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Ausgabe Nr. 11/2024 vom 12.03.2024, Fotos: AdobeStock (2), picturedesk.com
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Manuel Scherscher, Leiter im Bundeskriminalamt.
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Hundert falsche Polizisten gingen der echten Polizei im vergangenen Jahr ins Netz. Kriminalbeamte arbeiten auf Hochtouren, um Telefonbetrug zu verhindern.
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Die Lage ist ernst, daran lässt der Anrufer keinen Zweifel. Eine Einbrecherbande treibt ihr Unwesen und Sie wären das nächste Opfer. Um Wertgegenstände in Sicherheit zu bringen, sollen sie der „Polizei“ übergeben werden. Vor allem Senioren sind anfällig für solche Maschen des Telefonbetruges.

Täter suchen Partenzettel im Internet

Erst kürzlich wurde eine 65jährige Wienerin so um mehrere zehntausend Euro erleichtert.

„Falsche Polizisten sind groß im Geschäft“, weiß Manuel Scherscher, Leiter der Abteilung Wirtschaftskriminalität im Bundeskriminalamt (BKA). „Allein im vergangenen Jahr wurden hundert falsche Polizisten verhaftet, heuer bis Mitte Februar schon 16“, erklärt Manuel Scherscher. 2023 gab es 1.305 angezeigte Betrugsversuche durch falsche Polizisten, in denen es aber zu keinem Schaden kam. In 299 Fällen waren falsche Polizisten aber erfolgreich. „Die Schadenssummen sind hier relativ hoch. Wir sprechen meist von einem fünfstelligen Eurobetrag.“ Manchmal geht der Schaden auch in die Millionenhöhe. Insgesamt haben falsche Polizisten im vergangenen Jahr einen Schaden von 23 Millionen Euro angerichtet.

Eine ihrer Maschen sind „Schockanrufe“. „Es wird erzählt, die Tochter oder der Sohn hatte einen Unfall und jemand kam dabei schwer zu Schaden.

Nun muss eine Kaution bezahlt werden, um eine Festnahme zu verhindern.“ Mittäter, meist falsche Polizisten, holen das Geld dann ab.

Nahe Verwandte werden von Telefonbetrügern oft ins Spiel gebracht oder vorgetäuscht. „Betrüger recherchieren etwa über Partenzettel im Internet. Oft wird auch einfach ins Blaue geraten.“ Alarmierend ist, dass Betrüger auch auf künstliche Intelligenz (KI) zurückgreifen. Durch sie können etwa die Stimmen von Enkelkindern imitiert werden. Immer Saison haben auch falsche Neffen, die bei Senioren anrufen, weil sie dringend Geld brauchen. Ein anderes Mal sind es falsche Bankmitarbeiter, die Konto-Zugangsdaten entlocken. Eine 67jährige Salzburgerin aus dem Lungau verlor so
€ 60.000,–. Senioren geraten besonders ins Visier der Betrüger. „Sie suchen im Telefonbuch gezielt nach älter klingenden Namen, die nicht mehr oft vorkommen.
Angerufen wird aus dem Ausland mit einer heimischen Wertkarte. Die Leute glauben dann, es sei ein Telefonat aus dem Inland.“ Auch über das Internet ist es möglich, eine heimische Rufnummer vorzutäuschen. Das nennt sich „spoofing“ und soll ab Herbst unterbunden werden, erklärt die Rundfunk- und Telekom-Regulierungsbehörde (RTR).

Kriminelle Callcenter in Polen, der Türkei und in Asien


Die Anrufer sitzen etwa in Polen, in der Türkei oder irgendwo in Asien. „Kürzlich wurde in Neu-Delhi (Indien) ein betrügerisches Callcenter ausgehoben.“ Auch in Polen klickten vor Kurzem die Handschellen.

Gemeinsam mit polnischen Spezialkräften wurde ein kriminelles Callcenter gestürmt. Bei so einem Einsatz „scheppert es richtig“, verrät Manuel Scherscher. „Türen werden gerammt oder gesprengt, und es muss alles schnell gehen.

Denn es könnten Beweismittel wie Handys vernichtet werden.“
Manuel Scherscher verrät, dass kriminelle Telefonate von Kriminalisten teils in Echtzeit abgehört werden. Die Aufklärungsrate bei der Falsche-Polizisten-Masche „Einbruch befürchtet“ liegt bei rund 80 Prozent, bei der Betrugsmasche „Schockanruf“ bei rund 20 Prozent.

Wenn Geld erst einmal an Betrüger übergeben ist, sei die Chance, es wiederzusehen, dennoch schlecht. „Auch weil die Beweisfrage im Nachhinein schwierig ist.“

Da es sich um organisiertes Verbrechen handelt, ist höchste Vorsicht geboten. „Es sind Berufsverbrecher, auf keinen Fall sollten Sie den Helden spielen und versuchen, Geldabholer dingfest zu machen.“ Wer es sich zutraut, kann die Betrüger am Telefon halten und nebenher die Polizei informieren. Aber in der Regel gilt: „Legen Sie einfach auf.“


Nur acht Prozent der Opfer erstatten eine Anzeige

Weit verbreitet sind auch „Phishing-Attacken“. Dabei fischen Betrüger nach Passwörtern, indem Internetseiten gefälscht werden, etwa von Banken, dem Finanzamt oder der Post. „Die Seiten schauen täuschend echt aus“, mahnt Scherscher.
Sie sind aber an der Internetadresse zu erkennen, die sich von der echten deutlich unterscheidet. Auf die Seiten gelockt wird auch über SMS-Nachrichten. „Klicken Sie auf keinen Fall Links an, die ihnen per SMS zugesendet werden.“

Gewarnt wird auch vor dem „Microsoft-Trick“. Dabei versuchen falsche Softwarefirmen-Mitarbeiter, Zugriff auf den Computer zu erlangen. Über Anrufe oder Warnhinweise auf dem Computer wird vorgegaukelt, dieser sei von Viren befallen oder es brauche eine neue Version des Betriebssystems.

Vorsicht bei Anrufen mit unbekannter oder unterdrückter Rufnummer

Installiert werden dann aber Schadprogramme. In falscher Sicherheit sollte sich niemand wiegen. „Es kann jedem passieren. Man braucht nur kurz nicht aufpassen.“

Laut einer Studie des Kuratoriums für Verkehrssicherheit (KfV) bekommt hierzulande jeder Fünfte häufig Anrufe von unbekannten oder unterdrückten Rufnummern. Etwa ein Drittel hebt zumindest hin und wieder auch ab.
Nur acht Prozent der Opfer machen bei Telefonbetrug eine Anzeige.

„Leichteres Spiel haben Kriminelle auch deshalb, weil noch immer ein Fünftel der über 50jährigen mit der privaten Festnetznummer im Telefonbuch steht und fast ein Drittel mit der Handynummer“, erklärt ein
Sprecher.
rb
„Erkennst Du mich denn nicht?“

Neffen- und Nichtentrick:

Formulierungen wie „Rat einmal, wer da spricht!“ oder „Erkennst du mich denn nicht?“ sollten stutzig machen.

Datendiebstahl: Vorsicht bei WhatsApp, SMS und E-Mails von unbekannten Absendern. Klicken Sie nicht auf unbekannte Links, öffnen oder installieren Sie keine unbekannten Dateien und Programme.

Unverlangte Werbeanrufe: Legen Sie einfach auf. Lassen Sie sich nicht belästigen.

Lockanrufe läuten nur ein Mal, damit Sie zurückrufen. Unter drücken Sie Nummern von lästigen Anrufern und rufen Sie unbekannte Nummern aus dem Ausland nicht zurück.

Klären Sie vor allem ältere
Verwandte über Telefonbetrug auf.

Falsche Polizisten: Echte Polizisten holen niemals Geld, Schmuck oder dergleichen ab.
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