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Ausgabe Nr. 04/2023 vom 24.01.2023, Foto: Philipp Lipiarski / www.lipiarski.com
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Das nachgebaute Wohnhaus Claude Monets in der Marx-Halle in Wien.
Der Lichtmaler in neuem Licht
Die Ausstellung „Monets Garten“ lässt Besucher im wahrsten Sinne in die Werke eines der größten Künstler des vergangenen Jahrhunderts eintauchen. Rauschende Farbwelten verwandeln Illusion in Realität. Mittels Technik wird das Schaffen des berühmten Lichtmalers Claude Monet fühlbar und spürbar in Szene gesetzt.
Die prachtvollen Seerosen haben mich schon immer begeistert“, sagt Kamile. Fasziniert steht die 47jährige Wienerin vor einem der Werke des französischen Malers Claude Monet, dessen Leidenschaft der Landschafts- und Lichtmalerei galt. Zunächst wirkt das Bild an der Wand wie ein Foto des Originalgemäldes. Plötzlich lösen sich die Seerosen in zig-tausende rote kleine Striche auf. Sie verschmelzen mit dem tiefen Blau des Wassers und Grün der Blätter. Das Bild „bewegt“ sich als Farbstrudel von links nach rechts und schwappt fast in den Raum hinein.

In Monets Gemälde eintauchen
„Es ist, als würde mein ganzer Körper mit dem Bild verschmelzen“, beschreibt Kamile das Gefühl. „Immersiv“ wird dieser Effekt genannt. Mittels Projektion auf dreidimensionale Objekte taucht der Betrachter in eine Illusion aus Bild und Ton ein. Gespannt spaziert sie weiter, neugierig darauf, was sie im lilafarbenen Haus mit den grünen Fensterläden erwartet. Das Haus sieht so aus wie jenes in Monets berühmter Gartenlandschaft im französischen Dorf Giverny in der Normandie. Für die Ausstellung „Monets Garten“ in der Marx-Halle in Wien wurde es ebenso nachgebaut wie die japanische Holzbrücke und der Teich, der nicht echt, sondern eine Projektion mit schwimmenden Seerosen ist.

Im Inneren des Hauses muss Kamile schmunzeln. Ein Bub läuft vor einem der bewegten Monet-Bilder hin und her, reißt die Arme in die Höhe und dreht sich im Kreis. Das Bild reagiert auf ihn. Bei jeder Bewegunge wirbeln kleine Striche umher. Was Kamile dazu bewegt, auch ein Tänzchen vor dem Bild zu wagen und dabei in die Gemälde einzutauchen. Nach so viel Gymnastik gönnt sie sich eine Pause. Sie begibt sich auf den Plastik-Rasen, auf dem Lavendel und Rosen, ebenfalls aus Plastik, „erblühen“. Auf einer Bank sitzt ein Ehepaar, mit dem Kamile ins Gespräch kommt. Auch sie sind von der modernen Form des multimedialen Kunstgenusses begeistert.

„Die Zeit ist wie im Flug vergangen“, meint die Wienerin und schaut auf die Uhr. „Etwas mehr als zwei Stunden bin ich nun hier, den Film möchte ich noch sehen“, sagt sie zu den beiden auf der Bank. Untermalt von Fotos an den Wänden und auf dem Boden, erhält sie Einblick in das Leben des Künstlers.
Am 14. November 1840 in der französischen Hauptstadt Paris geboren und mit 86 Jahren, zu dieser Zeit ein biblisches Alter, gestorben, wird Claude Monet mit Mohnblumenfeldern, dem „flackernden“ Malstil und den riesigen Seerosenbildern verbunden. Gut vermarktet, finden sich diese Motive auf Taschen, Postkarten und Kunstdrucken.

Schon als Schüler machte Monet durch seine entzückenden Karikaturen auf sich aufmerksam. Bei Eugène Boudin, dem großen Maler des Meeres der Normandie, lernt er, in den Himmel zu blicken und dabei die Luft und die Wolken zu malen. Zu jener Zeit, als in Paris ein Mann das Volk empörte, dessen Name manchmal mit seinem verwechselt wird: Manet. Édouard Manet (1832–1883) löste mit seinem Akt-Gemälde „Olympia“ einen der größten Skandale der Kunstgeschichte aus. Ein ähnliches Aufsehen, allerdings nicht mit entblößten Frauen, sondern mit Landschaften, wollte Monet erregen. Nach seinem Grundsatz „Das Motiv ist nie, was es ist, sondern was das Licht aus ihm macht“, setzte er sich mit allen Sinnen dem Licht und der Natur aus.

Manet wie Monet, beide gelten als Wegbereiter der modernen Kunst, wurden vom offiziellen „Pariser Salon“ ausgeschlossen.
Ihre malerischen Revolutionen zeigten sie gemeinsam im Jahr 1874. In der Ausstellung hing Monets in Nebel und Dampf gehüllte Ansicht des Hafens von Le Havre.

„Es gibt keine Wahrheit mehr“
Der Maler nannte sie „Le Havre, Impression, Sonnenaufgang“. Der Titel des Bildes gab einer neuen Kunstbewegung, und zwar dem Impressionismus, ihren Namen.
Der Meister des Impressionismus glaubte nicht daran, dass es eine Abbildung der Wirklichkeit gibt, die gültig ist. Er erkannte in der Natur, dass Licht jeden Gegenstand verändert. „Es gibt keine Wahrheit mehr, es gibt nur noch Versionen“, war Monets bahnbrechender Ansatz. Den flüchtigen Erscheinungen der Natur versuchte der Künstler in der Malerei Dauer zu verleihen. In seinen späten Jahren ließ Monet die Natur und die Kunst zu einem sogenannten „vegetativen Kontinuum“ verschmelzen.

In den aus Japan importierten Seerosen, für die er große Teiche anlegte, entdeckte der „Lichtmaler“ sein wichtigstes Motiv, das er wie besessen in Malerei umsetzte. Die auf dem Wasser schwimmenden Seerosen verewigte er in lilagrünen Farbwelten.

Er starb in seinem „schönsten Kunstwerk“
Seine „letzten Seerosen sind pure Abstraktion von Licht“, sagt Hugues Gall, Leiter der Stiftung, die das Haus und den Garten der Familie Monet in Giverny verwaltet. Monets Glück war vollkommen, als er sich den Traum vom Wassergarten mit Seerosenteich erfüllte.

Am 5. Dezember 1926 starb Claude Monet in seinem „schönsten Kunstwerk“, dem Garten in Giverny. Sein Ruhm beruht darauf, dass ihm eine zentrale Revolution des Sehens und Wahrnehmens zu verdanken ist. Der Impressionist hingegen betonte immer wieder den Satz: „Alle tun so, als würden sie meine Kunst verstehen. Dabei muss man sie gar nicht verstehen, sondern nur lieben.“ Wer Lust auf eine Kunstausstellung der etwas anderen Art hat, kann bis einschließlich 5. März 2023 in der Marx-Halle in Wien in „Monets Garten“ spazieren gehen.
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