Jetzt anmelden
Ausgabe Nr. 29/2022 vom 19.07.2022, Fotos: martini naturfotografie
Artikel-Bild
Für das „Liebesherz“ hat sich das blau-schwarze „Hufeisen-Azurjungfer“-Männchen mit dem grün-schwarzen Weibchen vereinigt.
Artikel-Bild
Vom Ei zur fliegenden Libelle.
Ihr Leben vergeht im Flug
Alles, was zählt in ihrem kurzen Erwachsenenleben, erledigen Libellen im Flug. Sie jagen, fressen – und haben Sex. Menschen, die gerne Zeit am Wasser verbringen, haben die auffälligen Insekten sicherlich schon einmal selbst mit großer Bewunderung beobachten können.
Libellen mit ihren langen, dünnen Körpern und den großen Augen hatten in vergangenen Zeiten einen schlechten Ruf. Die Menschen hatten Angst vor ihnen, denn sie dachten, Libellen könnten stechen. Sieben Stiche sollten, so die gängige Meinung, einen Menschen töten. Darum wurden diese Insekten früher oft „Siebenstecher“ genannt. Zu Unrecht.

„Libellen haben gar keinen Stachel. Auch sonst sind diese Tiere für uns in keiner Weise gefährlich. Im Gegenteil. Sie halten eine Menge lästiger Gelsen von uns fern und sind schon allein deshalb schützenswerte Geschöpfe“, weiß der Schweizer Libellenforscher Hansruedi Wildermuth.
Schon vor 300 Millionen Jahren, lange bevor die ersten Di­nosaurier auftraten, jagten bereits riesi­ge Libellen mit Flügelspannweiten von 70 Zentimetern über die Sumpfgebiete. „Die Erd­geschichte wurde für diese Tiere zu einer Erfolgsgeschichte. Denn wäh­rend die Dinosaurier längst ausgestorben sind, haben die Libellen überlebt und zählen heute zu den spektakulärsten und größten Insekten der Erde“, sagt Wildermuth. Manche sind wie die „Feuerlibelle“ leuchtend rot und sogar blaue Tiere wie die „Gebänderte Prachtlibelle“ sind nicht selten.

Natürlich haben aber auch die Libellen gegenüber ihren Vorfahren kräftig abgespeckt. „Die größten heute lebenden Arten bleiben deutlich unter 20 Zentimeter Flügelspannweite“, so der Experte. Weltweit gehören schätzungsweise 7.000 Arten zur Ordnung der Libellen. Nur knapp 80 davon kommen auch in unserem Land vor. Dabei handelt es sich bei der typischen Libelle am Gartenteich meist um die acht Zentimeter große „Blaugrüne Mosaikjungfer“. Aber auch die „Königslibelle“ mit einer Flügelspannweite von bis zu elf Zentimetern sowie die „Gebänderte Prachtlibelle“ sind hierzulande häufig anzutreffen. Grundsätzlich ist Wasser ihr bevorzugter Lebensraum. Nicht nur um zu jagen. Sondern auch, um ins Leben zu kommen.

„40 Tage bis fünf Jahre dauert – je nach Art – das Leben als Larve im Wasser. Zwischen sieben und 15 Mal kriechen die Fressmaschinen dabei aus ihrem zu eng gewordenen Chitin-Panzer. Kurz vor der letzten Häutung nehmen die Tiere keine Nahrung mehr auf und stellen die Atmung auf Luftsauerstoff um. Etwa zu Beginn des Sommers klettern die Larven dann endgültig aus dem Wasser und krallen sich für die letzte Häutung an einer Pflanze fest“, berichtet Wildermuth. Danach bleiben ihnen noch vier bis sieben Wochen für die Fortpflanzung als ausgewachsenes Insekt, das sich in der Luft sogleich als jagender Kunstflieger entpuppt.

„Libellen können hubschraubergleich in der Luft stehen, aus dem Stand auf bis zu 50 km/h beschleunigen, abrupt abbremsen oder vereinzelt sogar rückwärts fliegen“, weiß der Fachmann. Was damit zu tun hat, dass eine Libelle jeden ihrer vier Flügel einzeln bewegen kann.
Die sechs Beine brauchen die Libellen hauptsächlich zum Festhalten beim Ausruhen und beim Beutefang. „Hierfür formen sie mit den Beinen einen Fangkorb, mit dem sie Fliegen oder Mücken im Flug ergreifen und mit ihren Mundwerkzeugen sogleich verputzen“, weiß der Experte.
Faszinierend und einmalig in der gesamten Insektenwelt ist aber auch ihr Paarungsverhalten.

„Im Flug hält das Männchen seine Geliebte mit seinem zangenartigen Hinterende am Kopf fest. Sie biegt ihren Hinterleib an seine Unterseite. So entsteht das ‚Paarungsherz‘, das von wenigen Minuten bis zu mehreren Stunden bestehen bleiben kann“, erzählt der Libellenforscher.
Danach löst sich das „liebende Herz“ wieder auf und die Tiere fliegen meist gemeinsam zur Eiablage. Ihr eigenes Leben ist nun zwar bald vorbei, doch ein neuer Libellen-Zyklus kann von vorne beginnen.
Weitere Inhalte dieser Ausgabe:
Ihre Meinung
Ihre Meinung ist uns wichtig.

Schreiben Sie Ihren Kommentar zu diesem Artikel, den wir dann prüfen und veröffentlichen werden.
Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar zu verfassen.
Werbung