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Ausgabe Nr. 37/2022 vom 13.09.2022, Foto: Mario Sudy, mail@mariosudy.com
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Auch Bärte werden von den Engeln gestutzt. Der Vereins-Präsident Alexander Mayr stellt an den Wochenenden unentgeltlich sein Können in den Dienst der guten Sache.
Die Engel mit Kamm & Schere
Der Verein „Barber Angels“ verschließt nicht Augen und Scheren vor der allgegenwärtigen Armut vor unserer Haustür. In ihrer Freizeit besuchen Friseure Obdachloseneinrichtungen sowie Frauen- und Seniorenwohnheime und verpassen allen einen gratis Haarschnitt.
Zwei Mal im Monat zieht sich Alexander Mayr seine schwarze Lederweste an. Und zwar dann, wenn der 40jährige als Engel in besonderer Mission im Einsatz ist. Denn gemeinsam mit anderen „Barber Angels“ (dt.: Friseur Engel) hat er einen Auftrag: Haare schneiden – kostenlos.

„Wir sind eine Gruppe von Friseuren, die in ihrer Freizeit an den Wochenenden quer durch unser Land fährt und kostenlos bedürftigen Menschen Haare und Bärte schneidet. Wir bieten unsere Dienste in Obdachloseneinrichtungen, Männer- und Frauenwohnheimen, Kinderheimen oder auch Notschlafstellen an. Also überall dort, wo es Menschen gibt, denen es nicht so gut geht und die aus verschiedensten Gründen Hilfe benötigen. Unsere schwarze Kleidung hat aber absolut nichts mit rockig oder Motorrad-Klubs zu tun. Es geht darum, ein einheitliches Auftreten zu haben und gleichzeitig auch Berührungsängste bei unseren Kunden abzubauen“, sagt Mayr, der seit Gründungsbeginn im März 2018 beim sozialen Friseurverein „Barber Angels Brotherhood Austria“ engagiert ist. Seit Mai 2019 ist er dessen Präsident.

Derzeit kümmern sich 53 Engel um Haare und Bärte
An diesem Sonntag ist er wieder unterwegs. Der Himmel in Villach (K) ist bewölkt. Doch bei der Westbahnhoffnung, einem privaten Verein, der Menschen in Not hilft, lässt Mayr mit seinen Kolleginnen und Kollegen bald Gesichter strahlen.
Die ersten Kunden lassen nicht lange auf sich warten. Eine 65jährige Pensionistin freut sich sehr über das Angebot. „Ein Friseurbesuch kostet viel Geld. Ich habe mir schon seit mehr als drei Jahren die Haare nicht mehr schneiden lassen, weil mich das 40 Euro pro Friseurbesuch kostet. Das ist Geld, das ich nicht habe.“

Dabei heißt es immer: Ein neuer Haarschnitt, ein neues Selbstbewusstsein, ein neuer Anfang. Doris Wielscher weiß, dass dies zutrifft. „Jeder Mensch hat das Recht, sich wohl zu fühlen und wertgeschätzt zu werden. Und genau das ist unsere Mission. Wir möchten Gutes tun. Wir begegnen Menschen auf Augenhöhe, ohne zu hinterfragen. Wir möchten, dass sich unsere Kunden wohl fühlen, ihre Sorgen vergessen und neue Kraft, neuen Mut und neues Selbstvertrauen mit einem neuen Haarschnitt schöpfen. Ich bin bei den ,Barber Angels‘, weil es jederzeit Engel auf Erden braucht und ich gerne einer davon bin. Dafür setze ich mit Freude mein Können ein“, sagt die 45jährige Friseurin aus Kärnten.

Derzeit gibt es 53 Mitglieder, die im ganzen Land verteilt sind. Nicht alle sind vom Fach, es gibt auch die sogenannten Orga-Engel, die sich um die Organisation sowie Abläufe kümmern. „Für einen Schneide-Engel ist eine fundierte Friseurausbildung notwendig, für einen Orga-Engel gibt es keine bestimmten Voraussetzungen. Leider wurden auch wir durch Corona fast zwei Jahre gebremst, dafür geht es jetzt mit umso mehr Elan weiter. Bisher haben wir bei 45 Einsätzen etwa 1.960 Kunden betreut“, erklärt Präsident Mayr, der zwei Geschäfte führt. Einen Standort seit 2011 in Kirchdorf an der Krems (OÖ) und einen zweiten Standort seit September 2019 im 11. Bezirk in Wien.

Zum Einsatz gerufen werden er und seine Engel von Organisationen vor Ort in den Bundesländern. Je nach Aufwand rücken einmal mehr und einmal weniger fleißige Hände mit Kamm und Schere aus. „Wenn zwischen fünf und zehn Kunden eine neue Frisur haben wollen, schicken wir nur zwei bis drei Engel hin. Wir hatten aber auch Einsätze, bei denen wir mit 20 bis 25 Engeln unterwegs waren und bis zu 80 Personen einen neuen Haarschnitt verpasst haben.“

Jeder Schnitt verleiht ein bisschen mehr Würde
Ob das nun in einem Innenhof oder im Garten ist. Es genügt ein Platz, um Sessel für die Kunden aufstellen zu können, dazu ein Tischchen für die Utensilien der freiwilligen Helfer, denen aus Zeitgründen und den Umständen geschuldet gewisse Tätigkeiten aber nicht möglich sind. Dazu gehört das Färben der Haare.

Finanziert werden derartige Einsätze des Vereines der „Barber Angels“ ausschließlich durch Spenden (Spendenkonto: AT33 2032 0321 0059 9823, Sparkasse Oberösterreich). Und natürlich aus der eigenen Tasche. Aufgrund des steigenden Zuspruches suchen die „Barber Angels“ dringend Verstärkung. Wie die Zukunft aussehen soll, formuliert der Präsident so: „Unser Ziel ist es, eine Vereinsgröße zu erreichen, dass sich jedes Bundesland selbst bedienen kann und somit auch der Reiseaufwand und die Kosten der Mitglieder dadurch verringert werden. Je mehr aktive, schneidende Mitglieder wir haben, um so mehr Termine können wir wahrnehmen.“

Und Dank entgegennehmen. „Es ist ein besonderer Moment, wenn sie in den Spiegel schauen und die Veränderung sehen. Dann weiß ich, ich habe Menschen ihre Würde und ihr Selbstwertgefühl zurückgegeben“, sagt Mayrs Kollegin Manuela Schweighofer, 51, aus Vorarlberg.
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