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Ausgabe Nr. 34/2026 vom 19.08.2026, Fotos: AdobeStock, zvg
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Eine Frage der Moral.
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Jonathan Haidt
Eine Frage der Moral
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Politiker gönnen sich Privilegien, während andere sparen sollen, im Alltag wird getrickst und gelogen. Mit der Moral scheint es nicht weit her zu sein.
Von der Wissenschaft kommen jedoch interessante Erkenntnisse.
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Die Frau steht an der Supermarktkassa. Als sie ihre Geldbörse öffnet, fällt ihr unbemerkt ein 20-Euro-Schein auf den Boden. Der Mann hinter ihr sieht es, hebt den Schein auf und hält ihn einen Moment in der Hand. Niemand hat etwas bemerkt. Er hat die Wahl, das Geld einzustecken oder es der Frau zurückzugeben. Es ist eine Frage der Moral.

Moral bezeichnet jene Vorstellungen, nach denen Menschen zwischen richtig und falsch, gut und böse, gerecht und ungerecht unterscheiden. Der Begriff stammt vom lateinischen Wort „moralis“ ab und bedeutet so viel wie „die Sitten betreffend“. Gemeint waren ursprünglich also die Regeln und Gewohnheiten des Zusammenlebens. Heute verbinden wir damit vor allem Werte wie Ehrlichkeit, Fairness, Hilfsbereitschaft und Verantwortung. Moral ist aber nicht dasselbe wie das Gesetz: Etwas kann völlig legal und trotzdem unanständig sein.

Der amerikanische Sozialpsychologe Jonathan Haidt, 62, einer der bekanntesten Moral-Forscher unserer Zeit, beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der Frage, warum Menschen moralisch urteilen. Berühmt wurde sein Satz: „Morality binds and blinds“ – „Moral verbindet und macht blind.“ „Gemeinsame Werte schweißen Menschen zusammen, können uns aber zugleich blind für die Fehler der eigenen Seite machen“, erklärt Haidt.

Das zeigte sich für ihn beim Aufstieg von Donald Trump, dem heutigen US-Präsidenten. Trump verstand es gut, Gefühle wie Loyalität, Autorität und die Zugehörigkeit zur eigenen Gruppe anzusprechen. Dabei liegt gerade darin ein bemerkenswerter Widerspruch. Er fordert von seinen Anhängern und politischen Mitstreitern immer wieder Loyalität ein, während ehemalige Weggefährten bei ihm schnell in Ungnade fallen können.

„Wir entschuldigen bei den eigenen Leuten oft Dinge, über die wir uns beim politischen Gegner empören“, sagt Haidt, dessen Buch „Die Macht der Moral – Warum Politik und Weltanschauungen unsere Gesellschaft spalten“ kürzlich auf Deutsch erschienen ist.

Schon vor mehr als 2.300 Jahren fragte der griechische Philosoph Aristoteles, was einen guten Menschen ausmacht. Für ihn zählten Eigenschaften wie Gerechtigkeit, Mut und Besonnenheit.

Rund zweitausden Jahre später formulierte der deutsche Philosoph Immanuel Kant einen einfachen Maßstab. Man sollte nur so handeln, wie man es auch von anderen verlangen würde.

Besonders deutlich wird das in der Politik, wenn von den Bürgern Verzicht, Sparsamkeit und Disziplin gefordert werden, während sich Entscheidungsträger selbst großzügige Ausnahmen gönnen. So wurde erst im Juli bekannt, dass sich deutsche Bundestagsabgeordnete allein im vorigen Jahr mit Steuergeld 1.670 Smartphones und Tablets um fast 1,5 Millionen Euro bezahlen ließen. 80 Politiker bestellten mindestens fünf Geräte, vier sogar neun.

Auch hierzulande wirkt manches wie Doppelmoral. Während die Bevölkerung sparen soll, bestellte Staatssekretär Sepp Schellhorn 2025 einen 5,32 Meter langen Audi A8 mit 462 PS als Dienstwagen. Schon die kürzere Grundversion kostete rund 120.000 Euro. Und erst im Juli wurde beschlossen, dass die Bezüge der Spitzenpolitiker ab 2027 wieder steigen dürfen. Die Botschaft ist schwer zu verstehen – sparen sollen vor allem die anderen.

Solche Fälle nähren das Gefühl, die Moral gehe verloren. Doch eine der größten Feldstudien darüber, wie moralisch sich Menschen im Alltag verhalten, kommt zu einem überraschenden Ergebnis. Forscher verteilten mehr als 17.000 vermeintlich verlorene Geldbörsen in 355 Städten in 40 Ländern. Manche waren leer, andere enthielten Geld. Das Erstaunliche daran, je mehr Geld in der Börse steckte, umso häufiger wurde sie zurückgegeben.

Gut 40 Prozent der leeren Geldbörsen wurden gemeldet, bei jenen mit Geld waren es bereits 51 Prozent. Wurde der Betrag noch deutlich erhöht, stieg die Rückgabequote sogar auf rund 72 Prozent. Damit hatten selbst Experten nicht gerechnet. „Eigentlich müsste die Versuchung doch größer werden, je mehr Geld zu holen ist. Doch offenbar gewinnt bei vielen Menschen dann das Gewissen“, sagt der Verhaltensökonom und Studienleiter Alain Cohn.

Die Forscher vermuten, dass es uns umso schwerer fällt, das Geld einzustecken, je höher der Betrag ist, weil wir uns dann selbst wie ein Dieb fühlen würden.

Doch was ist mit Menschen, die immer wieder lügen, betrügen oder nur an den eigenen Vorteil denken? Dass aus einem unmoralischen Menschen wieder ein moralischer werden kann, hält Jonathan Haidt grundsätzlich für möglich. „Unsere moralischen Grundempfindungen sind zwar tief in uns verankert, doch Erfahrungen, Erziehung und das soziale Umfeld können beeinflussen, wie wir sie im Leben einsetzen“, erklärt der Moralexperte.

Haidt vergleicht das sinngemäß mit einem Haus. „Das Fundament bleibt, aber das Haus darauf kann umgebaut werden. Ein Mensch ist also nicht für immer auf sein Verhalten festgelegt. Moral kann sich entwickeln – allerdings nicht einfach durch Belehrungen. Entscheidend ist auch, was wir erleben, welche Menschen uns umgeben und welches Verhalten in einer Gesellschaft belohnt oder verurteilt wird.“


Was unmoralische Menschen kennzeichnet:

Er hat für sich andere Regeln.
Von anderen verlangt er Pünktlichkeit, Ehrlichkeit oder Sparsamkeit, bei sich selbst findet er sofort eine Ausnahme.

Er lügt auch dann, wenn es nicht nötig wäre.
Nicht jede Notlüge bedeutet schlechten Charakter. Problematisch wird es, wenn Täuschung zum
normalen Werkzeug wird, um Vorteile zu erlangen oder
Verantwortung abzuschieben.

Er empfindet Regeln nur als Hindernis.
Die wichtigste Frage lautet für ihn nicht:
„Ist das richtig?“,
sondern:
„Kann ich damit durchkommen?“

Er nutzt Schwächere aus.
Besonders aussagekräftig ist, wie jemand mit Menschen umgeht, von denen er nichts braucht:
Kellnern, Mitarbeitern, Kindern, alten Menschen oder sozial Schwächeren.

Er übernimmt nie Verantwortung.
Schuld sind grundsätzlich die anderen.
Wird er ertappt, sucht er zuerst eine Ausrede, einen Sündenbock oder beruft sich darauf, dass sein Verhalten zumindest nicht verboten war.

Er zeigt wenig Mitgefühl.
Das Leid anderer interessiert ihn vor allem dann, wenn es ihm selbst nutzt oder seinem Ansehen dient.

Er moralisiert laut über andere.
Wer ständig öffentlich von Anstand spricht, muss nicht unmoralisch sein. Auffällig wird es aber, wenn die eigenen Handlungen regelmäßig genau jenen
Maßstäben widersprechen, die anderen auferlegt werden.

Er hält Erfolg für eine Rechtfertigung.
„Hauptsache gewonnen“ ist ein gefährlicher moralischer Maßstab. Ein Ziel wird nicht automatisch richtig, nur weil es erreicht wurde.

Er behandelt Menschen als Mittel zum Zweck.
Freundschaften, Beziehungen und Kontakte bestehen hauptsächlich so lange, wie sie ihm nutzen.
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