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Ausgabe Nr. 38/2026 vom 16.09.2026, Fotos: picture alliance, zvg
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John Evers: Volkshochschulen bieten Kurse an.
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Sonja Muckenhuber: Anlaufstelle Alfatelefon.
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1,7 Millionen Menschen hierzulande können diesen Text nicht lesen. Wie dramatisch der Rückgang der Lesefähigkeit ist, zeigt auch die PISA-Studie bei 15- und 16jährigen Schülern.
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Sie schummeln sich oft jahrzehntelang durch, nicht einmal die eigene Familie weiß meistens davon. Hunderttausende in unserem Land können nicht richtig lesen. Sie verstehen längere Texte, Amtsbriefe oder Medikamenten-Beipackzettel nicht. Das zeigte 2023 eine Studie bei Erwachsenen bis 65 Jahre.

Die Mehrheit davon, eine Million, hat „das österreichische Schulsystem durchlaufen beziehungsweise die österreichische Staatsbürgerschaft und Deutsch als Erstsprache“, weiß John Evers, der Generalsekretär des Verbandes Österreichischer Volkshochschulen (VÖV). Mangelnde Lesefähigkeit sei „keinesfalls ausschließlich ein Migrationsproblem.“ Manche der Betroffenen haben neun Pflichtschul-Jahre absolviert, ohne ausreichend lesen und schreiben zu können. Andere haben es nach der Schulzeit wieder verlernt. Manche können einzelne Wörter entziffern, aber keinen längeren Text, andere tun sich mit jedem Buchstaben schwer. Die Mehrheit geht jedenfalls arbeiten.

Lese-Unkundige sind „oft Meister in der Entwicklung von Strategien, das zu verheimlichen, weil diese Dinge auch schambehaftet sind“, sagt der Erwachsenenbildner. Sie haben die Brille vergessen und können deswegen das Formular nicht ausfüllen. Sie bestellen im Lokal immer dasselbe, weil sie die Speisekarte nicht lesen können. Sie
merken sich Wege genau, weil sie die Straßenschilder nicht lesen können. Das zeige, „dass diese Menschen nicht dumm sind, weil sie auf anderen Gebieten großartige Leistungen entwickeln können.“

Pro Jahr gibt es mehrere tausend Kursplätze für Menschen mit Lese- und Schreibschwächen, die vom Staat gefördert werden, auch in den Volkshochschulen. Rund 35 Millionen Euro fließen jährlich in Programme, um grundlegende Fähigkeiten wie Lesen und Schreiben oder den Pflichtschulabschluss nachzuholen.

Neben mehr Budget dafür wünscht sich John Evers „eine Sensibilisierungskampagne. Die Menschen müssen ermutigt werden durch die Sozialpartner, Kirchen, die Regierung, wen auch immer, um an solchen Angeboten teilzunehmen und sich dieser Herausforderung zu stellen.“

Wer einen Kurs sucht oder beispielsweise Hilfe beim Ausfüllen von Formularen braucht, kann sich an das „Alfatelefon“ (0800 244 800) wenden. „Insgesamt haben wir 120 Telefonate pro Monat“, berichtet Sonja Muckenhuber von der Beratungsstelle „Basisbildung und Alphabetisierung“, zu der das Alfatelefon gehört.

„Viele wissen nicht, dass es zahlreiche andere Menschen gibt, die das gleiche Problem haben. Oder dass es Angebote gibt für Menschen, die Deutsch als Erstsprache haben, die bei uns in die Schule gegangen sind.“ Beim Alfatelefon gibt es außerdem das Angebot „Alles klar beim Formular“. „Wir helfen, Schriftstücke zu lesen oder Formulare auszufüllen, wenn jemand Unsicherheiten hat beim Lesen und beim Schreiben“, erzählt Sonja Muckenhuber.

„Die Hilfe kann natürlich auch per E-Mail oder über andere digitale Medien wie WhatsApp in Anspruch genommen werden.“ Nicht alle Menschen seien jedoch „dazu in der Lage oder haben die entsprechenden Geräte“. Das Büro des Alfatelefons ist in Linz. „Es kommen tatsächlich Menschen aus Wien, aus Vorarlberg, aus Kärnten, von überall her, mit ihren Alltags-Formularen, um Hilfe zu bekommen“, schildert Muckenhuber.

„Wir füllen das gemeinsam aus, obwohl Formulare teilweise schon in vereinfachter Sprache zur Verfügung gestellt werden. Aber die vereinfachte Sprache ist manchmal immer noch komplex und manchmal nicht in der Art vereinfacht, wie es den Menschen dienlich wäre.“

Wie es sein kann, dass jemand nach neun Pflichtschuljahren nicht lesen kann, hat sich die Expertin vor vielen Jahren, „bevor ich in das Feld eingetaucht bin, auch gestellt. Es gibt keine einfache Antwort. Es ist ein Zusammenspiel zwischen dem Angebot der Schule, der Familie und persönlichen Gründen wie Krankheiten oder ob sich jemand in der Schule wohlfühlt.“

Die aktuelle PISA-Studie, an der bei uns rund 7.000 15- und 16jährige teilgenommen haben, zeigt, dass es schon in den Klassenzimmern an der Lesefähigkeit mangelt. Sie ist im vergangenen Jahrzehnt kontinuierlich gesunken. Mehr als ein Viertel der Schüler in unserem Land kann nach der Pflichtschule einen Text nicht sinnerfassend lesen, sodass sie den Inhalt verstehen, verarbeiten und wiedergeben können.

Die besten „Lese-Länder“ in der Studie – Singapur und die vier chinesischen Provinzen Peking, Shanghai, Jiangsu, Zhejiang – haben einen Vorsprung von zwei bis drei Schuljahren bei der Lesefähigkeit. Sie liegen auch beim Rechnen und in Naturwissenschaften vorne. In Europa waren nur Estlands und Großbritanniens Schüler in der Spitzengruppe.

Nicht ausreichend lesen zu können, bringt im Alltag viele Nachteile.

„Eltern, die das Gefühl haben, ich mache Fehler, trauen sich oft nicht, mit der Schule schriftlich in Kontakt zu treten, oder sie verstehen Mitteilungen der Schule nicht, zum Nachteil der Kinder“, weiß Sonja Muckenhuber. Wer einen Antrag nicht ausfüllen kann oder ein amtliches Schreiben nicht versteht, dem drohen finanzielle Einbußen. Es gibt zudem Betroffene, „die in der Vereinsamung gelandet sind, weil sie lieber den Rückzug wählen, bevor sie sich blamieren. Das sind Menschen, die sagen: ,Bevor jemand merkt, dass ich Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben habe, gehe ich gar nicht mehr unter die Leute.‘“

Die Teilnehmerin eines Basisbildungs-Kurses hat ihre Beweggründe einmal so formuliert: „Ich will schreiben, ohne Angst zu haben, dass es jemand liest. Ich will Listen und Verträge ohne Schwierigkeiten ausfüllen. Ich will SMS an meine Bekannten schicken. Ich will meine Gedanken niederschreiben können. Ich will kleinen Kindern Geschichten vorlesen. Ich will als ganz normaler Mensch gelten.“

Egal, ob Kinder oder Erwachsene – gelernt wird umso erfolgreicher, je näher der Unterricht am Alltag ist. Das wird in den Kursen berücksichtigt. „Bei einem Motorrad-Begeisterten werden wir vielleicht Vokabular und Sätze aus dieser Motorwelt suchen.“ Damit kann er dann mehr anfangen als mit Mama, Mimi, Haus und Hund wie am Anfang in den Volksschul-Lehrbüchern.

Eine Untersuchung in Deutschland hat zuletzt ergeben, dass Künstliche Intelligenz (KI) und digitale Technologien „Erste Hilfe“ bei Leseschwäche
bieten können. Sprachbefehle und Vorlesefunktionen erleichtern das Leben bei Leseschwächen. Und sie können beim Lesen-Lernen helfen.


PISA-Testaufgabe zur Leseflüssigkeit

Die Schüler müssen kurze Sätze lesen und beurteilen,
ob sie Sinn ergeben, indem sie am Computer „Ja“
oder „Nein“ anklicken.

Insgesamt haben sie drei Minuten Zeit
für höchstens 22 Sätze. Zum Beispiel:

1 – Das rote Auto hat eine Reifenpanne.

2 – Flugzeuge bestehen aus Hunden.

3 – Der Schüler las das Buch gestern Abend.

4 – Sechs Vögel flogen über den Baum.

5 – Das Fenster sang das Lied lautstark.

Quelle: OECD, PISA 2018
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