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Ausgabe Nr. 23/2022 vom 07.06.2022, Foto: Stadt Wien
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Beim Flughafen Wien steht die bislang größte Photovoltaik-Anlage des Landes (rund 32 Fußballfelder groß).
Land am Strome
Wir sollen und wollen erneuerbare Energie einsetzen. Um das zu schaffen, müssen entsprechende Kraftwerke gebaut werden. Doch dies verhindern immer wieder Bürgerinitiativen.
Solarpaneele, so weit das Auge reicht. Auf einer Fläche von 1,2 Quadratkilometern, das ist fast halb so groß wie die Wiener Innenstadt, ist in Güssing (Bgld.) die größte Photovoltaikanlage des Landes geplant. Sie soll Strom für 30.000 Haushalte liefern.
Aufgrund des Klimawandels werden erneuerbare Energien, also Wind-, Wasser- und Sonnenkraft, stark ausgebaut. Bis 2030 soll hierzulande nur noch Ökostrom fließen, bis 2040 wollen wir klimaneutral sein. Doch wo diese Energien ausgebaut werden, regt sich oft Widerstand, so auch in Güssing.

„Wir sind nicht gegen erneuerbare Energien, aber hierbei handelt es sich um eine Monster-Photovoltaikanlage auf einer Fläche so groß wie 165 Fußballfelder“, erklärt der Güssinger ÖVP-Vizebürgermeister Alois Mondschein. Er besteht darauf, Solaranlagen zuerst auf Hausdächern und versiegelten Flächen zu bauen, und fordert eine Volksbefragung.

„Solaranlage notwendig für Energiewende“
Ins gleiche Horn stößt der Güssinger Unternehmer Franz Reichardt, der mit anderen Bürgern eine Petition gegen die Solaranlage eingebracht hat. Auch er sei nicht gegen erneuerbare Energien, „doch hier wird wertvolles Ackerland zerstört. Der enorme Verbrauch an landwirtschaftlichen Nutzflächen gefährdet unsere Versorgungssicherheit. Die Situation verschärft sich noch, da die Ukraine als Agrarexporteur wegfällt.“
Der Güssinger SPÖ-Bürgermeister, Vinzenz Knor, 66, ist hingegen überzeugt: „Die Solaranlage ist notwendig für die Energiewende.“ Das Projekt hat allen Naturschutz- und Umweltverträglichkeitsprüfungen standgehalten. Auch sieht Knor keine Bodenversiegelung, zumal die Paneele auf Pfählen befestigt werden.

Mit der burgenländischen ÖVP geht der Bürgermeister hart ins Gericht. Ihre Linie würde nicht zur Bundes-ÖVP passen, die gemeinsam mit den Grünen das Erneuerbaren Ausbau Gesetz (EAG) verabschiedet hat. Bis zu einer Milliarde Euro soll jeweils im Drei-Jahres-Mittel in die Erneuerbaren fließen.
Seinem Bürgermeister schließt sich der Güssinger Großgrundbesitzer Nikolaus Draskovich an. Auf seinem Acker soll die Solaranlage entstehen. Er sieht sich als Vorreiter der Energiewende. „Es ist traurig, dass hier Widerstand geleistet wird, um wahlpolitisches Kleingeld zu machen.“

Güssing ist nicht die einzige Region, in der neue Kraftwerke bekämpft werden. So erhitzen in St. Peter Freienstein (Stmk.) zwei geplante Solaranlagen, zusammen so groß wie 37 Fußballfelder, die Gemüter.

Schwarzstorch verzögerte Windpark
Hier stemmt sich die FPÖ gegen die Anlage, während sie die SPÖ-Bürgermeisterin, Anita Weinkogl, verteidigt. „Der Projekt-Antrag liegt acht Wochen lang auf. Es wird auch eine Bürgerversammlung geben, in der Einspruch erhoben werden kann.“
Am Schildberg nahe St. Pölten (NÖ) drohte ein geplanter Windpark zur unendlichen Geschichte zu werden. Die drei Windräder waren schon 2017 genehmigt. Durch Bürgerproteste wurde der Bau aber immer wieder verzögert. Das Bundesverwaltungsgericht behandelte 13 Einsprüche, etwa weil dort der Schwarzstorch brütet. 2021 bekam der Bau aber grünes Licht.

China als Solarland
Als Vorreiter bei Solarenergie gilt China. Das 1,4-Milliarden-Einwohner-Land besitzt ein Viertel der weltweiten Solarkapazitäten. Das Reich der Mitte hat riesige Photovoltaik-Parks, die teils auch auf dem Wasser schwimmen. Bis 2060 will China mehr als 60 Prozent seines steigenden Strombedarfes aus Wasser- und Solarkraft decken.

Weltweit gesehen liegt der Anteil von Sonnenkraft nur bei zwei Prozent. Doch das Potenzial ist enorm, sind sich Experten einig. Denn der Bau der Solarmodule wird immer preiswerter, Sonnenkraft gilt als billigste Energieform.
Das weiß auch die Politik. „Im Erneuerbaren Ausbau Gesetz ist eine Erweiterung der Sonnenkraft um elf Terawattstunden (Twh) vorgesehen“, erklärt die Geschäftsführerin von Photovoltaik Austria, Vera Immitzer. Eine Terawattstunde sind eine Milliarde Kilowattstunden. Die Notwendigkeit solcher Anlagen liegt auf der Hand. Denn der Stromverbrauch steigt stetig. Derzeit produziert unser Land rund 74 Terawattstunden Strom, bis 2030 soll es um ein Drittel (27 Twh) mehr sein.

„Damit die Stomwende gelingt, muss sich die Photovoltaik-Leistung versechsfachen. Dann deckt unser Land etwa 20 Prozent des Strombedarfes aus Photovoltaikanlagen ab. Aktuell sind es mehr als drei Prozent“, erklärt Immitzer.
Wien forciert die Energiewende auch mit Geothermie-Pilotprojekten. So wird das Erdreich unter einem Altbau als saisonaler Wärmespeicher genutzt. Dazu wurden auf dem Areal bis zu 150 Meter tiefe Sondenschächte in die Erde gebohrt. Dort fließt Heißwasser aus Solarkollektoren hinein, um das Erdreich um rund drei Grad zu erwärmen. Die Wärme hält sich bis in die Wintermonate und kann entnommen werden, indem das Wasser erneut im Kreis zirkuliert. Auf diese Art könnte Wien umweltschädlichen Gasheizungen den Kampf ansagen.

In Wien gibt es auch einige riesige Solaranlagen. Jene am „Schafflerhof“ im Bezirk Donaustadt ist so groß wie 16 Fußballfelder und produziert Strom für 4.900 Haushalte. Zudem weiden dort auch 150 flauschige „Solarschafe“. Sie sorgen als natürliche Rasenmäher dafür, dass das Gras zwischen den Paneelen nicht zu hoch wird.

Die Kraft der Sonne
  • 3,6 Prozent des heimischen Stromes kommen aus Solaranlagen.
  • Zwei Terawattstunden Strom haben Photovoltaikanlagen im Jahr 2020 erzeugt.
  • Das reicht, um rund 460.000 Haushalte zu versorgen.
  • Knapp eine Million Tonnen klimaschädliches Kohlendioxid (CO2) wurden so eingespart.
  • Um bis 2030 klimaneutral zu werden, müssen noch eine halbe Million Dach-Solaranlagen und 80 Quadratkilometer an Freiflächen-Anlagen entstehen.
  • Für eine Haus-Solaranlage mit einer maximalen Leistung von sieben Kilowatt Peak gibt es rund 2.000 Euro Förderung. Mehr Infos im Internet auf oem-ag.at/de/foerderung.
Solarkraftwerk macht Salz zu Strom
Im sonnigen Andalusien (Spanien) findet sich die nächste Generation der Sonnenenergie.
Bei einem „Solarturmkraftwerk“ reflektieren mehr als 2.600 Spiegel das Sonnenlicht auf einen 140 Meter hohen Turm.
Darin ist Salz gelagert, das auf mehr als tausend Grad erhitzt und so zum Schmelzen gebracht wird. Das geschmolzene Salz gelangt zu einem Wärmetauscher, der Dampf erzeugt. Das treibt eine Turbine an, die pro Jahr 110 Gigawattstunden Strom produziert. Genug, um 25.000 Haushalte ein Jahr zu versorgen.
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