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Ausgabe Nr. 29/2022 vom 19.07.2022, Fotos: photo 5000 - stock.adobe.com
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Der meiste Strom wird aus Wasserkraft erzeugt.
Knappes GAS macht STROM teuer
Gas wird immer knapper. Das hat Auswirkungen auf den Strompreis. Den bestimmt in der EU das teuerste Kraftwerk. Bei uns wird jetzt ein Stromrechnungs-Nachlass diskutiert. Die Schweiz geht einen anderen Weg.
Wladimir Putin dreht am Gashahn. Gas wird immer knapper und teurer. Und die Politiker in der EU scheinen überrascht zu sein, dass Putin den Sanktions-Spieß umdreht.
Das hat direkte Auswirkungen auf den Strompreis. Denn seit der Strommarkt-Liberalisierung im Jahr 2001 bei uns wird der Preis im Großhandel nach dem „Merit-Order“-Prinzip bestimmt. Der englische Begriff bedeutet übersetzt Reihenfolge der Leistung.

Der teuerste Strompreis bei Auktionen bestimmt im Großhandel den gesamten Preis. Dafür sind derzeit Gas-Kraftwerke verantwortlich, die benötigt werden, um die Stromverbrauchs-Spitzen abzudecken.
„Grundsätzlich sorgt dieses System dafür, dass die effizientesten und daher günstigsten Erzeugungsanlagen zum Einsatz kommen“, erklärt Wolfgang Urbantschitsch, einer der beiden Vorstände der Energie-Regulierungbehörde E-Control. Teurere und klimaschädlichere Krafwerke bleiben auf ihrem Strom sitzen. Anbieter von Energie aus Wind und Sonne fahren durch den Einheitspreis höhere Gewinne ein.

Tatsächlicher Strommix in der Schweiz
„Aber im Moment sehen wir, dass der Markt nicht mehr gut funktioniert, weil die Preise überhöht sind“, warnt Oliver Picek vom Momentum Institut. Das treibt die Teuerungsrate in die Höhe. Auf uns kommen Stromrechnungen zu, die doppelt so hoch oder noch höher sind.
Die Schweiz geht einen anderen Weg. Sie hat die Strommarkt-Liberalisierung nur teilweise mitgemacht.

Haushalte und kleine Unternehmen können den Stromanbieter nicht frei wählen. Das hat jetzt seine Vorteile.
„Da gibt es immer noch eine Preiskommission, bei der die lokalen Stromanbieter ihre Tarife einreichen müssen“, weiß Oliver Picek. „Eine Vorschrift ist, dass die Firmen den Haushaltskunden im Wesentlichen den tatsächlichen Strommix verrechnen. Wenn ein Anbieter viel Strom aus Wasserkraft erzeugt, der deutlich günstiger ist und dann noch zehn Prozent teuren Strom aus Gas-Kraftwerken dazukauft, darf er auch nur das verrechnen. Deswegen steigen die Strompreise viel weniger als bei uns.“ Das Modell schützt laut Picek Haushaltskunden vor extremen Preis-Anstiegen.

Der Großhandelspreis für Gas ist um das Dreifache höher als noch vor einem Jahr. Jener für Strom um das Zweieinhalbfache. „Die meisten Energieversorger haben langfristige Einkaufsverträge, deshalb wurden noch nicht alle Preissteigerungen an die Kunden weitergegeben“, erklärt Klaus Kraigher von der Österreichischen Energieagentur. „Aber es ist davon auszugehen, dass das über kurz oder lang passiert.“
Spanien und Portugal haben die Koppelung des Strom- und Gaspreises anders gekappt. Dort gibt es einen Preisdeckel für Gas, das zur Stromerzeugung eingesetzt wird. Den Unterschied zum Marktpreis schießt der Staat zu, also die Steuerzahler. Dadurch sinkt der gesamte Strompreis, was vor allem die Inflation bremsen soll.

Das Stromnetz auf der iberischen Halbinsel ist jedoch kaum mit dem europäischen Netz verflochten. Bei uns könnte ein solcher Gaspreis-Deckel dazu führen, dass der billige subventionierte Strom in andere Länder fließt. Und wir erst recht wieder teuren Strom einkaufen müssen.
Bei uns wird jetzt ein Stromrechnungs-Nachlass diskutiert. WIFO-Chef Gabriel Felbermayr hat eine „Deckelung“ bei der Abrechnung vorgeschlagen. Kunden könnten beispielsweise vier Fünftel des Bezuges zum Vorjahrespreis bekommen, für das letzte Fünftel jedoch den Marktpreis bezahlen. Das würde zum Stromsparen anregen.

Strom- und Gaspreis sind Wahlkampf-Thema
Etliche ÖVP-Landeshauptleute haben zuletzt von der Regierung einen Preisdeckel gefordert. In Niederösterreich wird spätestens Anfang nächsten Jahres gewählt. So wie auch in Kärnten und Salzburg. Tirol wählt schon im September. Am 9. Oktober steht die Hofburg-Wahl am Kalender. Wie die Politik die hohen Gas- und Strompreise bekämpft, wird überall ein Wahlkampf-Thema sein.
Bei einem generellen Preisdeckel müssten jedenfalls zwei Punkte beachtet werden, gibt Wolfgang Urbantschitsch von der E-Control zu bedenken. „Erstens fallen mit einer generellen Obergrenze für Strom- oder Gaspreise die Preissignale weg, die zum sparsamen und effizienten Verbrauch von Energie anhalten.“ Zweitens müsse der Preisunterschied von den Steuerzahlern bezahlt werden.
Bis 21. Juli soll die Gasleitung Nord Stream 1 noch gewartet werden. „Was die künftige Arbeit der Gas-Pipeline anbelangt, so wird viel von der Nachfrage unserer Partner abhängen und von illegitimen Sanktionen“, erklärte die russische Außenamts-Sprecherin in der vergangenen Woche.

Auch bei uns landet in normalen Zeiten Gas von Nord Stream 1. Daneben sind vor allem die Leitungen über die Ukraine für unsere Versorgung „zuständig“. Doch auch dort fließt weniger Gas, als möglich wäre.Die EU plant schon für den Gas-Notfall. Öffentliche Gebäude sollen dann nur bis 19 Grad Celsius geheizt werden, hieß es in einem ersten Kommissions-Entwurf.

Der frühere deutsche SPD-Finanzminister und spätere Linken-Chef Oskar Lafontaine schlägt eine andere Lösung vor. „Wenn man an die eigene Bevölkerung denkt, gibt es nur eine Lösung: Öffnet Nord Stream 2, um das Schlimmste zu verhindern“, fordert er auch von der deutschen Regierung. „Wenn man nur von Staaten wie den USA, Saudi-Arabien oder Katar und Russland, denen man völkerrechtswidrige Kriege vorwirft, Energie beziehen kann, dann sollte man den Lieferanten bevorzugen, der die beste und günstigste Ware hat. Das ist Russland.“
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