Ausgabe Nr. 34/2026 vom 19.08.2026, Fotos: APA-Images, Marlene Feichtenschlager, Kollinger / LFV OÖ
Unbezahlt, aber unbezahlbar
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Unbezahlte Sorgearbeit wird zum Großteil von Frauen geleistet – bei der Kindererziehung ebenso wie bei der Pflege Angehöriger. Auch Hunderttausende Freiwillige bei der Feuerwehr und in Rettungsorganisationen arbeiten unentgeltlich. Sie alle ersparen dem Staat viel Geld.
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„Kinderbetreuung ist für mich keine unbezahlte Arbeit, weil Kinderbetreuung würde ich nicht als Arbeit sehen.“ Mit dieser Aussage sorgte Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP) vor Kurzem bei einem Bürgerforum in Salzburg für heftige Reaktionen.
Die Worte fielen während seiner Sommertour durch die Bundesländer, als eine Teilnehmerin auf die unbezahlte Betreuungsarbeit von Frauen aufmerksam machte.
Wenn Stocker Kinderbetreuung nicht als Arbeit sieht, müsste das nach derselben Logik auch für politische Tätigkeit gelten, die in Verantwortung für die Gesellschaft ausgeübt wird. Denn auch Politik wurde in den Anfängen der Demokratie nicht als bezahlte Arbeit verstanden. Im antiken Athen waren politische Ämter zunächst Ehrenämter. Die Tätigkeit des Bundeskanzlers wäre dann folgerichtig nicht als bezahlte Arbeit zu verstehen, sondern als freiwilliges Engagement für die Republik.
Stockers Aussage löste jedenfalls eine Debatte über den Wert unbezahlter Sorgearbeit aus.
„Mamas verdienen keine Verhöhnung“, meinte etwa die Grünen-Chefin Leonore Gewessler, während die SPÖ-Frauenministerin Eva-Maria Holzleitner statt mit klaren Worten einzig mit der Grafik „Gerecht oder Geschlecht?“ auf Instagram reagierte. Eine WOCHE-Anfrage an Holz-
leitner blieb unbeantwortet.
Zwar entschuldigte sich der Kanzler für seine Worte, die Kritik riss damit jedoch nicht ab. Vorige Woche versammelten sich Hunderte Frauen vor dem Bundeskanzleramt, um gegen die aus ihrer Sicht fehlende Wertschätzung für die großteils von Frauen geleistete Sorge- und Betreuungsarbeit zu protestieren.
Auch in den sozialen Medien gingen die Wogen hoch. „Niemand will Kinder bepreisen. Es geht hier um den Preis, den vor allem Frauen für ihre Betreuung bezahlen. Liebe ist unbezahlbar. Aber Teilzeit, Einkommensverluste, ökonomische Abhängigkeit und niedrigere Pensionen von Frauen sind sehr wohl messbar“, schrieb eine Frau in einem Kommentar auf der „Facebook“-Seite des ÖVP-Chefs. Liebe lässt sich nicht berechnen – der Wert der geleisteten Arbeit und deren wirtschaftliche Folgen aber schon.
Wer Kinder betreut, Angehörige pflegt, kocht, putzt oder den Alltag organisiert, übernimmt Tätigkeiten, für die sonst bezahlte Arbeitskräfte nötig wären. Wie viel diese unbezahlte Arbeit wert ist, lässt sich auch in Zahlen ausdrücken.
„Insgesamt werden in unserem Land jährlich 8,9 Milliarden Stunden unbezahlte Arbeit geleistet, davon
5,7 Milliarden Stunden von Frauen und 3,2 Milliarden von Männern“, weiß Barbara Schuster, die stellvertretende Chefökonomin des gewerkschaftsnahen Momentum-Institutes.
Würde diese Arbeit mit dem Median-Bruttostundenverdienst – also dem mittleren Bruttolohn pro Arbeitsstunde – von € 17,90 (2023) bewertet werden, „ergibt sich eine Wertschöpfung der unbezahlten Arbeit von rund 184 Milliarden Euro. Davon entfallen 36 Milliarden Euro auf Sorgearbeit und 148 Milliarden Euro auf Hausarbeit“, sagt die Expertin. Im Vergleich dazu nimmt sich das Bundesbudget 2025 direkt mickrig aus, mit Einnahmen von 107,1 Milliarden Euro und Ausgaben von 121,5 Milliarden Euro.
Auch beim Zeitaufwand zeigt sich die ungleiche Verteilung. Frauen wenden für unbezahlte Arbeit im Schnitt zehn Stunden pro Woche mehr auf als Männer. Zählt die bezahlte Arbeitszeit dazu, kommen Frauen insgesamt auf mehr Arbeitsstunden als Männer.
„Die soziale Infrastruktur hierzulande ist außerdem dermaßen schlecht ausgebaut – zum Beispiel ist nur jeder vierte Kindergartenplatz außerhalb Wiens mit einer Vollzeitbeschäftigung vereinbar –, sodass viele Frauen ihre Arbeitsstellen nach Flexibilität auswählen müssen, nicht nach Entwicklungs- oder Aufstiegsmöglichkeiten“, sagt Schuster.
Der Mangel an ganztägiger Kinderbetreuung und ausreichend Pflegeeinrichtungen trage dazu bei, dass laut Statistik Austria fast jede zweite erwerbstätige Frau in Teilzeit arbeitet – viele von ihnen in systemrelevanten, aber schlecht bezahlten Berufen, in sogenannten Niedriglohnbranchen. „All diese Faktoren befeuern die geschlechtsspezifische Lohnlücke – und in weiterer Folge die geschlechtsspezifische Pensionslücke – und das bereits lange vor dem Pensionsantritt“, warnt Schuster.
Dass es besser geht, zeigt ein Blick in die skandinavischen Länder, wo es etwa neben einer flächendeckenden sozialen Infrastruktur auch eine wesentlich gleichere Aufteilung von unbezahlter Arbeit zwischen Frauen und Männern gibt.
Unbezahlte Arbeit beschränkt sich jedoch nicht nur auf die Sorgearbeit in den eigenen vier Wänden. Viele engagieren sich auch in Vereinen oder in der Nachbarschaftshilfe. Laut dem aktuellen Freiwilligenbericht sind rund 3,7 Millionen Menschen in unserem Land unentgeltlich tätig.
Rund 1,9 Millionen davon leisten eine formelle Freiwilligentätigkeit in Institutionen oder bei Organisationen wie dem Rettungsdienst. Alleine 13.129 Freiwillige sind derzeit bei der Bergrettung im Einsatz. Sie mussten im Jahr 2025 mehr als 10.900 Mal ausrücken, um Menschen in alpinen Notlagen zu helfen.
Bei der Österreichischen Wasserrettung (ÖWR) engagieren sich bundesweit schätzungsweise 10.000 bis 13.000 Mitglieder ehrenamtlich.
Eine große Gruppe stellen die Florianijünger. Mit Stand Ende 2025 sind in unserem Land 4.752 Feuerwehren gemeldet. „Davon 4.438 Freiwillige Feuerwehren, 308 Betriebsfeuerwehren und sechs Berufsfeuerwehren in Städten mit mehr als 100.000 Einwohnern wie Wien, Linz oder Innsbruck“, heißt es vom Österreichischen Bundesfeuerwehrverband (ÖBFV).
In den Feuerwehren sind 357.200 Mitglieder (inklusive Feuerwehrjugend und Reservestand) tätig, davon 257.100 im sogenannten Aktivstand, also im Einsatzdienst. „Davon sind etwa 2.600 bei den Berufsfeuerwehren im Dienst. Wir können also von etwa 99 Prozent Ehrenamtlichen sprechen.“ Laut ÖBFV wurden im Jahr 2025 ohne die Berufsfeuerwehr Wien (aber mit allen anderen Berufs-, Betriebsfeuerwehren und Freiwilligen Feuerwehren) rund 2.561.000 Einsatzstunden geleistet.
Müssten diese Stunden nach der Tarifordnung des Österreichischen Bundesfeuerwehrverbandes bezahlt werden (€ 34,40 pro Personenstunde), würde der Wert der Einsatzstunden mehr als 88 Millionen Euro ausmachen. „Im Jahr 2024 traf uns das Jahrhunderthochwasser in Niederösterreich sowie viele andere Katastrophen. Alleine in diesem Jahr wären für die geleisteten Einsatzstunden 152 Millionen Euro für das Personal einzusetzen“, erklärt der Feuerwehrpräsident Robert Mayer.
Seit 2019 besteht ein Bonussystem für bei einer Einsatzorganisation ehrenamtlich tätige Angestellte, wenn mehr als 100 Einsatzkräfte länger als acht Stunden im Einsatz sind.
„Der Arbeitgeber kann sich pro Mitarbeiter und Tag € 200,– vom Bund zurückholen. Ein großer Teil der Feuerwehrmitglieder sind Selbstständige und Landwirte, die derzeit keine Entschädigung bei Großeinsätzen bekommen.
Diese in das System aufzunehmen, fordert der ÖBFV seit 2019.“ rz
Die Worte fielen während seiner Sommertour durch die Bundesländer, als eine Teilnehmerin auf die unbezahlte Betreuungsarbeit von Frauen aufmerksam machte.
Wenn Stocker Kinderbetreuung nicht als Arbeit sieht, müsste das nach derselben Logik auch für politische Tätigkeit gelten, die in Verantwortung für die Gesellschaft ausgeübt wird. Denn auch Politik wurde in den Anfängen der Demokratie nicht als bezahlte Arbeit verstanden. Im antiken Athen waren politische Ämter zunächst Ehrenämter. Die Tätigkeit des Bundeskanzlers wäre dann folgerichtig nicht als bezahlte Arbeit zu verstehen, sondern als freiwilliges Engagement für die Republik.
Stockers Aussage löste jedenfalls eine Debatte über den Wert unbezahlter Sorgearbeit aus.
„Mamas verdienen keine Verhöhnung“, meinte etwa die Grünen-Chefin Leonore Gewessler, während die SPÖ-Frauenministerin Eva-Maria Holzleitner statt mit klaren Worten einzig mit der Grafik „Gerecht oder Geschlecht?“ auf Instagram reagierte. Eine WOCHE-Anfrage an Holz-
leitner blieb unbeantwortet.
Zwar entschuldigte sich der Kanzler für seine Worte, die Kritik riss damit jedoch nicht ab. Vorige Woche versammelten sich Hunderte Frauen vor dem Bundeskanzleramt, um gegen die aus ihrer Sicht fehlende Wertschätzung für die großteils von Frauen geleistete Sorge- und Betreuungsarbeit zu protestieren.
Auch in den sozialen Medien gingen die Wogen hoch. „Niemand will Kinder bepreisen. Es geht hier um den Preis, den vor allem Frauen für ihre Betreuung bezahlen. Liebe ist unbezahlbar. Aber Teilzeit, Einkommensverluste, ökonomische Abhängigkeit und niedrigere Pensionen von Frauen sind sehr wohl messbar“, schrieb eine Frau in einem Kommentar auf der „Facebook“-Seite des ÖVP-Chefs. Liebe lässt sich nicht berechnen – der Wert der geleisteten Arbeit und deren wirtschaftliche Folgen aber schon.
Wer Kinder betreut, Angehörige pflegt, kocht, putzt oder den Alltag organisiert, übernimmt Tätigkeiten, für die sonst bezahlte Arbeitskräfte nötig wären. Wie viel diese unbezahlte Arbeit wert ist, lässt sich auch in Zahlen ausdrücken.
„Insgesamt werden in unserem Land jährlich 8,9 Milliarden Stunden unbezahlte Arbeit geleistet, davon
5,7 Milliarden Stunden von Frauen und 3,2 Milliarden von Männern“, weiß Barbara Schuster, die stellvertretende Chefökonomin des gewerkschaftsnahen Momentum-Institutes.
Würde diese Arbeit mit dem Median-Bruttostundenverdienst – also dem mittleren Bruttolohn pro Arbeitsstunde – von € 17,90 (2023) bewertet werden, „ergibt sich eine Wertschöpfung der unbezahlten Arbeit von rund 184 Milliarden Euro. Davon entfallen 36 Milliarden Euro auf Sorgearbeit und 148 Milliarden Euro auf Hausarbeit“, sagt die Expertin. Im Vergleich dazu nimmt sich das Bundesbudget 2025 direkt mickrig aus, mit Einnahmen von 107,1 Milliarden Euro und Ausgaben von 121,5 Milliarden Euro.
Auch beim Zeitaufwand zeigt sich die ungleiche Verteilung. Frauen wenden für unbezahlte Arbeit im Schnitt zehn Stunden pro Woche mehr auf als Männer. Zählt die bezahlte Arbeitszeit dazu, kommen Frauen insgesamt auf mehr Arbeitsstunden als Männer.
„Die soziale Infrastruktur hierzulande ist außerdem dermaßen schlecht ausgebaut – zum Beispiel ist nur jeder vierte Kindergartenplatz außerhalb Wiens mit einer Vollzeitbeschäftigung vereinbar –, sodass viele Frauen ihre Arbeitsstellen nach Flexibilität auswählen müssen, nicht nach Entwicklungs- oder Aufstiegsmöglichkeiten“, sagt Schuster.
Der Mangel an ganztägiger Kinderbetreuung und ausreichend Pflegeeinrichtungen trage dazu bei, dass laut Statistik Austria fast jede zweite erwerbstätige Frau in Teilzeit arbeitet – viele von ihnen in systemrelevanten, aber schlecht bezahlten Berufen, in sogenannten Niedriglohnbranchen. „All diese Faktoren befeuern die geschlechtsspezifische Lohnlücke – und in weiterer Folge die geschlechtsspezifische Pensionslücke – und das bereits lange vor dem Pensionsantritt“, warnt Schuster.
Dass es besser geht, zeigt ein Blick in die skandinavischen Länder, wo es etwa neben einer flächendeckenden sozialen Infrastruktur auch eine wesentlich gleichere Aufteilung von unbezahlter Arbeit zwischen Frauen und Männern gibt.
Unbezahlte Arbeit beschränkt sich jedoch nicht nur auf die Sorgearbeit in den eigenen vier Wänden. Viele engagieren sich auch in Vereinen oder in der Nachbarschaftshilfe. Laut dem aktuellen Freiwilligenbericht sind rund 3,7 Millionen Menschen in unserem Land unentgeltlich tätig.
Rund 1,9 Millionen davon leisten eine formelle Freiwilligentätigkeit in Institutionen oder bei Organisationen wie dem Rettungsdienst. Alleine 13.129 Freiwillige sind derzeit bei der Bergrettung im Einsatz. Sie mussten im Jahr 2025 mehr als 10.900 Mal ausrücken, um Menschen in alpinen Notlagen zu helfen.
Bei der Österreichischen Wasserrettung (ÖWR) engagieren sich bundesweit schätzungsweise 10.000 bis 13.000 Mitglieder ehrenamtlich.
Eine große Gruppe stellen die Florianijünger. Mit Stand Ende 2025 sind in unserem Land 4.752 Feuerwehren gemeldet. „Davon 4.438 Freiwillige Feuerwehren, 308 Betriebsfeuerwehren und sechs Berufsfeuerwehren in Städten mit mehr als 100.000 Einwohnern wie Wien, Linz oder Innsbruck“, heißt es vom Österreichischen Bundesfeuerwehrverband (ÖBFV).
In den Feuerwehren sind 357.200 Mitglieder (inklusive Feuerwehrjugend und Reservestand) tätig, davon 257.100 im sogenannten Aktivstand, also im Einsatzdienst. „Davon sind etwa 2.600 bei den Berufsfeuerwehren im Dienst. Wir können also von etwa 99 Prozent Ehrenamtlichen sprechen.“ Laut ÖBFV wurden im Jahr 2025 ohne die Berufsfeuerwehr Wien (aber mit allen anderen Berufs-, Betriebsfeuerwehren und Freiwilligen Feuerwehren) rund 2.561.000 Einsatzstunden geleistet.
Müssten diese Stunden nach der Tarifordnung des Österreichischen Bundesfeuerwehrverbandes bezahlt werden (€ 34,40 pro Personenstunde), würde der Wert der Einsatzstunden mehr als 88 Millionen Euro ausmachen. „Im Jahr 2024 traf uns das Jahrhunderthochwasser in Niederösterreich sowie viele andere Katastrophen. Alleine in diesem Jahr wären für die geleisteten Einsatzstunden 152 Millionen Euro für das Personal einzusetzen“, erklärt der Feuerwehrpräsident Robert Mayer.
Seit 2019 besteht ein Bonussystem für bei einer Einsatzorganisation ehrenamtlich tätige Angestellte, wenn mehr als 100 Einsatzkräfte länger als acht Stunden im Einsatz sind.
„Der Arbeitgeber kann sich pro Mitarbeiter und Tag € 200,– vom Bund zurückholen. Ein großer Teil der Feuerwehrmitglieder sind Selbstständige und Landwirte, die derzeit keine Entschädigung bei Großeinsätzen bekommen.
Diese in das System aufzunehmen, fordert der ÖBFV seit 2019.“ rz
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