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Ausgabe Nr. 28/2022 vom 12.07.2022, Foto: stock.adobe.com
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Birgit Maurer begleitet bei Liebeskummer.
Vor Herzeleid ist keiner gefeit
Ob Frau oder Mann, Jung oder Alt, Liebeskummer kann jeden treffen. Die Psychologin Birgit Maurer, Gründerin der ersten heimischen „Liebeskummer-Praxis“, beleuchtet im Gespräch mit der WOCHE die Schattenseiten der Liebe.
Liebeskummer wird leider immer noch häufig in die ,Teenager-Ecke‘ verbannt. Aus meiner Erfahrung kann ich bestätigen, dass Liebesleid keine Altersgrenze kennt. Solange wir uns verlieben und die Sonnenseiten des Lebens genießen, müssen wir auch die Schattenseiten durchstehen. Vor Liebeskummer ist niemand gefeit. Auch nicht die abgebrühtesten Männer, die im fortgeschrittenen Alter und nach der dritten Scheidung erstmals im Leben Liebeskummer haben“, sagt Mag. Birgit Maurer, Expertin für Liebeskummer und Autorin des Buches „Wenn die Liebe Kummer macht“ (Goldmann-Verlag).

„Schmerzhafte Gefühle werden in Gang gesetzt“
Die Jüngsten, die bei ihr Hilfe suchen, sind knapp jünger als 30, die ältesten Klienten haben den 80er überschritten. „Eine 60jährige erzählte mir, dass sie bei der Beerdigung ihres Mannes nicht wusste, ob sie weinen oder ins Grab spucken sollte. Neben ihr stand eine Frau mit einem Kind. Es war die ,Zweitfrau‘, mit der der Verblichene jahrelang ein Doppelleben geführt hat. Oder eine betagte Dame, die beklagte, dass ihr Mann nach 55 Jahren Ehe mit einer anderen Frau ein neues Leben anfangen wollte. Da werden schmerzhafte Gefühle wie Enttäuschung, Trauer und Kränkung in Gang gesetzt, über die unbedingt geredet werden muss.“

Immer noch herrscht die Meinung vor, jeder solle doch mit seinem Liebesschmerz alleine fertig werden. „Wenn jemand nicht darüber redet, sei dies mit Freunden oder mit der Familie, dann frisst ihn der Schmerz innerlich auf. Bei hartnäckigem Liebeskummer ist professionelle Hilfe empfehlenswert. Denn wer nicht spricht, zerbricht“, weiß die 52jährige, die das Thema „Herzschmerz“ seit ihrer Jugend begleitet.

Ihren Erfahrungen zufolge entsteht durch Liebeskummer großes Leid, „deshalb sind die vielfältigen Schattenseiten der Liebe wie Trennung, Zurückweisung oder vergiftete Beziehungen für mich fesselnd. In den 1980er Jahren habe ich den ersten Zeitungsartikel über Liebeskummer, der heute noch bei mir herumliegt, verschlungen.“
Auch wenn der Liebeskummer oft nicht ernstgenommen oder gar belächelt oder verharmlost wird, bedeutet der Schmerz eine extreme Stress-Situation für den Körper, den Geist und die Seele. „Die Verliebtheit löst einen ,Hormon-Cocktail‘ aus, der uns in einen glückspsychotischen Zustand versetzt. Durch den Verlust einer Liebe kann es zu ,Entzugserscheinungen‘ kommen. Ein geliebter Mensch, die vertrauten Rituale und Gewohnheiten, die körperliche Zuwendung und alle anderen Verflechtungen wie der Freundeskreis, Familie, Kinder und Haustiere müssen entflochten werden. Unsere Existenz wird auf den Kopf gestellt“, beschreibt sie den emotionalen Ausnahmezustand.

Aus dem wieder herauszukommen, dabei unterstützt Maurer die Klienten. Ihre Arbeit bezeichnet sie als „detektivisch“, weil es darum geht herauszufinden, wo der Liebeskummer seinen Ursprung hat. „Häufig sind traumatische Erfahrungen in der Lebensgeschichte, die unerledigt blieben, der Grund. Je hartnäckiger der Liebeskummer ist, umso größer sind die Selbstzweifel und umso geringer ist das Selbstwertgefühl des Betroffenen“, sagt sie.

Im Sommer bekommt es die Liebeskummer-Expertin naturgemäß vermehrt mit unerfüllten Erwartungen zu tun. „Am Meer, bei Sonnenschein, Eiskaffee und einem Cocktail am Strand fällt das Kennenlernen naturgemäß leichter als im alltäglichen Umfeld. Die Erwartungshaltung ist groß. Ebenso groß ist das Risiko, in einer nicht alltagstauglichen Illusion hängenzubleiben“, warnt Maurer vor der „Sehnsuchts-Falle“. Wenn der Urlaub vorbei ist, kann es durchaus sein, dass sich der eine mit der schönen Erinnerung an einen heißen Flirt verabschiedet, während der andere mit Liebeskummer im Gepäck heimkommt, um sich bei mir Hilfe zu holen“, erzählt sie.

Wer sich in seinem Schmerz professionell begleiten lässt, muss bereit sein, sich zu fragen, was er zugelassen, übersehen oder wo er keine Grenze gesetzt hat. Die meisten, die bei Maurer Hilfe suchen, können den Kummer benennen. „Sie wissen, ob eine Trennung, Betrug oder Kränkung der Grund ist. Eingangs frage ich meine Klienten immer, wie lange sie mich denn brauchen werden. ,Mein Leben lang‘, bekomme ich häufig als Antwort. In den meisten Fällen sieht die Welt bereits nach einem halben Jahr viel besser aus“, versichert Birgit Maurer.

„Wie haben Sie Ihren Liebeskummer überwunden?“

Paula Duller, 77, Pensionistin
„Meditieren hat mir geholfen“
„Nach siebenjähriger Ehe hat mich mein damaliger Mann mit einer jüngeren Frau betrogen. Ich war 42 Jahre alt. Als er sich dann von mir wegen ihr trennte, war ich am Boden zerstört und litt unter extremem Liebeskummer.
Ich bin nach Indien in ein buddhistisches Kloster gereist. Dort habe ich gelernt zu meditieren. Was mir geholfen hat zu erkennen, dass ich keinen Mann zum Glücklichsein brauche. Als ich endlich mit mir selbst im Reinen war, lernte ich die Liebe meines Lebens – meinen jetzigen Ehemann – kennen.“

Michael Hellmann, 38, Angestellter
„Ich boxte den Schmerz aus dem Leib“
„Ich war wütend und enttäuscht, als ich durch Zufall draufkam, dass mich meine Verlobte kurz vor unserer Hochzeit betrogen hat. Sie beteuerte, es sei nur ein Mal und ,nur Sex‘, aber für mich war es vorbei. Sie war die Liebe meines Lebens, ich war am Boden zerstört, konnte ihr nicht verzeihen und trennte mich schweren Herzens.
Ich bin überhaupt nicht gefühlsduselig, aber das hat mir zu schaffen gemacht. Der Sport hat mir geholfen, ich habe mir im wahrsten Sinne des Wortes Schmerz, Wut und Enttäuschung aus dem Leib geboxt. Ein gutes halbes Jahr habe ich damit gehadert, bis ich wieder offen für Neues war.“

Sarah Riegler, 28, medizinische Fachangestellte
„Ich wurde zum Bücherwurm“
„Mit meiner großen Liebe, dem Mann, den ich heiraten wollte, war ich drei Jahre zusammen. Als er mit mir Schluss machte, fiel ich aus allen Wolken. Er meinte, er wolle sich nicht binden und sei noch nicht bereit für eine Familie. Wochenlang weinte ich, zog mich zurück, war lustlos und fühlte mich einsam und verlassen.
Eine Freundin gab mir Literatur zum Thema ,Selbstwertgefühl‘ zu lesen. Ich wurde zum Bücherwurm und mir wurde bewusst, dass ich mich selbst lieben muss, um gestärkt für eine neue Liebe zu sein. Diesbezüglich hat mir auch eine Gesprächstherapie geholfen. Es geht mir nun viel besser.“

Wolfgang Mayerhofer, 64, selbstständig
„Meine Freunde waren eine Stütze“
„Als junger Mann verbrachte ich meine Urlaube im Salzkammergut bei meinen Großeltern. Ich war 25, als ich mich dort in ein fesches Mädel verliebte. Leider war sie bereits in festen Händen. Sie hatte zwar auch Gefühle für mich, entschied sich aber doch für ihren Verlobten.
Ich habe lange gebraucht, über sie hinwegzukommen. Meine Freunde waren damals eine echte Stütze. Sie haben mich aufgeheitert und mich abgelenkt. Unsere Motorrad-Ausflüge brachten mich auf andere Gedanken. Nach ein paar Wochen schon waren die traurigen Gefühle verflogen.“
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