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Ausgabe Nr. 22/2022 vom 31.05.2022, Foto: Franz Gruber / KURIER / picturedesk.com
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Auch die Bahnsteige sind überfüllt.
„Weil der Zug voll war, musste ich aussteigen“
Überfüllte Waggons und Reisende, die auf dem Bahnsteig warten müssen. Die hohen Spritpreise und das neue „Klimaticket“ führen zu einem Ansturm auf öffentliche Verkehrsmittel. Die Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) denken nun über eine Reservierungspflicht nach.
Ich fahre gerne mit der Bahn, aber wenn im Zug kein Sitzplatz frei ist oder ich gar nicht erst einsteigen kann, vergeht mir die Lust“, sagt Manfred Feinig, 21, aus Klagenfurt (K). Der Student pendelt oft nach Wien und leidet unter den vollen Zügen. „Der Höhepunkt war, als ich in Leoben (Stmk.) wegen Überfüllung des Zuges aussteigen musste. Andere Passagiere weigerten sich, deshalb wurde sogar die Polizei geholt.“

Beschwerden dieser Art nehmen zu. Denn seit den hohen Spritpreisen und der Einführung des „Klimatickets“ im Oktober 2021, das das Bahnfahren billiger macht, herrscht ein regelrechter Ansturm auf die Schiene.
Die Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) bestätigen die steigenden Zahlen im Fernverkehr. 2019 stellte mit 477 Millionen Fahrgästen ein Rekordjahr dar. Heuer dürfte das noch übertroffen werden.

Trotz vier Milliarden Euro Investitionsprogramm
„Diesen Mai haben wir bereits rund zehn Prozent mehr Fahrgäste als im Mai 2019“, erklärt der ÖBB-Sprecher Bernhard Rieder.
Er verweist auf das derzeit laufende, „höchste Investitionsprogramm in der Geschichte der ÖBB“. Vier Milliarden Euro fließen in die Schiene. So wurden heuer 186 Doppelstockwaggons um 400 Millionen Euro aus der Schweiz geordert. Ab 2026 sollen sie großteils für die Schnellbahn in Wien und Niederösterreich zum Einsatz kommen. Zudem baut Siemens gerade 33 Nachtzüge (Nightjets), die 2025 auf Schiene sein sollen.
Doch davon haben die Fahrgäste heute freilich noch nichts. Die ÖBB haben den Fahrgastanstieg verschlafen, lautet die Kritik.

Bernhard Rieder von der ÖBB versucht zu beruhigen. „Wir bestellen schon seit 2018 neue Zuggarnituren. Es dauert aber extrem lange, bis sie geliefert werden. Teils werden neue Garnituren schon 2023 im Einsatz sein“, sagt Rieder. „Passagiere ohne Reservierung werden zudem nur selten aus dem Zug gebeten. Sogar am Osterwochenende betraf das nur 0,3 Prozent der Fernzüge.“ Rieder gesteht aber ein, dass dieser Ansturm auf die Schiene nicht einkalkuliert war.
Fahrgästen von ÖBB-Fernverkehrszügen rät er, „Bitte reservieren Sie vor Ihrer Reise im Fernverkehr einen Sitzplatz, damit Ihre Reise unbeschwerlich und mit einem garantierten Sitzlatz vonstatten geht.“

Eine Reservierung kostet allerdings drei Euro. Um den vollen Waggons Herr zu werden, denkt die ÖBB nun sogar an eine Reservierungspflicht. Eine solche gibt es etwa in Frankreich für viele Zugfahrten. Derzeit werten die ÖBB eine Fahrgast-Befragung aus, wie diese zu einer Reservierungspflicht stehen.
Der Klagenfurter Student Manfred Feinig ist jedenfalls dagegen. „Ich sehe nicht ein, dass ich einen Sitzplatz kaufen soll.“ Auch vom Fahrgast-Dachverband „Probahn“ kommt eine Absage.

Dichterer Fahrplantakt statt Reservierungspflicht
„Durch eine Reservierungspflicht würde jede Flexibilität abhanden kommen. Die Schiene wurde durch das Klimaticket gerade erst attraktiver.
Eine Reservierungspflicht würde sie wieder unattraktiver machen. Man soll nicht vorher überlegen müssen, nehme ich den Zug oder nicht“, sagt der Sprecher Marcus Pirker. Er pocht auf einen dichteren Fahrplantakt.

Rieder von der ÖBB verweist darauf, dass an Starkreisewochenenden, wie zu den anstehenden Pfingstfeiertagen, noch 10.000 Sitzplätze angeboten werden können. „Großteils sind das eigene Züge. Denn bei vielen Zügen ist die maximale Länge schon erreicht.“ So fährt der „Railjet“ auf der Westbahn schon mit 14 Waggons, 840 Passagiere können transportiert werden. Die Doppelstockwaggons, die aus der Schweiz kommen sollen, können fast überall fahren, sie passen mit ihrer Höhe durch normale Tunnel.

Bemerkenswert ist, dass die Situation im heimischen Nahverkehr entspannter ist als im Fernverkehr. Hier sind die Fahrgastzahlen gegenüber 2019 um rund vier Prozent gesunken. Begründet wird das mit dem Trend zur Heimarbeit („Homeoffice“). Durch die hohen Spritpreise wird aber auch hier mit steigenden Fahrgastzahlen gerechnet.
Bei der Westbahn, die zwischen Wien und Salzburg fährt, ist die Lage nach eigenen Angaben entspannt. Auch weil „mit 12. Juni der Fahrplan auf einen nahezu durchgehenden Halbstundentakt erweitert wird“, erklärt die Sprecherin Angelika Santner. Zudem würden die 15 Doppelstockgarnituren der Westbahn deutlich mehr Platz bieten als andere Fernverkehrszüge. Und es gibt eine „bessere Verteilung der Klimaticket-Kunden. Sie reisen in der Komfort-Klasse aufpreisfrei.“

Wir sind EU-„Bahn-Champion“ mit 832 Kilometern pro Person
In Deutschland gibt es seit Kurzem ein Neun-Euro-Ticket für öffentliche Verkehrsmittel. Es gilt für ein ganzes Monat. Ein Vergleich mit heimischen Tarifen hinkt jedoch. „Diese Fahrkarte gilt nur für den Nahverkehr, nicht aber für den Fernverkehr. Wer mit dem Neun-Euro-Ticket von Passau nach Hamburg (D) fahren möchte, wäre acht Stunden unterwegs und müsste acht Mal umsteigen.“

Als Vorzeigeland beim Schienenverkehr gilt die Schweiz. Was die Eidgenossen besser machen, weiß Christian Gratzer vom Verein Mobilität mit Zukunft (VCÖ). „Die Schweizer haben sich in den 80er Jahren in einer Volksabstimmung für große Investitionen in die Schiene ausgesprochen. In den 90er Jahren, als bei uns Regionalbahnen noch kaputtgespart und Bahnstrecken eingestellt wurden, begann die Schweiz, ihr Bahnnetz stark auszubauen und zu modernisieren. Heute gibt es dort ein dichtes Schienennetz mit häufigen Verbindungen, die Züge fahren teils sogar im Viertelstundentakt. Die Bahnen sind optimal mit dem Regionalverkehr abgestimmt, die Qualität des Wagenmaterials ist hoch.“

Doch auch unser Land habe in den vergangenen zehn Jahren aufgeholt. So sind wir in der EU auch im Corona-Jahr 2020 „Bahn-Champion“ geblieben. „Mit 832 Kilometern pro Person und Jahr liegen wir knapp vor Frankreich (829), ‚Bronze‘ ging an Schweden (783).“
„Europa-Meister“ ist freilich die Schweiz mit 1.539 Kilometern.

Um drei Euro pro Tag durchs ganze Land mit dem Klimaticket
  • Mit dem „Klimaticket Ö“ können Sie ein Jahr lang alle Linienverkehre (bis auf touristische Angebote) in unserem Land nutzen.
  • Kosten: 1.095 Euro. Reisende bis 25 und ab 65 Jahren sowie Menschen mit Behinderung zahlen 821 Euro.
  • Für einen Aufschlag von 110 Euro pro Jahr dürfen bis zu vier Kinder (6 bis 15 Jahre) mitreisen. Kleinkinder fahren gratis mit.
  • Es gibt auch Klimatickets für einzelne Bundesländer (OÖ: 365 Euro, Steiermark 588 Euro, Salzburg 365 Euro, Kärnten 550 Euro, Tirol 519,60 Euro, Vorarlberg 393 Euro) sowie kombinierte Tickets (Wien, Niederösterreich und Burgenland um 915 Euro).
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