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Ausgabe Nr. 48/2025 vom 26.11.2025, Fotos: imago, zvg
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Astrid Lindgren (re.), damals 61, bei Dreharbeiten 1969 mit der Film-„Pippi“ Inger Nilsson.
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Die schwedische Erstausgabe von „Pippi Langstrumpf“.
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Lindgren mit Sohn Lars und Tochter Karin in ihrer Stockholmer Wohnung.
80 Jahre Pippi Langstrumpf
„Ich mach‘ mir die Welt,
so wie sie mir gefällt“
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Im Jahr 1945 erschien in Schweden das erste „Pippi Langstrumpf“-Buch. Schnell eroberte das freche Mädchen mit den roten Zöpfen die Herzen kleiner Leseratten. Bis heute gilt deren Schöpferin Astrid Lindgren als bekannteste und erfolgreichste Kinderbuchautorin der Welt.
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Ich heiße Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf“, stellte sich das neunjährige Mädchen an seinem ersten Schultag vor. Rote Zöpfe, Sommersprossen im Gesicht und eine wilde, unbändige Art – so brachte Pippi ihre Mitschüler zum Lachen, aber die Lehrerin schnell zur Verzweiflung.

„Weil es ein merkwürdiger Name war, wurde es auch ein merkwürdiges Mädchen“, sagte Astrid Lindgren über die Heldin ihres bekanntesten Kinderbuches.

Das Mädchen mit den Superkräften war so ganz anders als alle anderen Kinder. Die Idee dazu hatte Lindgren im Winter 1941. „Meine damals siebenjährige Tochter Karin lag mit einer Lungenentzündung im Bett. Jeden Abend, wenn ich bei ihr saß, quengelte sie, ,Erzähl‘ mir was.‘ Als ich sie fragte, was sie denn gerne hören will, meinte sie, ,Erzähl‘ mir was von Pippi Langstrumpf.‘ Sie hatte den Namen gerade in dem Augenblick erfunden. Ich fragte sie nicht, wer Pippi Langstrumpf war, sondern fing einfach an zu erzählen“, erinnerte sich Lindgren später an die Entstehung der Figur.

Optisches Vorbild war wohl eine Freundin von Lindgrens Tochter. Im Kern erinnerte aber vieles in den „Pippi“-Büchern an die eigene Kindheit der Autorin, die am 14. November 1907 als Astrid Anna Emilia Ericsson „in einem alten, roten Haus, das von Apfelbäumen umgeben war“, das Licht der Welt erblickte. Sie war das zweite Kind des Landwirtes Samuel August Ericsson (1875–1969) und dessen Frau Hanna (1879–1961).

Deren Liebesgeschichte erzählte Astrid Lindgren Jahre später in dem Buch „Das entschwundene Land“ (Verlagsgruppe Oetinger, € 14,–). Sie teilt darin auch persönliche Erinnerungen von ihrer unbeschwerten Kindheit im schwedischen Småland. „Der Hof, auf dem wir lebten, hieß Näs, und lag ganz in der Nähe einer kleinen Stadt namens Vimmerby.“

Dort wuchs sie gemeinsam mit ihrem älteren Bruder Gunnar und den beiden Schwestern Stine und Ingegerd auf. „Zwei Dinge hatten wir, die unsere Kindheit zu dem machten, wie sie war – Geborgenheit und Freiheit. Die beiden, die einander so gern hatten und die immer da waren, wenn wir sie brauchten, uns aber im Übrigen frei und glücklich herumrennen ließen auf dem fantastischen Spielplatz, den wir in unserer Kindheit auf Näs hatten“, schrieb sie über die Fürsorge der Eltern.

Im Jahr 1914 wurde Astrid Lindgren eingeschult. Zuerst fand sie die Schule „unheimlich“, aber schon bald entdeckte sie ihre Lust am Lesen. In der Schulbibliothek gab es massenhaft Bücher und sie las sie alle.

„Ich hatte einen so furchtbar aufgestauten Lesehunger, dass es ein Wunder ist, dass ich mich nicht tot gelesen habe, wenn ich Bücher in die Hände bekam.“

Lindgren hatte einen guten Lehrer, der sie zum Schreiben ermutigte. Als sie dreizehn Jahre alt war, wurde ihr Aufsatz „Auf unserem Hof“ in einer Zeitung abgedruckt. Bald wurde sie „Selma Lagerlöf von Vimmerby“ – eine bekannte schwedische Autorin, die etwa „Nils Holgersson“ verfasste – genannt. „Ich glaube, das hat mir Angst gemacht. Und ich habe mich nicht getraut, zu schreiben, obwohl ich irgendwo tief in mir drin spürte, dass mir das Schreiben Spaß machen könnte“, erinnerte sie sich später.

Trotzdem begann sie 1924 eine journalistische Ausbildung bei der Ortszeitung. Die Arbeit machte ihr Spaß, aber mit 18 Jahren wurde sie von ihrem verheirateten Chefredakteur schwanger und musste die Kleinstadt verlassen. Als alleinstehende Frau mit unehelichem Kind wäre sie gebrandmarkt gewesen.

Also zog Lindgren nach Stockholm. Ihren im Dezember 1926 geborenen Sohn Lars gab sie in eine Pflegefamilie, um ihre Ausbildung als Sekretärin beenden zu können. Obwohl sie ihn oft besuchte, litt sie lebenslang an den Schuldgefühlen.

Im Jahr 1931 heiratete sie Sture Lindgren (1898–1952) und nahm Lars wieder zu sich. Drei Jahre später wurde dann Tochter Karin geboren. Die Familie lebte ein beschauliches Leben, bis zu Lindgrens Durchbruch als Schriftstellerin sollten aber noch einige Jahre vergehen.

Als der Zweite Weltkrieg begann, fing die damals 32jährige an, Tagebuch zu schreiben. Das Zeitdokument wurde später unter dem Titel „Die Menschheit hat den Verstand verloren. Tagebücher 1939–1945“ (Verlag Ullstein) veröffentlicht. Ab 22. Jänner 2026 ist Lindgrens Perspektive auf die Schrecken des Zweiten Weltkrieges als Dokumentarfilm im Kino zu sehen. In den Tagebüchern notierte sie auch, dass ihre Tochter oft krank war, und sie ihr die „Pippi“-Geschichten erzählte, die heute – einem Unfall im Schnee geschuldet – Millionen von Kindern kennen.

„Das war im März 1944. Ich rutschte auf der verschneiten Straße aus und verstauchte mir den Fuß so stark, dass ich das Bett hüten musste. Aus Langeweile fing ich an, die ,Pippi‘-Geschichten aufzuschreiben.“

Im Mai 1944 schenkte Lindgren das Werk ihrer Tochter zu deren zehntem Geburtstag. Eine Kopie des Buches schickte sie an einen Verlag, zusammen mit einem Brief. Darin erklärte sie das ungewöhnliche Verhalten ihrer Heldin, „in der Hoffnung, dass Sie nicht das Jugendamt einschalten“. Der Verleger lehnte ab. Pippi war zu frech, zu unkonventionell.

Erst ein Jahr später, am 26. November 1945, wurde das erste „Pippi Langstrumpf“-Buch dann beim Verlag Rabén & Sjögren veröffentlicht. Bis heute wurde der Kinderbuch-Klassiker in 80 Sprachen übersetzt und weltweit mehr als 66 Millionen Mal verkauft. Auch für die vier „Pippi“-Spielfilme und die Fernsehserie schrieb Lindgren die Drehbücher und das Titellied „Ich mach‘ mir die Welt, Widdewidde wie sie mir gefällt“.

Lindgren schuf in ihrem Leben mehr als 100 Werke, darunter viele weitere bekannte Kinderbücher, etwa „Wir Kinder aus Bullerbü“ (1947), oder „Michel aus Lönneberga“ (1963).

So erfolgreich ihre Karriere verlief, musste sie privat einige Schicksalsschläge einstecken. Ihr Mann Sture verfiel immer mehr dem Alkohol und verstarb schließlich 1952. Im Jahr 1986 musste sie auch ihren Sohn Lars zu Grabe tragen. Trotzdem arbeitete sie unermüdlich bis ins hohe Alter und nutzte ihren Erfolg als Autorin, um sich für Menschen- und Tierrechte einzusetzen.

Auf die Frage, ob ihre eigenen Kinder, sieben Enkelkinder und acht Urenkel Inspiration für ihre Bücher gewesen seien, antwortete sie, dass „man gar keine eigenen Kinder haben muss, um Kinderbücher schreiben zu können. Man muss nur selbst einmal Kind gewesen sein – und sich dann erinnern können, wie das ungefähr war.“

Die „Mutter“ von Pippi Langstrumpf starb am 28. Jänner 2002 mit 94 Jahren. „Wenn ich auch nur eine einzige düstere Kindheit erhellen konnte, bin ich zufrieden“, hatte sie ihr Lebensziel da längst erreicht. rz
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