Blinder „Ironman“-Teilnehmer „Das machen wir jetzt fertig“
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Patrick Bitzinger aus Niederösterreich hat nur ein Prozent Sehkraft und ist daher fast blind. Für den 31jährigen ist das aber noch lange kein Grund, nicht über die Ziellinie zu gehen.
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Schweiß tropfte Patrick Bitzinger von der Stirn, sein Atem ging schwer, die Beine brannten. Bis ins Ziel waren es noch vier Kilometer. Nach 3,8 Kilometern Schwimmen
und 180 Kilometern Radfahren waren die 42,2 Kilometer Marathondistanz der krönende Abschluss des Wettkampfes „Ironman“ am 14. Juni in Klagenfurt.
Der 31jährige hat eine Sehkraft von weniger als einem Prozent. Aufgeben war für ihn aber nie eine Option.
„Das machen wir jetzt fertig.“ Der gebürtige Waldviertler (NÖ) zog noch einmal das Tempo an. Eine Minute holte er auf den letzten Kilometern heraus. Nach 10 Stunden, 23 Minuten und 26 Sekunden war der „Ironman“ geschafft.
Für Bitzinger war es „die Königsklasse“ seiner sportlichen Leistungen. „Ich bin sehr zufrieden und stolz, dass ich das geschafft habe.“
Dass der Niederösterreicher einmal einen „Ironman“ absolvieren würde, war in seiner Kindheit alles andere als absehbar.
Aufgewachsen auf einem kleinen Bauernhof in Groß Gerungs, hatte er zunächst eine „ganz normale“ Kindheit und konnte bis zu seinem siebenten Lebensjahr sehen.
Dann veränderte sich plötzlich alles. „Weil ich mit einem Wasserkopf auf die Welt kam, wurde mir mit drei Monaten ein sogenannter Shunt eingesetzt. Das ist eine Leitung, die die überschüssige Gehirnflüssigkeit in den Bauch ableitet.“ Zwei Mal, mit sieben und mit 14 Jahren, blockierte diese Leitung. Der Druck stieg und drückte auf den Sehnerv.
„Ich hatte Kopfweh und musste ständig erbrechen.“ Innerhalb von zwei Monaten verschlechterte sich seine Sehkraft massiv. Aus kurzen Sehaussetzern wurden dauerhafte Einschränkungen. Heute sind es, medizinisch betrachtet, weniger als ein Prozent. „Bei gutem Kontrast kann ich Umrisse auf zwei bis drei Meter erkennen.“
Seinen Weg gefunden hat Bitzinger trotzdem. Er ging zur Volksschule, später in die Hauptschule. Seine Familie ließ ihn nie spüren, dass etwas unmöglich wäre. Bitzinger hat zwei ältere Schwestern und einen älteren Bruder, das Verhältnis zu seinen Geschwistern ist bis heute eng. „Obwohl sie keine Sehbeeinträchtigung haben.“
Mit 15 Jahren entschied er sich, nach Wien zu gehen. „Im Waldviertel sind die Möglichkeiten für blinde und sehbehinderte Jugendliche begrenzt, die öffentliche Anbindung schwierig.“ Drei Jahre besuchte er das Internat im Blindeninstitut und schloss die Handelsschule ab.
Sozialpädagogen machten Bitzinger während dieser Zeit auf die sportlichen Möglichkeiten aufmerksam. Zunächst probierte er Schwimmen und Laufen. Trainer erkannten sein Talent und förderten ihn. Bitzinger trainierte härter und nahm an ersten Wettkämpfen teil. Im Jahr 2012 bekam er eine Einladung zum paralympischen Jugendlager in London (England). Dort erlebte er die Paralympics als Zuseher und war fasziniert. „6.000 Menschen im Radstadion – das war eine wahnsinnige Atmosphäre.“ In diesem Moment wurde der Traum vom Paralympics-Start geboren.
Als er aus London zurückkehrte, suchte er sich einen Trainer. Er fuhr Weltcups, nahm 2015 an der Straßenrad-WM in der Schweiz teil und 2016 an der Bahnrad-WM in England. Bei beiden Weltmeisterschaften belegte er den 14. Platz. Als er später aus dem Nationalteam ausschied, suchte er nach einer neuen Herausforderung.
Ein Marathon, so lautete sein neues Ziel. Nach der Pandemie-bedingten Pause versuchte sich der Niederösterreicher 2022 an seinem ersten Halbmarathon.
Mit seinem damaligen Führer Paul trainierte er, bis ein Jahr später die Marke von einer Stunde und 30 Minuten fiel. „Irgendwann reichte mir auch das nicht mehr.“ Er wollte den „Ironman“, den härtesten Triathlon, schaffen.
„Ich wusste, das Schwimmen würde die größte Herausforderung werden. Denn obwohl mein Partner mit einem elastischen Seil um die Taille mit mir verbunden ist, bin ich praktisch von der Außenwelt abgeschnitten.“
Beim Radfahren sitzen beide auf einem Tandem, beim Laufen sind er und sein Führer nebeneinander unterwegs, verbunden durch eine elastische Schnur.
Es ist ein Sport, bei dem Bitzinger nicht allein kämpft.„Ich vertraue meinem Partner Andreas zu 100 Prozent.“ Andreas Fuchs war bereits Teil der „Ironman“-Weltmeisterschaft auf Hawaii (USA).
Die beiden Männer verstehen sich, sportlich und menschlich. Von Mitte Februar bis zum Rennen im Juni trainierten sie fast jedes Wochenende gemeinsam. Fuchs kam dafür immer wieder nach Wien. Beide trieben sich gegenseitig an. Bitzingers Ziel war klar: „Ich wollte unter zehn Stunden und 30 Minuten bleiben.“ Das haben sie erreicht. „Ich denke“, sagt er, „das war mein erster und letzter ,Ironman‘. Aber sag niemals nie.“
Derzeit widmet sich Bitzinger wieder voll und ganz seinem Beruf als Heilmasseur. Eine Tätigkeit, die zu ihm passt wie kaum eine andere. Verspannungen, Gewebe, kleinste Veränderungen – all das nimmt er mit seinen Händen wahr. „Mit ihnen kann ich quasi sehen.“
Vor sechs Jahren hat er dazu eine Ausbildung an einer Massageschule gemacht und arbeitet derzeit in zwei Praxen, im 9. und im 22. Wiener Gemeindebezirk (www.heilmasseurbitzinger.com). Und auch sonst führt Bitzinger ein selbstständiges Leben. Er wohnt allein und ist auf keine Assistenz angewiesen. „Technische Hilfsmittel erleichtern mir den Alltag.“ Nicht alles ist einfach, aber vieles „ist möglich, wenn wir aufhören, uns selbst Grenzen zu setzen“.
Der 31jährige formuliert es ganz schlicht. „Lebe dein Leben. Akzeptiere, wie es ist. Jeder hat sein Packerl zu tragen.“ Dann hält er kurz inne. „Aber akzeptieren heißt nicht, gleich aufzugeben. Es heißt, weiterzugehen. Schritt für Schritt. Bis zur Ziellinie.“ Schuh
und 180 Kilometern Radfahren waren die 42,2 Kilometer Marathondistanz der krönende Abschluss des Wettkampfes „Ironman“ am 14. Juni in Klagenfurt.
Der 31jährige hat eine Sehkraft von weniger als einem Prozent. Aufgeben war für ihn aber nie eine Option.
„Das machen wir jetzt fertig.“ Der gebürtige Waldviertler (NÖ) zog noch einmal das Tempo an. Eine Minute holte er auf den letzten Kilometern heraus. Nach 10 Stunden, 23 Minuten und 26 Sekunden war der „Ironman“ geschafft.
Für Bitzinger war es „die Königsklasse“ seiner sportlichen Leistungen. „Ich bin sehr zufrieden und stolz, dass ich das geschafft habe.“
Dass der Niederösterreicher einmal einen „Ironman“ absolvieren würde, war in seiner Kindheit alles andere als absehbar.
Aufgewachsen auf einem kleinen Bauernhof in Groß Gerungs, hatte er zunächst eine „ganz normale“ Kindheit und konnte bis zu seinem siebenten Lebensjahr sehen.
Dann veränderte sich plötzlich alles. „Weil ich mit einem Wasserkopf auf die Welt kam, wurde mir mit drei Monaten ein sogenannter Shunt eingesetzt. Das ist eine Leitung, die die überschüssige Gehirnflüssigkeit in den Bauch ableitet.“ Zwei Mal, mit sieben und mit 14 Jahren, blockierte diese Leitung. Der Druck stieg und drückte auf den Sehnerv.
„Ich hatte Kopfweh und musste ständig erbrechen.“ Innerhalb von zwei Monaten verschlechterte sich seine Sehkraft massiv. Aus kurzen Sehaussetzern wurden dauerhafte Einschränkungen. Heute sind es, medizinisch betrachtet, weniger als ein Prozent. „Bei gutem Kontrast kann ich Umrisse auf zwei bis drei Meter erkennen.“
Seinen Weg gefunden hat Bitzinger trotzdem. Er ging zur Volksschule, später in die Hauptschule. Seine Familie ließ ihn nie spüren, dass etwas unmöglich wäre. Bitzinger hat zwei ältere Schwestern und einen älteren Bruder, das Verhältnis zu seinen Geschwistern ist bis heute eng. „Obwohl sie keine Sehbeeinträchtigung haben.“
Mit 15 Jahren entschied er sich, nach Wien zu gehen. „Im Waldviertel sind die Möglichkeiten für blinde und sehbehinderte Jugendliche begrenzt, die öffentliche Anbindung schwierig.“ Drei Jahre besuchte er das Internat im Blindeninstitut und schloss die Handelsschule ab.
Sozialpädagogen machten Bitzinger während dieser Zeit auf die sportlichen Möglichkeiten aufmerksam. Zunächst probierte er Schwimmen und Laufen. Trainer erkannten sein Talent und förderten ihn. Bitzinger trainierte härter und nahm an ersten Wettkämpfen teil. Im Jahr 2012 bekam er eine Einladung zum paralympischen Jugendlager in London (England). Dort erlebte er die Paralympics als Zuseher und war fasziniert. „6.000 Menschen im Radstadion – das war eine wahnsinnige Atmosphäre.“ In diesem Moment wurde der Traum vom Paralympics-Start geboren.
Als er aus London zurückkehrte, suchte er sich einen Trainer. Er fuhr Weltcups, nahm 2015 an der Straßenrad-WM in der Schweiz teil und 2016 an der Bahnrad-WM in England. Bei beiden Weltmeisterschaften belegte er den 14. Platz. Als er später aus dem Nationalteam ausschied, suchte er nach einer neuen Herausforderung.
Ein Marathon, so lautete sein neues Ziel. Nach der Pandemie-bedingten Pause versuchte sich der Niederösterreicher 2022 an seinem ersten Halbmarathon.
Mit seinem damaligen Führer Paul trainierte er, bis ein Jahr später die Marke von einer Stunde und 30 Minuten fiel. „Irgendwann reichte mir auch das nicht mehr.“ Er wollte den „Ironman“, den härtesten Triathlon, schaffen.
„Ich wusste, das Schwimmen würde die größte Herausforderung werden. Denn obwohl mein Partner mit einem elastischen Seil um die Taille mit mir verbunden ist, bin ich praktisch von der Außenwelt abgeschnitten.“
Beim Radfahren sitzen beide auf einem Tandem, beim Laufen sind er und sein Führer nebeneinander unterwegs, verbunden durch eine elastische Schnur.
Es ist ein Sport, bei dem Bitzinger nicht allein kämpft.„Ich vertraue meinem Partner Andreas zu 100 Prozent.“ Andreas Fuchs war bereits Teil der „Ironman“-Weltmeisterschaft auf Hawaii (USA).
Die beiden Männer verstehen sich, sportlich und menschlich. Von Mitte Februar bis zum Rennen im Juni trainierten sie fast jedes Wochenende gemeinsam. Fuchs kam dafür immer wieder nach Wien. Beide trieben sich gegenseitig an. Bitzingers Ziel war klar: „Ich wollte unter zehn Stunden und 30 Minuten bleiben.“ Das haben sie erreicht. „Ich denke“, sagt er, „das war mein erster und letzter ,Ironman‘. Aber sag niemals nie.“
Derzeit widmet sich Bitzinger wieder voll und ganz seinem Beruf als Heilmasseur. Eine Tätigkeit, die zu ihm passt wie kaum eine andere. Verspannungen, Gewebe, kleinste Veränderungen – all das nimmt er mit seinen Händen wahr. „Mit ihnen kann ich quasi sehen.“
Vor sechs Jahren hat er dazu eine Ausbildung an einer Massageschule gemacht und arbeitet derzeit in zwei Praxen, im 9. und im 22. Wiener Gemeindebezirk (www.heilmasseurbitzinger.com). Und auch sonst führt Bitzinger ein selbstständiges Leben. Er wohnt allein und ist auf keine Assistenz angewiesen. „Technische Hilfsmittel erleichtern mir den Alltag.“ Nicht alles ist einfach, aber vieles „ist möglich, wenn wir aufhören, uns selbst Grenzen zu setzen“.
Der 31jährige formuliert es ganz schlicht. „Lebe dein Leben. Akzeptiere, wie es ist. Jeder hat sein Packerl zu tragen.“ Dann hält er kurz inne. „Aber akzeptieren heißt nicht, gleich aufzugeben. Es heißt, weiterzugehen. Schritt für Schritt. Bis zur Ziellinie.“ Schuh
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