Reinhold Bilgeri:
„Mein Vater war ein Deserteur“
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Er ist 76 Jahre alt und steht seit 60 Jahren auf der Bühne. Doch Reinhold Bilgeri ist aktiver denn je.
Er bereitet seinen Roman „Das Gewissen der Tauben“ für die Verfilmung vor, ist auf Lesetour und rockt im August in Wiesen. Das hält ihn jung.
Er bereitet seinen Roman „Das Gewissen der Tauben“ für die Verfilmung vor, ist auf Lesetour und rockt im August in Wiesen. Das hält ihn jung.
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Herr Bilgeri, Sie haben sich längst als Regisseur und Filmemacher einen Namen gemacht. Es heißt, Ihr jüngster Roman „Das Gewissen der Tauben“ werde verfilmt. Wie sieht es aus?
Wir sind mitten im Einreich-Prozedere bei der Österreichischen Filmförderung (ÖFI). Das ist immer eine Schlacht, weil es um Geld geht, das kaum noch da ist. Aber es muss sein. Meinen ersten Film (Anm.: „Der Atem des Himmels“) musste ich damals selbst finanzieren, weil die ÖFI nicht geglaubt hat, dass ein Ex-Rocker das hinkriegt. Also habe ich einen Kredit von zwei Millionen Euro aufgenommen, habe in Liechtenstein und Vorarlberg bei Großunternehmern eine Betteltour gemacht und unser Haus verpfändet. Manchmal frage ich mich heute noch, wie wahnsinnig ich eigentlich war. Es ist zum Glück gut ausgegangen, sonst würde ich heute unter der Brücke leben.
Ihr erstes Buch, in dem es um Ihre Familie und ein Lawinenunglück ging, war mit 100.000 verkauften Exemplaren ein kommerzieller Erfolg. „Das Gewissen der Tauben“ ist komplexer. Ihre Familiengeschichte
ist eingebettet in die Machenschaften des Vatikans, der Nazi-Verbrechern zur Flucht verhalf. Ist das Thema für die Masse nicht zu schwer?
Das Buch musste einfach raus. Es ist meine Rebellion gegen das Schweigen in der Nachkriegszeit. Die Menschen schweigen ja weiter, auch jetzt, wo der Faschismus wieder aufpoppt. Darum habe ich den Roman geschrieben, wohlwissend, dass er sich nicht 100.000 Mal verkauft. Die Verfilmung wird ein Erfolg. Ich will alle Romane, die ich schreibe, verfilmen.
Sie waren Professor für Philosophie. Was steckt hinter dem Titel „Das Gewissen der Tauben“?
Ich bin der Sohn einer Religionsmama, die eine brave Tirolerin war und bis zum Ende fast nicht kapiert hat, was da wirklich passiert ist – und dass der Vatikan nicht so heilig war, wie es den Anschein hatte. Er war kein ethischer Kompass, sondern das genaue Gegenteil. Deshalb der Titel „Das Gewissen der Tauben“. Tauben haben kein Gewissen.
Hauptfigur ist die 20jährige Gerda, für die Ihnen beim Schreiben Ihre Tochter Laura, 30, als Vorbild gedient hat …
Ja, ich habe an sie gedacht. Eigentlich wird das ein Frauenfilm, und wenn wir das Geld zusammenkriegen, wird Laura auch die Hauptfigur spielen. Sie ist gerade mit meinem Kameramann auf Fuerteventura (Spanien) unterwegs, um Drehorte zu sichten. Die Geschichte basiert ja auch auf den Tagebüchern meines Vaters, der als Deserteur in einem ägyptischen Lager in britischer Gefangenschaft war. Papa hat überlebt, aber ich lasse ihn im Buch sterben. Ich wollte, dass die Frauen alles übernehmen, und versuche zumindest in meiner Seele drin, ein Feminist zu sein – 4.000 Jahre Patriarchat reichen allemal.
Eine Kehrtwende. Sie waren ein Frauenschwarm. Weibliche Anhänger sind Schlange vor Ihrer Garderobentür gestanden, nicht wahr?
Ich bin mit zehn Jahren ins Internat gekommen, weil meine Mama wollte, dass ich was Ordentliches werde, Priester oder Missionar in Brasilien vielleicht. Das hat genau das Gegenteil hervorgebracht – die totale Rebellion. In der Nacht habe ich unter der Decke mit meinem Batterieradio die Lieder der „Rolling Stones“, der „Beatles“, von Jimi Hendrix und Eric Clapton gehört. Das war in diesem Gefängnis damals meine Luft zum Atmen. Ich dachte zu der Zeit, dass ich niemals eine Frau bekomme. Deshalb bin ich auch ein Frauenheld geworden.
Harte Schale, weicher Kern?
Natürlich musst du als Rocksänger ein Macho-Gehabe an den Tag legen. Aber in Wirklichkeit bin ich immer ein weicher Typ gewesen. Ich habe zwischen den Rockhits auch Liebeslieder geschrieben. „Some Girls Are Ladies“ zum Beispiel habe ich aus Existenzangst geschrieben. Es musste laut Plattenfirma ja ein Hit auf den nächsten folgen. Ich hatte natürlich auch Glück. Aber ich war sowieso verliebt in meine Frau und habe dann halt Liebeslieder gemacht.
Sie waren mit 31 Jahren eine Rockgröße, Autor mit 55, Regisseur mit fast 60 Jahren. Sie haben sich nie drängen lassen …
Meistens war ich schon ein alter Hund. Aber offenbar habe ich die Eisen zur richtigen Zeit geschmiedet. Dazu war ich diszipliniert und verlässlich. Michael Köhlmeier (Anm.: heimischer Bestseller-Autor), seit meiner Jugend mein bester Freund, hat mir auf den Buchtitel geschrieben: „Ein ausgezeichneter Roman.“ Das hätte er nie gemacht, wenn er nicht überzeugt gewesen wäre. Es hieß auch, ein „Rockstar“ könne keine Filme drehen. Auch das habe ich widerlegt – wobei es viele Dinge gibt, die ich nicht kann.
Was wäre das?
Ich kann nicht kochen, worunter meine Frau ein bisschen leidet. Deshalb bin ich nur für niedrige Arbeiten zuständig, räume Geschirr ab oder trage den Müll raus. Bei allen anderen Dingen hält sogar unser Hund „Maggie“ die Pfoten vors Gesicht, weil er weiß, jetzt passiert gleich was. Ich habe zwei linke Hände. Aber Film, Literatur und Musik kann ich.
Sie machen Lesungen mit Musik und treten bei
„Legenden des Austropop“ am 15. August in Wiesen (B) auf. Spüren Sie Ihre 76 Jahre gar nicht?
Wenn ich eine Rockshow mache, grätsche ich nach wie vor auf der Bühne herum. Das Adrenalin sorgt dafür, dass ich nichts spüre. Am nächsten Tag nach dem Aufstehen, wenn es sich abgebaut hat, merke ich es aber eindeutig. Die Knie tun mir ein bisschen mehr weh als früher und so weiter. Aber was die Lebensenergie insgesamt anbelangt, spüre ich den alten Sack noch nicht.
Zur Person:
Reinhold Bilgeri wurde am 26. März 1950 in Hohenems in Vorarlberg geboren. Er war bis 1981 Lehrer für Deutsch, Geografie, Philosophie und Psychologie am Bundesgymnasium Feldkirch.
Mit seinem Freund, dem Autor Michael Köhlmeier, gründete er schon in den 1970er Jahren das Duo „Bilgeri & Köhlmeier“ und feierte musikalisch erste Erfolge. 1981 wagte er den Sprung Richtung Popgröße und hatte mehr als 25 Hits, darunter „Desperado“ oder „Video Life“.
Bilgeri ist seit dem Jahr 1989 in zweiter Ehe mit der Schauspielerin Beatrix, 66, verheiratet. Die gemeinsame Tochter Laura, 30, ist Schauspielerin und Musikerin. Bilgeri pendelt zwischen Vorarlberg und Wien.
Termine: www.reinholdbilgeri.at/event-list
Wir sind mitten im Einreich-Prozedere bei der Österreichischen Filmförderung (ÖFI). Das ist immer eine Schlacht, weil es um Geld geht, das kaum noch da ist. Aber es muss sein. Meinen ersten Film (Anm.: „Der Atem des Himmels“) musste ich damals selbst finanzieren, weil die ÖFI nicht geglaubt hat, dass ein Ex-Rocker das hinkriegt. Also habe ich einen Kredit von zwei Millionen Euro aufgenommen, habe in Liechtenstein und Vorarlberg bei Großunternehmern eine Betteltour gemacht und unser Haus verpfändet. Manchmal frage ich mich heute noch, wie wahnsinnig ich eigentlich war. Es ist zum Glück gut ausgegangen, sonst würde ich heute unter der Brücke leben.
Ihr erstes Buch, in dem es um Ihre Familie und ein Lawinenunglück ging, war mit 100.000 verkauften Exemplaren ein kommerzieller Erfolg. „Das Gewissen der Tauben“ ist komplexer. Ihre Familiengeschichte
ist eingebettet in die Machenschaften des Vatikans, der Nazi-Verbrechern zur Flucht verhalf. Ist das Thema für die Masse nicht zu schwer?
Das Buch musste einfach raus. Es ist meine Rebellion gegen das Schweigen in der Nachkriegszeit. Die Menschen schweigen ja weiter, auch jetzt, wo der Faschismus wieder aufpoppt. Darum habe ich den Roman geschrieben, wohlwissend, dass er sich nicht 100.000 Mal verkauft. Die Verfilmung wird ein Erfolg. Ich will alle Romane, die ich schreibe, verfilmen.
Sie waren Professor für Philosophie. Was steckt hinter dem Titel „Das Gewissen der Tauben“?
Ich bin der Sohn einer Religionsmama, die eine brave Tirolerin war und bis zum Ende fast nicht kapiert hat, was da wirklich passiert ist – und dass der Vatikan nicht so heilig war, wie es den Anschein hatte. Er war kein ethischer Kompass, sondern das genaue Gegenteil. Deshalb der Titel „Das Gewissen der Tauben“. Tauben haben kein Gewissen.
Hauptfigur ist die 20jährige Gerda, für die Ihnen beim Schreiben Ihre Tochter Laura, 30, als Vorbild gedient hat …
Ja, ich habe an sie gedacht. Eigentlich wird das ein Frauenfilm, und wenn wir das Geld zusammenkriegen, wird Laura auch die Hauptfigur spielen. Sie ist gerade mit meinem Kameramann auf Fuerteventura (Spanien) unterwegs, um Drehorte zu sichten. Die Geschichte basiert ja auch auf den Tagebüchern meines Vaters, der als Deserteur in einem ägyptischen Lager in britischer Gefangenschaft war. Papa hat überlebt, aber ich lasse ihn im Buch sterben. Ich wollte, dass die Frauen alles übernehmen, und versuche zumindest in meiner Seele drin, ein Feminist zu sein – 4.000 Jahre Patriarchat reichen allemal.
Eine Kehrtwende. Sie waren ein Frauenschwarm. Weibliche Anhänger sind Schlange vor Ihrer Garderobentür gestanden, nicht wahr?
Ich bin mit zehn Jahren ins Internat gekommen, weil meine Mama wollte, dass ich was Ordentliches werde, Priester oder Missionar in Brasilien vielleicht. Das hat genau das Gegenteil hervorgebracht – die totale Rebellion. In der Nacht habe ich unter der Decke mit meinem Batterieradio die Lieder der „Rolling Stones“, der „Beatles“, von Jimi Hendrix und Eric Clapton gehört. Das war in diesem Gefängnis damals meine Luft zum Atmen. Ich dachte zu der Zeit, dass ich niemals eine Frau bekomme. Deshalb bin ich auch ein Frauenheld geworden.
Harte Schale, weicher Kern?
Natürlich musst du als Rocksänger ein Macho-Gehabe an den Tag legen. Aber in Wirklichkeit bin ich immer ein weicher Typ gewesen. Ich habe zwischen den Rockhits auch Liebeslieder geschrieben. „Some Girls Are Ladies“ zum Beispiel habe ich aus Existenzangst geschrieben. Es musste laut Plattenfirma ja ein Hit auf den nächsten folgen. Ich hatte natürlich auch Glück. Aber ich war sowieso verliebt in meine Frau und habe dann halt Liebeslieder gemacht.
Sie waren mit 31 Jahren eine Rockgröße, Autor mit 55, Regisseur mit fast 60 Jahren. Sie haben sich nie drängen lassen …
Meistens war ich schon ein alter Hund. Aber offenbar habe ich die Eisen zur richtigen Zeit geschmiedet. Dazu war ich diszipliniert und verlässlich. Michael Köhlmeier (Anm.: heimischer Bestseller-Autor), seit meiner Jugend mein bester Freund, hat mir auf den Buchtitel geschrieben: „Ein ausgezeichneter Roman.“ Das hätte er nie gemacht, wenn er nicht überzeugt gewesen wäre. Es hieß auch, ein „Rockstar“ könne keine Filme drehen. Auch das habe ich widerlegt – wobei es viele Dinge gibt, die ich nicht kann.
Was wäre das?
Ich kann nicht kochen, worunter meine Frau ein bisschen leidet. Deshalb bin ich nur für niedrige Arbeiten zuständig, räume Geschirr ab oder trage den Müll raus. Bei allen anderen Dingen hält sogar unser Hund „Maggie“ die Pfoten vors Gesicht, weil er weiß, jetzt passiert gleich was. Ich habe zwei linke Hände. Aber Film, Literatur und Musik kann ich.
Sie machen Lesungen mit Musik und treten bei
„Legenden des Austropop“ am 15. August in Wiesen (B) auf. Spüren Sie Ihre 76 Jahre gar nicht?
Wenn ich eine Rockshow mache, grätsche ich nach wie vor auf der Bühne herum. Das Adrenalin sorgt dafür, dass ich nichts spüre. Am nächsten Tag nach dem Aufstehen, wenn es sich abgebaut hat, merke ich es aber eindeutig. Die Knie tun mir ein bisschen mehr weh als früher und so weiter. Aber was die Lebensenergie insgesamt anbelangt, spüre ich den alten Sack noch nicht.
Zur Person:
Reinhold Bilgeri wurde am 26. März 1950 in Hohenems in Vorarlberg geboren. Er war bis 1981 Lehrer für Deutsch, Geografie, Philosophie und Psychologie am Bundesgymnasium Feldkirch.
Mit seinem Freund, dem Autor Michael Köhlmeier, gründete er schon in den 1970er Jahren das Duo „Bilgeri & Köhlmeier“ und feierte musikalisch erste Erfolge. 1981 wagte er den Sprung Richtung Popgröße und hatte mehr als 25 Hits, darunter „Desperado“ oder „Video Life“.
Bilgeri ist seit dem Jahr 1989 in zweiter Ehe mit der Schauspielerin Beatrix, 66, verheiratet. Die gemeinsame Tochter Laura, 30, ist Schauspielerin und Musikerin. Bilgeri pendelt zwischen Vorarlberg und Wien.
Termine: www.reinholdbilgeri.at/event-list
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