Am Biohof Bernsteiner leben 53 Stück Sikawild. Vier Mal im Jahr wird Fleisch produziert, wieder im September.
Wir wollen unsere „Lumpis“ nicht töten
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Die Bürokraten der Europäischen Union wollen die Bestände des Sikawildes auslöschen. Weil diese Rasse bei uns nicht heimisch ist. Kaiser Franz Josef erhielt einst vom japanischen Kaiser sieben Stück geschenkt. Heute gibt es hierzulande dutzende Züchter, die ihrer Existenz beraubt würden. Daher wollen sie gegen diese Tötungsverordnung aus Brüssel ankämpfen.
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Wenn Marlene, 7, und Christina, 4, zum Gehege kommen, warten dort ihre „Lumpis“. So nennt Familie Pichler die kleinen Sikakälber auf ihrem Bio-Wildhof in Inzersdorf im Kremstal (OÖ). Viele der niedlichen Tiere fressen ihnen aus der Hand und lassen sich streicheln.
Doch wegen einer neuen EU-Verordnung könnte die Familie bald ihre Herde verlieren. „Allein der Gedanke, unseren Töchtern erklären zu müssen, warum ihre ,Lumpis‘ eines Tages nicht mehr da sein dürfen, bricht mir das Herz“, sagt Anita Pichler, 38.
Gemeinsam mit ihrem Mann Andreas, 49, hält sie seit rund zehn Jahren Sikawild. Das Ehepaar wollte den zuvor verpachteten Hof wieder selbst bewirtschaften und hat sich andere Zuchtbetriebe mit Sikawild angesehen. „Es war Liebe auf den ersten Blick. Das ruhige, sanftmütige Wesen der bis zu 80 Kilo schweren Tiere hat uns sofort in den Bann gezogen“, erzählt Pichler. Heute leben 75 Stück Sikawild auf dem bio-zertifizierten Bergbauernhof, darunter zwei Geweihträger, 25 Muttertiere, die Nachzucht und zwölf wenige Wochen alte Kälber. Kindergarten-Gruppen, Schulklassen und Feriengruppen besuchen regelmäßig den Hof und dürfen die zutraulichen Tiere füttern.
Einen sechsstelligen Betrag in die Zucht investiert
Für die Familie ist die Haltung auch wirtschaftlich entscheidend. Denn viele Flächen sind so steil, dass sie kaum maschinell bearbeitet werden können. Größeres Rotwild wäre dafür ungeeignet. In zehn Jahren haben die Pichlers einen sechsstelligen Betrag in Gehege, Tiere, bio-zertifizierte Schlacht-, Kühl- und Zerlegeräume sowie den Hofverkauf investiert. „Diese Wirtschaftsform aufgeben zu müssen, wäre für unseren Betrieb nur schwer bis gar nicht verkraftbar“, sagt Pichler. Ein Wechsel zu einer anderen Wildart würde Umbauten und den jahrelangen Aufbau einer neuen Herde erfordern.
Ähnlich ergeht es Thomas Bernsteiner vom Biohof Bernsteiner in Lembach (NÖ). Seit dem Herbst 2020 hält er Sikawild in einem behördlich genehmigten Gehege. Derzeit leben dort 42 erwachsene Tiere und elf Kälber. Einige sind handzahm und werden von seiner sechsjährigen Tochter gefüttert. „Das ist für mich ein Zeichen, dass sie uns vertrauen und sich bei uns wohlfühlen“, sagt Bernsteiner, der rund 45.000 Euro in Gehege und Erstbesatz investiert hat. Ein Umstieg auf Dam- oder Rotwild würde noch einmal etwa 20.000 Euro kosten. Zudem ließ er erst 2021 einen bio-zertifizierten EU-Schlachthof errichten, damit die Tiere nicht verladen und weit transportiert werden müssen. Ein Zuchthirsch sei seinen Angaben zufolge rund 800 bis 1.000 Euro wert. Das feinfasrige, fettarme und milde Fleisch nennt Bernsteiner den „Hummer aus dem Wald“.
Vor Kurzem besuchte der frühere Schirennläufer Fritz Strobl den Hof. Der Kontakt war über ihr gemeinsames Interesse an Angus-Rindern und artgerechter Tierhaltung entstanden. Für die drohende Keulung hat auch Strobl keinerlei Verständnis.
Sie wird gefordert, weil die Europäische Union das Sikawild als invasive, also nicht heimische, Tierart ansieht. Die Rasse stammt ursprünglich aus Ostasien und gilt in Europa daher als gebietsfremd. Grundlage für die Einstufung waren keine konkreten Schadensfälle in unserem Land, sondern Erfahrungen mit frei lebenden Beständen in anderen Staaten.
Vor allem in der schottischen Region Argyll wurde bereits 1994 wissenschaftlich eine Kreuzung von Sika- und Rotwild beschrieben. Im Jahr 1999 wurde dort eine solche
Hybridzone genetisch untersucht. Die EU befürchtete deshalb, dass sich das Sikawild ausbreitet und die Erbanlagen heimischer Rotwildbestände verändert. Zusätzlich werden Schäden an Wäldern, landwirtschaft-
lichen Flächen und Schutzgebieten als Tötungsgrund angeführt.
Bislang keine Vermischung mit Sikawild festgestellt
Was bei der EU-Verordnung nicht berücksichtigt wird, ist der Umstand, dass in unserem Land die Regelung vor allem behördlich genehmigte und kontrollierte Gehege-Haltung betrifft. Frei lebendes Sikawild kommt nur lokal vor, im Bereich der niederösterreichischen Donau-
auen und im Waldviertel. Der Bestand wird auf etwa 1.000 Stück geschätzt, wobei in der Jagdsaison 2024/25 322 Stück Sikawild erlegt wurden. Ihnen gegenüber steht ein Bestand an Rotwild, der von Wildbiologen mit bis zu 160.000 Stück angegeben wird. Eine nennenswerte Gefährdung des heimischen Rotwildes sei laut Jagd Österreich bisher nicht festgestellt worden und wäre bei diesen Zahlenverhältnissen kaum vorstellbar.
Auch auf dem Hof der Pichlers gab es weder einen Ausbruch noch einen Ausbruchsversuch. Der Zaun ist zwei Meter hoch, die Tore sind versperrt und die Anlage wird kontrolliert. „Unsere Tiere sind bereits in Gehegen geboren. Sie wollen nicht fliehen, weil sie bei uns alles haben, was sie brauchen“, erklärt Pichler. Auch bei Bernsteiner ist bisher kein Tier ausgebrochen. Funk-Wildkameras schicken ihm laufend Bilder. Bei einem Zaunschaden könnte er die Herde in einer kleineren Koppel absondern.
Über die Aufnahme des Sikawildes in die EU-Liste invasiver, gebietsfremder Arten stimmten nicht die Abgeordneten des EU-Parlaments ab, sondern Vertreter der Mitgliedstaaten in einem zuständigen EU-Ausschuss. Am 20. Juni 2025 waren 19 Staaten dafür, sieben dagegen, ein Land enthielt sich. Unser Land stimmte gegen die Aufnahme.
Für Hans Weber, den Obmann des Verbandes der niederösterreichischen Wildtierhalter, kam die Nachricht dennoch überraschend. „Wir wurden über den Verband informiert, dass das Sikawild bis zum Sommer 2027 aus den Betrieben verschwinden muss. Bis heute hat aber noch kein Halter einen behördlichen Bescheid erhalten.“ Gleichzeitig werden bereits neue Auflagen diskutiert. Während der Brunft müssen männliche und weibliche Tiere getrennt werden, auch eine Kennzeichnung mit Ohrmarken stehe im Raum. Beides bedeute enormen Stress. „Für eine Ohrmarke muss ein Wildtier eingefangen und narkotisiert werden. Dabei besteht immer das Risiko, dass es die Narkose nicht überlebt.“
Auch die Gefahr einer Kreuzung mit Rotwild hält Weber für überzogen. Brunftzeit, Geruch und Lautäußerungen seien unterschiedlich. Was passiert, wenn Betriebe die Vorgaben nicht erfüllen und ihre Tiere töten, ist derzeit unklar. Einige Halter wollen es auf ein Verfahren ankommen lassen.
Weber sieht andere Möglichkeiten, den Tierbestand zu erhalten. „Jene Länder, in denen es tatsächlich zu Vermischungen kommt, sollen dieses Problem vor Ort lösen. Österreichische Gehegebetriebe dürfen dafür nicht bestraft werden.“
Nachgewiesen wurden solche Kreuzungen bisher in sieben europäischen Ländern, in Irland, Tschechien, Polen, Litauen und Frankreich sowie Großbritannien und dem europäischen Teil Russlands.
Sikawild war ein Geschenk des japanischen Kaisers
Den größten Bestand gibt es in Schottland. Dort wurden bereits im Jahr 2011 gut 25.000 Stück Sikawild gezählt. Allerdings gehört Schottland seit Anfang 2020 nicht mehr zur EU. Die größte Anzahl Sikawild innerhalb der EU ist derzeit in Tschechien zu finden, aber selbst die 10.400 Tiere stellen dort keine große Gefahr dar.
Dass sich auch andere Tierarten kreuzen können, etwa Wölfe und Hunde, verschiedene Entenarten oder unterschiedliche Wasserfroscharten, reicht für ein EU-Verbot dagegen nicht aus. Ebenso wenig gibt es eine groß angelegte Jagd auf Waschbären oder Amerikanische Signalkrebse, obwohl die unsere Flusskrebse verdrängen, weil sie eine tödliche Pest verbreiten, gegen die sie selbst immun sind.
Anton Larcher, Präsident von Jagd Österreich, hält die Entscheidung der EU für unverhältnismäßig und verweist auf die besondere Geschichte des Sikawildes.
Nach jagdhistorischen Berichten erhielt Kaiser Franz Joseph 1906 vom japanischen Kaiser sieben Stück Sikawild. Sie gelten als die ersten Tiere dieser Art in unserem Land und sind für Larcher ein Symbol der Freundschaft mit Japan. „Dass wir es jetzt ohne Not abschießen sollen, tut mir im Herzen weh.“
Zudem kritisiert er, dass die EU die vollständige Beseitigung regional abgegrenzter Bestände aus freier Wildbahn mit bis zu 20.000 Euro fördern will. „Ich lehne diese Schädlingsbekämpfungsprämie aus ethischen Gründen ab.“
Salzburgs Landesjägermeister Max Mayr Melnhof sieht das ähnlich. „Die jahrzehntelange, aufopfernde Arbeit wird mit einer nicht nachvollziehbaren Entscheidung zunichtegemacht.“ Für die Wildhalter gehe es schließlich nicht nur um ihre Tiere, sondern auch um ihre wirtschaftliche Existenz.
Rund 250 Betriebe mit etwa 7.000 Stück Sikawild sind hierzulande betroffen. Der Schaden würde sich auf 18 Millionen Euro belaufen. Hans-Peter Pfeffer, Bundesobmann der österreichischen Wildhalter, steht deshalb mit Behörden und Politik in intensivem Austausch. „Unsere Gehege sind ausbruchsicher, unsere Wildhalter bestens und regelmäßig geschult, und das Fleisch ist bei unseren Kunden beliebt.“ Ein Kilo Filet vom Rücken kostet etwa 65 Euro, das Kilo Wildschnitzel ist um 35 Euro zu haben.
Um ihre Tiere vor dem Tod zu retten, haben die Pichlers eine Unterschriftenaktion ins Leben gerufen, die bereits rund 12.000 Unterstützer gefunden hat. Noch gibt es Hoffnung. Das Landwirtschafts- und Umweltministerium arbeitet gemeinsam mit dem Wildhalterverband an einer Sondergenehmigung. Dafür müssen wir der EU zeigen, dass die Sikawildhaltung auch der Allgemeinheit nützt – etwa weil dadurch Höfe, Einkommen und schwer bewirtschaftbare Flächen erhalten bleiben. Der Antrag soll im September bei der EU-Kommission eingereicht werden.
Die Pichlers hoffen und bangen. Denn für ihre Töchter sind die zahmen „Lumpis“ keine invasive Art. Sie gehören zur Familie. morri
Doch wegen einer neuen EU-Verordnung könnte die Familie bald ihre Herde verlieren. „Allein der Gedanke, unseren Töchtern erklären zu müssen, warum ihre ,Lumpis‘ eines Tages nicht mehr da sein dürfen, bricht mir das Herz“, sagt Anita Pichler, 38.
Gemeinsam mit ihrem Mann Andreas, 49, hält sie seit rund zehn Jahren Sikawild. Das Ehepaar wollte den zuvor verpachteten Hof wieder selbst bewirtschaften und hat sich andere Zuchtbetriebe mit Sikawild angesehen. „Es war Liebe auf den ersten Blick. Das ruhige, sanftmütige Wesen der bis zu 80 Kilo schweren Tiere hat uns sofort in den Bann gezogen“, erzählt Pichler. Heute leben 75 Stück Sikawild auf dem bio-zertifizierten Bergbauernhof, darunter zwei Geweihträger, 25 Muttertiere, die Nachzucht und zwölf wenige Wochen alte Kälber. Kindergarten-Gruppen, Schulklassen und Feriengruppen besuchen regelmäßig den Hof und dürfen die zutraulichen Tiere füttern.
Einen sechsstelligen Betrag in die Zucht investiert
Für die Familie ist die Haltung auch wirtschaftlich entscheidend. Denn viele Flächen sind so steil, dass sie kaum maschinell bearbeitet werden können. Größeres Rotwild wäre dafür ungeeignet. In zehn Jahren haben die Pichlers einen sechsstelligen Betrag in Gehege, Tiere, bio-zertifizierte Schlacht-, Kühl- und Zerlegeräume sowie den Hofverkauf investiert. „Diese Wirtschaftsform aufgeben zu müssen, wäre für unseren Betrieb nur schwer bis gar nicht verkraftbar“, sagt Pichler. Ein Wechsel zu einer anderen Wildart würde Umbauten und den jahrelangen Aufbau einer neuen Herde erfordern.
Ähnlich ergeht es Thomas Bernsteiner vom Biohof Bernsteiner in Lembach (NÖ). Seit dem Herbst 2020 hält er Sikawild in einem behördlich genehmigten Gehege. Derzeit leben dort 42 erwachsene Tiere und elf Kälber. Einige sind handzahm und werden von seiner sechsjährigen Tochter gefüttert. „Das ist für mich ein Zeichen, dass sie uns vertrauen und sich bei uns wohlfühlen“, sagt Bernsteiner, der rund 45.000 Euro in Gehege und Erstbesatz investiert hat. Ein Umstieg auf Dam- oder Rotwild würde noch einmal etwa 20.000 Euro kosten. Zudem ließ er erst 2021 einen bio-zertifizierten EU-Schlachthof errichten, damit die Tiere nicht verladen und weit transportiert werden müssen. Ein Zuchthirsch sei seinen Angaben zufolge rund 800 bis 1.000 Euro wert. Das feinfasrige, fettarme und milde Fleisch nennt Bernsteiner den „Hummer aus dem Wald“.
Vor Kurzem besuchte der frühere Schirennläufer Fritz Strobl den Hof. Der Kontakt war über ihr gemeinsames Interesse an Angus-Rindern und artgerechter Tierhaltung entstanden. Für die drohende Keulung hat auch Strobl keinerlei Verständnis.
Sie wird gefordert, weil die Europäische Union das Sikawild als invasive, also nicht heimische, Tierart ansieht. Die Rasse stammt ursprünglich aus Ostasien und gilt in Europa daher als gebietsfremd. Grundlage für die Einstufung waren keine konkreten Schadensfälle in unserem Land, sondern Erfahrungen mit frei lebenden Beständen in anderen Staaten.
Vor allem in der schottischen Region Argyll wurde bereits 1994 wissenschaftlich eine Kreuzung von Sika- und Rotwild beschrieben. Im Jahr 1999 wurde dort eine solche
Hybridzone genetisch untersucht. Die EU befürchtete deshalb, dass sich das Sikawild ausbreitet und die Erbanlagen heimischer Rotwildbestände verändert. Zusätzlich werden Schäden an Wäldern, landwirtschaft-
lichen Flächen und Schutzgebieten als Tötungsgrund angeführt.
Bislang keine Vermischung mit Sikawild festgestellt
Was bei der EU-Verordnung nicht berücksichtigt wird, ist der Umstand, dass in unserem Land die Regelung vor allem behördlich genehmigte und kontrollierte Gehege-Haltung betrifft. Frei lebendes Sikawild kommt nur lokal vor, im Bereich der niederösterreichischen Donau-
auen und im Waldviertel. Der Bestand wird auf etwa 1.000 Stück geschätzt, wobei in der Jagdsaison 2024/25 322 Stück Sikawild erlegt wurden. Ihnen gegenüber steht ein Bestand an Rotwild, der von Wildbiologen mit bis zu 160.000 Stück angegeben wird. Eine nennenswerte Gefährdung des heimischen Rotwildes sei laut Jagd Österreich bisher nicht festgestellt worden und wäre bei diesen Zahlenverhältnissen kaum vorstellbar.
Auch auf dem Hof der Pichlers gab es weder einen Ausbruch noch einen Ausbruchsversuch. Der Zaun ist zwei Meter hoch, die Tore sind versperrt und die Anlage wird kontrolliert. „Unsere Tiere sind bereits in Gehegen geboren. Sie wollen nicht fliehen, weil sie bei uns alles haben, was sie brauchen“, erklärt Pichler. Auch bei Bernsteiner ist bisher kein Tier ausgebrochen. Funk-Wildkameras schicken ihm laufend Bilder. Bei einem Zaunschaden könnte er die Herde in einer kleineren Koppel absondern.
Über die Aufnahme des Sikawildes in die EU-Liste invasiver, gebietsfremder Arten stimmten nicht die Abgeordneten des EU-Parlaments ab, sondern Vertreter der Mitgliedstaaten in einem zuständigen EU-Ausschuss. Am 20. Juni 2025 waren 19 Staaten dafür, sieben dagegen, ein Land enthielt sich. Unser Land stimmte gegen die Aufnahme.
Für Hans Weber, den Obmann des Verbandes der niederösterreichischen Wildtierhalter, kam die Nachricht dennoch überraschend. „Wir wurden über den Verband informiert, dass das Sikawild bis zum Sommer 2027 aus den Betrieben verschwinden muss. Bis heute hat aber noch kein Halter einen behördlichen Bescheid erhalten.“ Gleichzeitig werden bereits neue Auflagen diskutiert. Während der Brunft müssen männliche und weibliche Tiere getrennt werden, auch eine Kennzeichnung mit Ohrmarken stehe im Raum. Beides bedeute enormen Stress. „Für eine Ohrmarke muss ein Wildtier eingefangen und narkotisiert werden. Dabei besteht immer das Risiko, dass es die Narkose nicht überlebt.“
Auch die Gefahr einer Kreuzung mit Rotwild hält Weber für überzogen. Brunftzeit, Geruch und Lautäußerungen seien unterschiedlich. Was passiert, wenn Betriebe die Vorgaben nicht erfüllen und ihre Tiere töten, ist derzeit unklar. Einige Halter wollen es auf ein Verfahren ankommen lassen.
Weber sieht andere Möglichkeiten, den Tierbestand zu erhalten. „Jene Länder, in denen es tatsächlich zu Vermischungen kommt, sollen dieses Problem vor Ort lösen. Österreichische Gehegebetriebe dürfen dafür nicht bestraft werden.“
Nachgewiesen wurden solche Kreuzungen bisher in sieben europäischen Ländern, in Irland, Tschechien, Polen, Litauen und Frankreich sowie Großbritannien und dem europäischen Teil Russlands.
Sikawild war ein Geschenk des japanischen Kaisers
Den größten Bestand gibt es in Schottland. Dort wurden bereits im Jahr 2011 gut 25.000 Stück Sikawild gezählt. Allerdings gehört Schottland seit Anfang 2020 nicht mehr zur EU. Die größte Anzahl Sikawild innerhalb der EU ist derzeit in Tschechien zu finden, aber selbst die 10.400 Tiere stellen dort keine große Gefahr dar.
Dass sich auch andere Tierarten kreuzen können, etwa Wölfe und Hunde, verschiedene Entenarten oder unterschiedliche Wasserfroscharten, reicht für ein EU-Verbot dagegen nicht aus. Ebenso wenig gibt es eine groß angelegte Jagd auf Waschbären oder Amerikanische Signalkrebse, obwohl die unsere Flusskrebse verdrängen, weil sie eine tödliche Pest verbreiten, gegen die sie selbst immun sind.
Anton Larcher, Präsident von Jagd Österreich, hält die Entscheidung der EU für unverhältnismäßig und verweist auf die besondere Geschichte des Sikawildes.
Nach jagdhistorischen Berichten erhielt Kaiser Franz Joseph 1906 vom japanischen Kaiser sieben Stück Sikawild. Sie gelten als die ersten Tiere dieser Art in unserem Land und sind für Larcher ein Symbol der Freundschaft mit Japan. „Dass wir es jetzt ohne Not abschießen sollen, tut mir im Herzen weh.“
Zudem kritisiert er, dass die EU die vollständige Beseitigung regional abgegrenzter Bestände aus freier Wildbahn mit bis zu 20.000 Euro fördern will. „Ich lehne diese Schädlingsbekämpfungsprämie aus ethischen Gründen ab.“
Salzburgs Landesjägermeister Max Mayr Melnhof sieht das ähnlich. „Die jahrzehntelange, aufopfernde Arbeit wird mit einer nicht nachvollziehbaren Entscheidung zunichtegemacht.“ Für die Wildhalter gehe es schließlich nicht nur um ihre Tiere, sondern auch um ihre wirtschaftliche Existenz.
Rund 250 Betriebe mit etwa 7.000 Stück Sikawild sind hierzulande betroffen. Der Schaden würde sich auf 18 Millionen Euro belaufen. Hans-Peter Pfeffer, Bundesobmann der österreichischen Wildhalter, steht deshalb mit Behörden und Politik in intensivem Austausch. „Unsere Gehege sind ausbruchsicher, unsere Wildhalter bestens und regelmäßig geschult, und das Fleisch ist bei unseren Kunden beliebt.“ Ein Kilo Filet vom Rücken kostet etwa 65 Euro, das Kilo Wildschnitzel ist um 35 Euro zu haben.
Um ihre Tiere vor dem Tod zu retten, haben die Pichlers eine Unterschriftenaktion ins Leben gerufen, die bereits rund 12.000 Unterstützer gefunden hat. Noch gibt es Hoffnung. Das Landwirtschafts- und Umweltministerium arbeitet gemeinsam mit dem Wildhalterverband an einer Sondergenehmigung. Dafür müssen wir der EU zeigen, dass die Sikawildhaltung auch der Allgemeinheit nützt – etwa weil dadurch Höfe, Einkommen und schwer bewirtschaftbare Flächen erhalten bleiben. Der Antrag soll im September bei der EU-Kommission eingereicht werden.
Die Pichlers hoffen und bangen. Denn für ihre Töchter sind die zahmen „Lumpis“ keine invasive Art. Sie gehören zur Familie. morri
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