die schwersten Verbrechen.

In den USA sprechen sich laut einer Umfrage rund zwei Drittel der Erwachsenen dafür aus. Allein im Jahr 2025 wurden weltweit 2.707 Menschen hingerichtet – sei es durch Erhängen, Erschießen, Enthaupten oder Vergiften. Damit erreichte die Zahl den höchsten Wert seit 1981.

Seit 1976 wurden in den USA rund 1.650 Hinrichtungen vollzogen. Verurteilt wurden knapp 9.000 Personen, davon waren nur 179 Frauen – etwa zwei Prozent.

Christa Pike gehört zu den zwei Prozent und wäre die erste Frau seit 200 Jahren gewesen, die in Tennessee hingerichtet werden sollte. Sie verbrachte fast 30 Jahre in der Todeszelle. „Ich finde nicht, dass mich jemand töten sollte, um mir beizubringen, dass es falsch ist, jemanden zu töten“, sagte Pike einmal. Die Familie des Opfers, allen voran die Mutter May Martinez, war bei der gescheiterten Hinrichtung von Pike anwesend und wehrt sich gegen das Vergessen.

„Ich denke jeden Tag an meine Tochter. Sie war eine lebensfrohe und großzügige Person, die sich ehrenamtlich engagierte und Bowling und Computerspiele liebte.“ Für Martinez steht außer Frage, dass Pike noch einmal exekutiert werden sollte. „Ich wünsche mir ihren Tod.“

Pikes Anwälte hingegen fordern, das Todesurteil in lebenslange Haft umzuwandeln. Auch die katholischen Bischöfe Tennessees appellierten an Gouverneur Bill Lee, von einem weiteren Vollstreckungsversuch abzusehen. Rechenschaft, sagen sie, erfordere nicht den Tod eines
Menschen. Der Gouverneur ordnete eine un-
abhängige Untersuchung an, im Zuge derer weitere Missstände bekannt wurden.

Der zuständige Mediziner war offenbar bereits an einem früheren gescheiterten Hinrichtungsversuch beteiligt. Im Mai dieses Jahres war bei einem anderen Gefangenen zwar ein intravenöser Zugang gelegt worden – ein zweiter gelang jedoch nicht. Auch ein zentraler Venenkatheter konnte nicht gelegt werden. Die Hinrichtung wurde abgebrochen. Später erklärte der Mediziner in einer eidesstattlichen Aussage, er habe in seiner Laufbahn etwa ein Dutzend Zugänge gelegt. Den letzten allerdings 2013.

Auch eine Untersuchung aus dem Jahr 2022 hat laut den vorliegenden Unterlagen Probleme bei der Ausbildung des Hinrichtungspersonals festgestellt. Eine damals eingesetzte Person verfügte demnach über keine formale medizinische Ausbildung.

Frank Strada, der Leiter der zuständigen Strafvollzugsbehörde von Tennessee, ist mittlerweile zurückgetreten. Die weiteren Hinrichtungen im Bundesstaat wurden für den Rest des Jahres ausgesetzt, in 27 anderen US-Bundesstaaten werden sie weiterhin praktiziert.

Pike wurde bereits wieder in das Gefängnis zurückgebracht, obwohl sie nach wie vor unter den schweren Verletzungen an den Armen leidet und verwirrt ist.
Schuh
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