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Ausgabe Nr. 15/2026 vom 08.04.2026, Fotos: picture alliance, imago images, APA-Images, action press
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Dr. Daniele Ganser
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Aktueller Vortrag:

„Die NATO – ein gefährliches Militärbündnis“,

Termine:

14.4., Congress, Salzburg;

15.4., Kongress-Saal, Kufstein;

16.4., Stadtsaal, Vöcklabruck;

17.4., Stefaniensaal, Graz.

Karten unter:

www.menschheitsfamilie.at
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Brennende Häuser nach einem Raketen-Einschlag in Tel Aviv (Israel).
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Umstrittene Außenministerin Beate Meinl-Reisinger.
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Reste einer vom Iran abgefeuerten Rakete in Israel.
Der Elite nicht blind vertrauen
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Mit seinen tiefgreifenden Analysen des Weltgeschehens setzt sich der Schweizer Friedensforscher und Historiker Dr. Daniele Ganser immer wieder herber Kritik aus. Zumal er unliebsame Wahrheiten anspricht und herrschende Meinungen widerlegt. Er ist derzeit auf Vortragsreise.
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Herr Dr. Ganser, für viele Menschen ist es schwer zu verstehen, was derzeit im Nahen Osten passiert.
Wie ordnen Sie die aktuelle Eskalation im Iran ein?


Der Angriff von Israel und den USA auf den Iran ist völkerrechtswidrig. Man muss das in einer längeren Entwicklung sehen: 2003 wurde der Irak angegriffen (unter US-Präsident Bush), 2011 Libyen (unter Obama), ab 2014 Syrien (Obama), auch der Libanon.

Der Iran steht am Ende dieser Kette. Er wurde bereits 2025 im Zwölftagekrieg von Israel und den USA angegriffen und nun erneut. Aus iranischer Sicht ist das die vierte Eskalation – nach dem CIA-Putsch 1953, dem Irakkrieg 1980 mit westlicher Unterstützung und dem Angriff 2025.

Die Gegenschläge richten sich gegen US-Militärstützpunkte in der Region, was man den Menschen vor Ort aber naturgemäß nur schwer verständlich machen kann.

US-Militärstützpunkte gibt es auch in Europa. Welche Rolle spielen sie?

US-Stützpunkte gibt es weltweit, etwa 800 in 90 Ländern. Im Iran, in Russland und China gibt es keine US-Stützpunkte, auch nicht in Österreich und der Schweiz,
aber in Deutschland, den größten in Ramstein. Sie
wurden als Schutz dargestellt, sind aber im Konfliktfall Angriffsziele. Länder mit solchen Stützpunkten können in Kriege hineingezogen werden, wie wir nun am
Persischen Golf sehen.

Wie gefährlich ist die Situation für Europa – Stichwort Dritter Weltkrieg?

Da muss man die Gefahren auseinanderhalten. Wenn es darum geht, dass eine Rakete in Österreich einschlägt, ein Panzer durch die Straße fährt oder Kinder auf Landminen treten, besteht meiner Meinung nach keine Gefahr in Österreich oder der Schweiz. Die reale Gefahr ist wirtschaftlich: Durch die Straße von Hormus werden rund 20 Millionen Fass Öl täglich befördert.

Wenn der Iran diese Route für seine Feinde sperrt, steigen die Energiepreise rasant an. Das wird asymmetrische Kriegsführung genannt. Der Iran ist zwar militärisch gesehen schwächer als die USA, kontert aber mit anderen Mitteln. Das kann selbst den stärksten Gegner umhauen.

Geht es bei heutigen Kriegen im Kern um Macht und Ressourcen?

Kriege haben oft mehrere Ursachen, aber geopolitische Interessen spielen immer eine Rolle – vor allem der Zugang zu Ressourcen wie Öl und Gas. Aktuell zeigt sich das etwa im Konflikt zwischen NATO-Staaten, angeführt durch die USA, und den sogenannten BRICS-Ländern, angeführt durch China, zu denen aber auch Brasilien, Russland, Indien, Südafrika und auch der Iran oder die Emirate gehören. Der Krieg in der Ukraine wird dabei vielfach als Stellvertreterkonflikt zwischen den USA und Russland gesehen. Eine oft unterschätzte Ebene ist zudem die kritische Infrastruktur.

Wer Öl-, Gas- oder sogar die Wasserversorgung zerstören kann, entscheidet letztlich über das Überleben ganzer Regionen. Im Iran gibt es Berge und Flüsse, aber in Saudi-Arabien und Katar nicht. Wenn dort die Süßwasser-Infrastruktur zerstört wird, können die Menschen dort nicht überleben. Sie werden zu Flüchtlingen, weil es kein Wasser mehr gibt.

Ressourcen und der Kampf der Großmächte spielen also eine wichtige Rolle in diesem Konflikt. Aber auch das Stichwort „Großisrael“ ist wichtig, also die territoriale Ausdehnung von Israel weit über die heutigen Grenzen hinaus – ein Projekt, das die Spannungen in der Region zusätzlich verschärft. Man kann sagen, dass Benjamin Netanyahu (Ministerpräsident von Israel) und Donald Trump (US-Präsident) im Moment die zwei gefährlichsten Männer auf der Welt sind.

Donald Trump hat sich viel zu Schulden kommen lassen. Warum kriegt ihn die Justiz so schwer zu fassen?

Entscheidend für Trump, der Republikaner ist, sind die Midterm-Wahlen am 3. November. Der Kongress besteht aus zwei Kammern – Senat und Repräsentantenhaus – und aktuell haben in beiden Kammern die Republikaner die Mehrheit.

Sollte der Konflikt im Iran länger andauern, könnte das Trump politisch schwächen, weil steigende Energiepreise und Inflation die Bevölkerung direkt treffen. In solchen Situationen neigen Wähler dazu, aus Protest umzuschwenken – nicht unbedingt aus Überzeugung für die Demokraten, sondern aus Unzufriedenheit.

Verliert Trump die Mehrheit im Kongress, drohen ihm innenpolitische Konsequenzen bis zu einem Amtsenthebungsverfahren. Das ist die eigentliche Gefahr für ihn.

Der Krieg ist im Fall der Ukraine nahe an unsere Grenzen gerückt. Könnte Russland nicht theoretisch mit einer Atombombe gegen die Ukraine vorgehen?

Das wäre möglich, ist aber unwahrscheinlich, weil Russland seine eigenen Ziele gefährden würde. Putin möchte keine radioaktiv verseuchte Ukraine.

Er will die NATO-Osterweiterung verhindern, das ist das Kernziel von Russland. Es war ein Riesenfehler von US-Präsident George Bush, die Ukraine 2008 in die NATO einzuladen. Da wurde für die Russen die rote Linie überschritten. Dazu kam der Sturz der ukrainischen Regierung 2014, der meiner Meinung nach von den Amerikanern unterstützt wurde.

Die Amerikaner haben in Deutschland auch ihre Militärstützpunkte benutzt, um den Ukrainern jetzt die Zieldaten für die Raketen zu geben, die auf Russland abgefeuert wurden. Das war gefährlich. Wären die Russen gleich offensiv wie die Iraner, hätten sie die amerikanischen Militärstützpunkte ausgelöscht. Aber die Russen sind zurückhaltender. Sie wissen: Wenn sie Deutschland bombardieren, ist die ganze NATO im Krieg.

Das wollen sie nicht. Im Nahen Osten ist die Lage anders. Der Iran weiß, dass Länder wie Kuwait, Bahrain oder Katar schwach sind. Deren Reichtum besteht vor allem aus Öl und Gas.

Jeder, der in Wien zum Flughafen fährt, kennt die große Erdölraffinerie neben der Autobahn. In den Golfstaaten sind diese Raffinerien noch viel größer.

Die können nicht vor Bomben und Raketen geschützt werden. Darum sage ich auch immer, Österreich und Deutschland sollten unbedingt Öl und Gas aus Russland importieren. Es ist dumm zu sagen: Nein, das nehmen wir nicht.

Präsident Selenskyj ist für den Friedensnobelpreis 2026 nominiert. Wie bewerten Sie das?

Das halte ich für völlig verfehlt. Aber jedes Jahr werden mehr als 300 Personen nominiert, darunter sind immer auch Namen, die nicht passen. Selenskyj wurde 2019 mit dem Versprechen gewählt, den Konflikt im Donbass zu beenden. Dieses Wahlversprechen hat er aber gebrochen und den Bürgerkrieg weitergeführt.

Ich glaube, Selenskyj wollte Frieden bringen. Aber dann haben ihm die Rechtsextremen, die in der Ukraine äußerst gewalttätig sind, mit dem Tod gedroht, sollte er mit den Russen verhandeln. Er hat den Bürgerkrieg dann drei Jahre fortgeführt, ehe es im Jahr 2022 zur russischen Invasion kam.

Wenn man diese Entwicklung berücksichtigt, wird klar, dass seine Nominierung für den Friedensnobelpreis unsinnig ist. Auch Barack Obama hat damals den Preis nicht verdient.

Selenskyj wird medial oft als Held dargestellt. Viele Medien greifen bei Informationen auf große Nachrichtenagenturen wie Reuters zurück. Ist da die Gefahr für einseitige oder Fehlinformationen nicht groß?

Das ist ein zentrales Problem, vor allem im deutschsprachigen Raum. Länder wie Russland, China oder der Iran haben eigene Agenturen und andere Perspektiven. Aber im deutschsprachigen Raum verlassen sich viele Medien wesentlich auf große Nachrichtenagenturen wie Reuters oder Associated Press.

Dadurch entsteht oft eine einseitige Sicht. Ein Beispiel ist der 11. September 2001: Die englische BBC-Journalistin Jane Standley hatte damals den Einsturz des World Trade Center 7 gut 20 Minuten zu früh gemeldet, da stand es noch. Das war ein grober Fehler. Richard Porter, der BBC-Chef für Nachrichten, sagte 2008, man habe die Meldung von Reuters erhalten. Das zeigt, wie stark solche Agenturen Narrative prägen. Heute funktioniert das nicht mehr so reibungslos, weil alternative Medien und Plattformen wie YouTube Gegenstimmen ermöglichen.

Sie hatten früh Zweifel an der offiziellen Darstellung von 9/11, insbesondere zu WTC 7, und wurden dafür stark kritisiert und sogar von der Uni Basel entlassen. Hat sich durch neue Enthüllungen – etwa im Umfeld der Epstein-Akten – der Blick Ihrer Kritiker auf Sie verändert?

Für mich ist der Einsturz des World Trade Centers ein zentrales Beispiel dafür, dass offizielle Darstellungen hinterfragt werden müssen. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass dieses Gebäude gesprengt wurde.

Der Afghanistan-Krieg basiert meiner Meinung nach also auf Lügen. Neue Veröffentlichungen wie die Epstein-Akten ändern für mich nichts Grundsätzliches, aber sie zeigen, wie korrupt Teile der Elite sind.

Deshalb sollte man Autoritäten nicht blind vertrauen, sondern sich immer selbst eine Meinung bilden – gerade bei großen geopolitischen Konflikten. Schon 2001 war für mich erkennbar, dass der amerikanische Imperialismus eine Gefahr für die Welt ist – das konnte man bereits im Vietnamkrieg sehen. Dieses Muster zieht sich bis heute: über die NATO-Osterweiterung, den Ukraine-Konflikt bis hin zur Entführung von Venezuelas Präsident Maduro und zum Angriff auf den Iran.

Jetzt verlieren die Ukrainer den Krieg gegen Russland und die Amerikaner ziehen sich zurück. Die Folgen tragen die Länder oft alleine. Während die Amerikaner auf der anderen Seite des Atlantiks sind, ist es für Österreich und uns Schweizer nicht so weit bis Kiew.

Die Epstein-Akten zeigen, dass selbst schwerste Vorwürfe oft keine Konsequenzen haben.
Kommen die Mächtigen immer davon?


Die positive Entwicklung ist, dass immer mehr Menschen merken, dass sie der Elite nicht blind vertrauen dürfen. Es braucht Regierende, aber die Regierten müssen ihnen auf die Finger schauen.

Die Regierten sind immer die Mehrheit, die Regierenden immer die Minderheit. Dieses blinde Vertrauen, dass „die da oben“ schon wissen, was sie tun, bröckelt zunehmend. Viele erkennen, dass auch Politiker Fehler machen oder überfordert sind. Man sieht das auch konkret:

Als etwa nach dem Angriff auf den Iran die
österreichische Außenministerin Beate Meinl-
Reisinger auf der Internet-Plattform X nur die Gegenschläge auf Israel kritisierte, wirkte das auf viele Menschen wie ein Betriebsunfall.

Solche Beispiele führen dazu, dass die Bevölkerung beginnt, Aussagen von Politikern kritischer zu prüfen und zu hinterfragen. Gleichzeitig erleben wir eine Medienrevolution. Die Menschen informieren sich nicht mehr nur über klassische Medien, sondern suchen sich unterschiedliche Quellen.

Das ist ein wichtiger Bewusstseinsschritt. Denn am Ende gilt: Demokratie funktioniert nur, wenn Bürger kritisch bleiben und selbst denken. reiter
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