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Ausgabe Nr. 38/2022 vom 20.09.2022, Foto: mauritius images / Michaela Walch
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Aufregung um eine tote Gams.
Aufregung um eine tote Gams
Das Jagen von Tieren in einem Vorarlberger Naturschutzgebiet sorgt für Aufsehen. Und zieht ein Strafverfahren nach sich.
Die Jagd ist hierzulande umstritten. Tierschützer kritisieren, dass nur des Tötens willen gejagt wird, Jäger wiederum argumentieren, der Abschuss sei nötig. Ohne Jäger würden Rehe und Hirsche den Wald auffressen und Wildschweinhorden die Felder verwüsten. Ohne Jäger würden die Wildtiere überhandnehmen.

Verwaltungs-Strafverfahren gegen Jäger eingeleitet
Nun sorgen zwei Waidmänner aus Deutschland für Aufregung. Denn sie erlegten in einem Naturschutzgebiet auf dem Berg Kanisfluh (2.044 Meter) eine Steingeiß, also einen weiblichen Steinbock, flogen das erlegte Tier dann mit dem Hubschrauber ins Tal und prahlten mit ihrer Jagd im Internet.

Das Ungewöhnliche daran ist, dass die beiden Jäger ein 250 Hektar großes Revier Wirmboden-Kanisfluh nahe Bregenz in Vorarlberg für rund 14.000 Euro pro Jahr gepachtet haben. Der Abschuss also rechtens ist, was Tierschützer ärgert. Dies dürfe in einem Naturschutzgebiet nicht sein.

Anfang August stiegen die beiden Jäger mit einem Jagdfilmer und zwei Bergführern den Berg hinauf, lagerten dort und schossen am nächsten Tag die drei Jahre alte Geiß ab. Sie fiel 50 Meter in die Tiefe. Wenig später schwärmte der deutsche Jagdfilmer Rouven Kreienmeier vor der Kamera: „Riesengroße Freude und Erleichterung nach dem Schuss.“ Er verbreitete das Video auf der Internetplattform Instagram. Die Gruppe barg die tote Geiß und ließ sich mit ihr ins Tal fliegen.

Die Bezirkshauptmannschaft in Bregenz leitet nun gegen die Jagd-Teilnehmer ein Verwaltungs-Strafverfahren ein. Geprüft wird nicht wegen der Jagd selbst, sondern wegen des Übertretens von Maßnahmen in einem Naturschutzgebiet.

„In unserem Land ist der Lobbyismus der Jäger stark“
Denn das Team hat verbotenerweise auf der Kanisfluh übernachtet und eine Drohne für Aufnahmen sowie einen Hubschrauber zum Abtransport der Geiß genutzt. Das Bergmassiv Kanisfluh wurde 2020 unter Landschaftsschutz gestellt. Das heißt, es gibt gewisse Verbote in diesem Bereich. Unter anderem sind Drohnen- und Hubschrauberüberflüge in einer Höhe von weniger als 300 Metern verboten. Noch ist unklar, mit welchen Strafen die Jäger rechnen müssen. Doch selbst unter heimischen Jagdkollegen sind Abschüsse in einem derart geschützten Raum umstritten.

„Rein aus jagdlicher Betrachtung lehnen Jäger grundsätzlich aktive Jagd in solchen speziellen Lebensräumen ab. Umso mehr, weil mit diesen Aufzeichnungen Geldleistungen in erheblichem Umfang eingefahren werden. Solchen Geschäftemachereien wollen wir als örtliche Jäger klar eine Absage erteilen“, meint der Bregenzer Bezirksjägermeister Hans Metzler.

Auch der Tierethiker Prof. Dr. Rudolf Winkelmayer, 67, ist über das Vorgehen der Jäger entsetzt. „Ein junges Tier in seinem Rückzugsgebiet zu jagen, ist an Perversität nicht mehr zu überbieten. Noch dazu in einem Naturschutzgebiet. Aber in unserem Land ist einfach der Lobbyismus der Jäger so stark, dass es anscheinend gleichgültig ist, wo Tiere abgeknallt werden“, sagt Winkelmayer, der in seinem neuesten Buch „Ein Beitrag zur Jagd- und Wildtier-Ethik“ unter anderem Beispiele aufzeigt, wie sinnvoll Naturschutzgebiete sein können.

„So wurde der Schweizer Nationalpark im Engadin bereits 1914 gegründet und ist mit einer Fläche von 170 Quadratkilometern das größte Wildnisgebiet der Schweiz. Die dort lebenden Tiere sind ebenso streng geschützt wie die Pflanzen und Lebensräume. Wege dürfen nicht verlassen, Blumen nicht gepflückt oder Wiesen gemäht und Bäume gefällt werden.

Dafür können sich Besucher an Steinböcken, Hirschen, Gämsen, Murmeltieren, Rehen, Schneehasen und Vögeln wie dem seit 1991 wieder im Park angesiedelten Bartgeier erfreuen und diese Tiere aus geringer Entfernung beobachten, weil sie aufgrund des fehlenden Bedrohungspotenzials ihre Scheu verloren haben.“
Die Mär vom Jäger als Naturschützer hält Prof. Winkelmayer für längst überholt. Seiner Ansicht nach haben wissenschaftliche Studien die Selbstregulierungsfähigkeit der Natur längst belegt. „Ökosysteme regulieren sich grundsätzlich selbst. Vereinfacht ausgedrückt: Ist ausreichend Nahrung, Deckung und Brutmöglichkeit vorhanden, wachsen die Tierbestände. Damit steigt auch der Bedarf an Nahrung. Wenn in der Folge das Nahrungsangebot nicht mehr ausreicht, sinken die Tierbestände wieder.

Wissenschaftlichen Studien zufolge kann eine intensive Bejagung jedoch zum Anwachsen von Populationen führen. Die Jagd zerstört nicht zuletzt Familienverbände und Sozialstrukturen, sodass sich einige Tierarten, losgelöst von ihrem natürlichen Fortpflanzungsrhythmus, unkontrolliert vermehren.“
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