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Ausgabe Nr. 35/2022 vom 30.08.2022, Foto: Valentina Verdesca
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Margrit Stamm, 72, war als Professorin für Erziehungswissenschaften an der Universität Freiburg (Schweiz) tätig. Derzeit leitet sie ein Bildungsforschungs-Institut.

In ihrem neuen Buch „Angepasst, strebsam, unglücklich“ (Verlag Kösel, ISBN 978-3-466-37285-0) geht es um die Hochleistungs-Kultur an unseren Schulen und wie Kinder darunter leiden. „Es ist ein Debattenbuch, kein Erziehungs-Ratgeber“, sagt sie darüber.
„Die Kinder stehen unter Dauerstrom“
Unsere Hochleistungs-Gesellschaft macht auch vor der Schule nicht halt. Das Ergebnis sind überforderte Kinder im Dauerstress. Wir sollten unser Bildungssystem ändern.
Frau Prof. Stamm, was sind Überleister?
Überleister sind Kinder mit normalen Fähigkeiten, die höhere schulische Leistungen, bessere Noten erbringen, als man eigentlich von ihnen erwarten würde. Die Erfolge, die sie erringen, basieren meistens auf hohen Anstrengungen und auf viel Ehrgeiz vor allem aufgrund des hohen Leistungsdrucks. Das Gegenteil sind die sogenannten Minderleister, die sind viel bekannter. Das sind begabte Kinder, die schlechte oder durchschnittliche Noten haben und häufig faul sind. Ich habe mich in meinem Buch auf das Gegenteil konzentriert. Auf die Kinder, deren Leistungspotenzial ausgepresst wird.

Wie geht es diesen Schülern?
Die meisten haben enorme Selbstzweifel, wenig Selbstvertrauen und sie fühlen sich wie in einem Hamsterrad. Sie wissen, dass die Schule und die Eltern hohe Erwartungen an sie haben und dass sie sich nie ausruhen können. Sie müssen zu viel und zu oft hohe Leistungen erbringen und sitzen immer daran. Die Kinder stehen unter Dauerstrom.

Wie viele Kinder und Jugendliche
sind davon betroffen?
Das ist eine gute Frage: Wir haben im deutschsprachigen Europa keine Studien dazu. Überleistung ist hierzulande ein neuer Blickwinkel. Ich würde aus meiner Forschungserfahrung sagen, dass es vielleicht ein Drittel oder fast die Hälfte der Kinder ist, die Überleistungen bringt. Meine Kollegin Elsbeth Stern von der ETH Zürich (Schweiz) sagt, dass etwa 40 Prozent der Schülerinnen und Schüler im Gymnasium eigentlich überfordert sind.
Sie haben Nachhilfe, müssen mit den Eltern lernen …
Das Elternhaus steht ebenfalls unter Druck. Eltern wissen heute, dass man die Kinder unterstützen muss, dass die Schule das erwartet. Dann heißt es zuhause viel lernen, viel Hausaufgaben machen, die Kinder müssen immer die Leistungen im Blick haben. Das ist häufig auch außerschulisch so, in der Freizeit. Auch dort sind sie eingespannt, im Sport, in der Musik. Und auch dort sollen sie immer zu den Besten zählen.

Woher kommt dieser
Druck zur Überleistung?
Es heißt immer, überehrgeizige Eltern seien schuld an allem. Aber es ist das Bildungssystem, das ein Abbild unserer Hochleistungskultur geworden ist, das diese Überleister-Kultur enorm betont. Es sind die enorme Testkultur in den
Schulen sowie die Fokussierung auf die Noten. Damit verbunden ist die Akademisierung, weil heute sehr viele Berufe einen akademischen Abschluss voraussetzen. Und schließlich ist es auch der Optimierungszwang. Ein Kind lässt man heute kaum noch „wachsen“, sondern sucht sofort seine Defizite und spricht schnell die Eltern schuldig, die zu wenig zuhause sind, zu wenig fürs Kind tun. Diese gesamte Situation führt dazu, dass diese Überleister-Kultur heute in der Gesellschaft fast übermächtig geworden ist.

Nach dem Motto, wenn ich will, dass mein Kind ein
gutes Leben hat muss ich fast dafür sorgen, dass es
aufs Gymnasium geht?
Das Gymnasium ist zu einem Statussymbol geworden, vor allem der gut gebildeten Mittelschicht, und derjenigen, die selbst aufgestiegen sind. Dieser Druck, ins Gymnasium zu gehen, beginnt manchmal schon im Kindergarten. Wir haben viele Anrufe von Eltern, die fragen: „Welcher ist der beste Kindergarten, wie können wir die Laufbahn unseres Kindes begleiten, dass es dann sicher fürs Gymnasium reicht?“

Was wäre die Lösung?
Unsere Gesellschaft, die Bildungspolitik müsste dieses Hochleistungs-System thematisieren. Und nicht nur immer sich selbst aus der Kritik nehmen, das ist das Allerwichtigste. Und zweitens sollen Kinder so sein dürfen, wie sie sind. Sie müssen nicht immer glänzen, sie dürfen auch manchmal scheitern.

Wie müsste sich das
Bildungssystem ändern?
Wir müssen wegkommen von der alleinigen Ausrichtung auf die Noten. Die anderen Kompetenzen, die ein Kind für ein erfolgreiches Leben braucht, werden mehrheitlich ausgeblendet. Die Schule setzt Noten zu sehr mit Intelligenz gleich. Darum sind Eltern nur glücklich, wenn das Kind in der Schule erfolgreich ist. Es wäre wichtig, dass wir versuchen, den Kindern mehr Selbstvertrauen zu geben. Ihnen die Hartnäckigkeit mitzugeben, dass sie dranbleiben, auch wenn sie einmal scheitern, dass sie machen dürfen, was sie möchten, dass sie begeisterungsfähig sein dürfen, aber in den Bereichen, in denen sie gut sind. Wichtig ist auch die Frustrationstoleranz. Kinder müssen lernen, auch mit Niederlagen umzugehen. Eltern und Schule müssen sie mehr dabei unterstützen, wie sie mit Misserfolgen umgehen können. Denn Scheitern ist eine wichtige Lebenskompetenz.

Sie würden die Noten
aber nicht abschaffen?
Die Abschaffung der Noten ist eine hohe Vision. Ich bin etwas pragmatischer. Die Noten müssen in ihrer tunnelblickartigen Bedeutung relativiert werden. Nur so können Kinder ganzheitlicher und mit Blick auf ihr Potenzial wahrgenommen werden.

Drohen auf der anderen Seite nicht Kinder völlig
aus dem System zu fallen?
Die gibt es natürlich, aber wir haben sehr viele Auffangsysteme. Österreich hat ja auch ein durchlässiges Bildungssystem wie die Schweiz. Ich denke, dass diese Kinder, die teilweisescheitern, aufgefangen werden und manche vielleicht erfolgreiche Spätzünder sind. Deshalb ist wichtig, dass das Kind in seiner gesamten Persönlichkeit angenommen und nicht dauernd unter Druck gesetzt wird.

Ist diese Hochleistungs-Kultur in der Schule hausgemacht in unserem Bildungssystem oder schwappt das aus anderen Ländern zu uns über?
In den asiatischen Ländern ist es noch viel ausgeprägter. Dort ist die Überleistungskultur fassbar in ganz vielen Familien. In den USA besteht sie in Bezug auf den Zugang zu renommierten Universitäten. Bei uns ist es ein Trend, aber ein unübersehbarer. Die Eltern spüren, dass die Kinder wettbewerbsfähig werden müssen, und sie schleifen sie dann eben wie einen Diamanten, damit sie möglichst über dem Durchschnitt liegen. Damit hängen auch die enorm angestiegenen psychischen Probleme vieler Kinder zusammen. In unserer Gesellschaft verbinden wir diese psychischen Probleme immer nur mit dem Einzelfall, aber kaum mit dem Bildungssystem.
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