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Ausgabe Nr. 44/2022 vom 01.11.2022, Foto: YARA NARDI / REUTERS / picturedesk.com
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Giorgia Meloni, 45, ist die erste Regierungschefin Italiens.
„Ich mag es, mich mit Männern zu messen“
Giorgia Meloni will als „der“ Ministerpräsident angesprochen werden. Sie ist für weniger Einwanderer und die „natürliche Familie“, gegen Abtreibung und glaubt an Engel.
Ihr Programm fasste Giorgia Meloni schon vor drei Jahren zusammen. „Ich bin Giorgia, eine Frau, eine Mutter, Italienerin, Christin“, rief sie ihren Anhängern bei einer Wahlkampf-Veranstaltung entgegen.
Jetzt ist die 45jährige Römerin die erste Frau an der Spitze einer italienischen Regierung. Es ist die am weitesten rechts stehende seit 1946. Ihre Partei „Fratelli d‘Italia“ (Brüder Italiens) hat Wurzeln in einer Bewegung, die von ehemaligen Anhängern des faschistischen Regimes gegründet wurde. Sie selbst bezeichnet sie als „selbstbewusste Mitte-rechts-Partei“. Vom „Gendern“ hält sie nichts, sie will als „der“ Ministerpräsident angesprochen werden.

In die Wiege wurde ihr die Politik-Karriere nicht gelegt. Der Vater war Steuerberater, er verließ die Familie, als Giorgia ein Jahr alt war. Mutter Anna brachte die Familie mit dem Schreiben von Liebesromanen durch. „Meine Mutter wurde, als sie mit mir schwanger war, gedrängt abzutreiben. Sie hat sich in letzter Sekunde anders entschieden“, erzählt Meloni in ihrem Buch „Io sono Giorgia“ (Ich bin Giorgia). Nach der Geburt am 15. Jänner 1977 kam der Vater „nicht zum Spital, um sie und mich abzuholen“.
Mit elf Jahren besuchte sie ihn das letzte Mal in Spanien. „Der Vater hatte uns gesagt, sinngemäß, dass er nicht viel von uns hält.“ Inzwischen ist er verstorben. Mitte der 90er fasste er wegen Drogenhandels neun Jahre Haft aus.

„Ich wurde gemobbt, das hat mich stark gemacht“
Meloni urteilt hart über ihn. „Einer der einfach verschwindet, hinterlässt bei seinen Kindern eine größere Verletzung als einer, der stirbt.“ Trotzdem seien sie und ihre Schwester Arianna, 47, „glückliche Kinder“ gewesen. Mutter und Schwester seien „die beiden Menschen, die alles von mir wissen, die ich auch immer wieder um Rat frage“.
Mit 15 Jahren trat sie der Jugendbewegung des „Movimento Sociale Italiano“ (Italienische Sozialbewegung), einer neofaschistischen Partei, bei. Es war die Ermordung des Mafia-Jägers und Richters Paolo Borsellino 1992, die sie in die Politik trieb. „Ich wollte handeln und ich habe mich in der Gruppe schnell wohlgefühlt.“ Giorgia hängte Plakate auf, debattierte, wollte die Welt verändern.

Bis zu ihrem 14. Lebensjahr war sie verschlossen. „Meine Oma hat mich ohne Ende gefüttert, für sie war ich immer zu dünn. Bald war ich zu dick.“ Die Mutter hatte ihr zudem noch eine „unmögliche Kurzhaarfrisur“ verpasst. „Für die Kameraden draußen war ich ein gefundenes Fressen, denn Kinder sind nicht politisch korrekt. Ich wurde gemobbt, aber das hat mich dann stark gemacht.“ Mit einer Diät verlor sie 13 Kilo in drei Monaten, sie machte viel Sport. Die Narbe blieb. „Über mein Alter kann man mich immer fragen, nach meinem Gewicht niemals“, sagt sie.

In ihrem Buch schildert sich Meloni als Frau mit Durchhaltevermögen. „Die Tatsache, dass ich eine Frau bin, hat mich nie gehindert voranzukommen.“ Sie habe genug Kämpfe gegen Vorbehalte ausgefochten, heute fürchte sie sich „vor niemandem“. Auch wenn sie sich immer noch oft fragt, ob sie gut genug sei.

„Nicht selten als Jungmutter und Politikerin geweint“
Von einer Frauen-Quote hält sie nichts. „Die gleichwertigen Chancen sollten vom Beginn an gewährleistet sein, dann kristallisiert sich der oder die Beste heraus.“ Und, „ich mag es, mich mit Männern zu messen, vielleicht hat mir meine tiefe Stimme auch dabei geholfen.“
Giorgia Meloni will eine Gesellschaft, „in der Frauen frei wählen können, ob sie als Mutter zu Hause bleiben oder arbeiten möchten“. Sie selbst hat Kind und Karriere. „Ich habe nicht selten als Jungmutter und Politikerin geweint, weil ich so erschöpft war.“ Meloni war 39 Jahre alt, als Tochter Ginevra zur Welt kam.

„Ich fühle mich schuldig, dass ich Ginevra kein Geschwisterchen geben kann, und damit eine Bindung wie ich sie zu meiner Schwester habe“, meint die Parteichefin in ihrem Buch.
Mit dem Vater der sechsjährigen „Gigi“ lebt die Regierungschefin in „wilder Ehe“. Andrea Giambruno, 41, ist Fernsehjournalist bei Silvio Berlusconis Medienimperium Mediaset. Sie habe einen „Feind zu Hause“, hat Meloni schon gescherzt. „Wir streiten über Schwule, ethische Fragen, die Legalisierung weicher Drogen.“ Er konterte vor Kurzem, nur weil er zum Teil eine andere Meinung habe, sei er noch lange kein Linker.

„Ich bin Herr Meloni und ich bin stolz darauf“, erklärte er einmal in einem Interview. Aber Giorgia habe auch Schwächen, etwa „ihren pathologischen Ordnungsfimmel“.
Verheiratet sind die beiden nicht, auch wenn sich Meloni als Christin definiert. „Ich glaube an Engel und an meinen Schutzengel. Die Stimme, die in uns und mit uns spricht, ist unser Schutzengel. Ich spreche immer mit meinem, frage ihn, erzähle ihm.“

Sie steht an der Seite der NATO gegen Russland
Für Tochter „Gigi“, die den Nachnamen Giambruno wie der Vater trägt, halte sie sich immer Samstag oder Sonntag frei, schrieb sie im Vorjahr. Unter der Woche mache sie alles, „um am Abend bei meiner Tochter zu sein und sie ins Bett zu bringen“. Doch das war, bevor sie Regierungschefin wurde.
Die Partei, bei der sie als Jugendliche andockte, ging später in der „Alleanze Nazionale“ (Nationale Allianz) auf. Deren Parteichef Gianfranco Fini distanzierte sich deutlich vom Faschismus.

Meloni war mit 31 Jahren Jugend- und Sportministerin, die jüngste Ressortchefin Italiens. 2012 wurde sie Mitbegründerin der „Fratelli d‘Italia“. Jetzt ist die Partei mit 26 Prozent die mit Abstand stärkste Kraft in unserem Nachbarland.

Giorgia Meloni, die außenpolitisch an der Seite der NATO und hinter der militärischen Unterstützung für die Ukraine steht, will Italien verändern. Sie will weniger Einwanderung, vor allem aus Afrika, einen harten Kurs gegen Kriminalität. Sie ist gegen ein Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare und Abtreibung, aber für die „natürliche Familie“, die aus Mann und Frau besteht.

Berlusconi: „Rechthaberisch, arrogant, beleidigend“
Melonis Koalitionspartner haben ihr schon vor dem Regierungsantritt das Leben schwergemacht. „Rechthaberisch, arrogant, beleidigend, lächerlich“ sei sie, schrieb der 86jährige Silvio Berlusconi, Chef von „Forza Italia“ (Vorwärts Italien) Mitte Oktober in einer Notiz über sie. Meloni zeige „keine Bereitschaft zur Veränderung, sie ist eine, mit der man nicht auskommt“. Mittlerweile haben sich die Wogen geglättet. Seine Partei hat in der Koalitionsregierung den Außenminister-Posten bekommen.

Auch Lega-Chef Matteo Salvini, der zweite Regierungspartner in der rechtspopulistischen Regierung ist vorerst zufriedengestellt. Er hat das Innenministerium nicht wieder bekommen, das er schon einmal geführt hat. Aber er ist Vizeregierungschef und Infrastrukturminister.
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